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Kirche in WDR 5 | 21.08.2020 | 06:55 Uhr

Krone richten

Guten Morgen,

Scheitern als Chance. Was für ein Motto! Populär gemacht hat es Christoph Schlingensief, der heute vor zehn Jahren an Krebs starb. Er zählt wohl zu den einfallsreichsten, provokativsten und genialsten Künstlern der letzten Jahrzehnte und wird von vielen hochgeschätzt. So schrieb die Kunsthistorikerin Susanne Gaensheimer einmal: Schlingensief „scheute sich nicht, die Dinge unverhohlen auszusprechen, in aller Radikalität, oft schockierend und schmerzhaft. Gerade dadurch hat er nicht nur die Kunst, sondern die ganze Gesellschaft bereichert. Seine Werke haben wie wenige tatsächlich eine soziale Dimension.“[1]

Die soziale Dimension seiner künstlerischen Arbeit zeigte sich in vielen Aktionen. Eine Arbeit war dabei sehr bemerkenswert: 1998 – es war Bundestagswahlkampf – rief Schlingensief in einem angemieteten Zirkuszelt in Berlin eine Partei ins Leben. Ihr Name: „Scheitern als Chance“. Der Künstler griff damit etwas auf, was zum Credo einer auf Effizienz getrimmten Gesellschaft gehörte: Wir können nicht einfach scheitern. Denn noch im Scheitern muss sich dieses zugleich als eine Chance entpuppen. Zugespitzt heißt das: Wenn wir scheitern, ist das letztlich nur eine Etappe zum Erfolg. Ich frage mich aber: Was ist mit all denjenigen, die scheitern, ohne damit eine neue Chance zu bekommen? Was ist mit den absoluten Verlierern einer rein erfolgsorientierten Gesellschaft?

Schlingensief rückte gerade diejenigen ins Rampenlicht, für die sich mit dem Scheitern keine Chance verband, die Unsichtbaren und von der Gesellschaft Ausgegrenzten. Obdachlose, Arbeitslose, Menschen mit Behinderungen wurden zu Mitgliedern seiner neu gegründeten Partei. Klar war natürlich eines: Diese Partei, dieser Balanceakt zwischen Kunst und Politik, würde selbst grandios scheitern. Wirklich scheitern, ohne Chance letztlich doch noch zum Erfolg zu führen. Und die Partei scheiterte dann auch mit Null Komma Null sieben Prozent der Stimmen bei der Bundestagswahl. Obendrein verschuldete Schlingensief sich mit seinem Wahlkampfzirkus.

Ich möchte gar nicht in Abrede stellen, dass es natürlich oft hilfreich und tröstlich ist, im Scheitern – auch – eine Chance zu entdecken. Aber wer das Credo „Scheitern ist bloß ein Schritt auf dem Weg zum Erfolg“ zu inbrünstig vertritt, läuft Gefahr, jedes Scheitern letztlich schön zu reden. So jedenfalls verstehe ich den folgenden Spruch: Hinfallen, Aufstehen, Krone richten, weitergehen! Dieser Spruch springt mich an vielen Stellen an: auf T-Shirts, Tassen, Postkarten, Frühstücksbrettchen. Er hat sich in Gedanken eingenistet mit der Devise: Weitermachen! Als ob nichts gewesen wäre. Ruckel Dich nur kurz zurecht, dann Haltung einnehmen. Wenn Dir übel mitgespielt wurde, wenn Du verloren hast, wenn Du verraten oder zum Gespött wurdest, denk an die Krone, denk vor allem, denk als erstes, denk an nichts anderes als an die Krone. Gescheitert? Egal, weitermachen, tu so, als wäre nichts gewesen.

Was würde Schlingensief heute machen mit einer so noch einmal gesteigerten Verharmlosung des Scheiterns und der damit verbundenen Verhöhnung der Gescheiterten? Ist das Scheitern nicht einmal mehr der Rede wert? Ist das Scheitern reduziert auf eine Geste des Krone-Zurechtrückens? Was würde Schlingensief heute zu dieser Unkultur des Scheiterns sagen? Ich wüsste es zu gern. Einer wie er fehlt jetzt mehr denn je.

Ihre Katharina Klöcker


[1] https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buehne-und-konzert/festspiele/stimmen-zum-tod-von-christoph-schlingensief-ein-kuenstler-von-bestuerzender-relevanz-1657123.html?printPagedArticle=true#pageIndex_2.

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