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Das Geistliche Wort | 02.08.2020 | 08:40 Uhr

Leben heißt gerufen sein. Menschsein aus Gottes Ruf


Guten Morgen!

Ich weiß nicht, wie oft ich am Tag angesprochen werde. Ich bin als Schulseelsorger an der Liebfrauenschule Grefrath tätig. Und da gibt es viele Situationen in meinem Alltag, in denen ich gerufen werde. Eigentlich eine Banalität – könnte man sagen. Daran ist doch nichts Besonderes – gerade, wenn man in der Öffentlichkeit steht. Und auch umgekehrt: Ich spreche tagein tagaus ganz viele Menschen an.

Natürlich ist das nichts Besonderes. Und dann ist es doch wieder besonders. Das beginnt nämlich damit, dass ich beim Namen gerufen werde und andere mit ihrem Namen anspreche. Der Name steht für Identität, für ein ich, ein Individuum, für eine ganze Persönlichkeit. Wenn ich beim Namen gerufen werde, dann geht es um mich, unverwechselbar und einmalig.

Wenn das schon für die Begegnung zwischen Menschen gilt, was – so frage ich mich – bedeutet das, wenn es um den Anruf Gottes geht? Der jüdische Theologe und Religionsphilosoph Martin Buber hat einmal eine steile Behauptung formuliert:

„In jeder Zeit ruft Gott jeden Menschen“ (an: „Wo bist du in deiner Welt?)[1] Dieser Satz hat mich so richtig gepackt als ich ihn das erste Mal las.

Gott ruft und spricht den Menschen an, jeden Menschen. Er spricht Sie und mich an – immer und unverwechselbar!

Gott spricht jeden Menschen an. Das ist nicht nur die Überzeugung von Martin Buber, sondern auch meine. Er spricht mich an durch andere Menschen, durch die Erfahrung der Schöpfung, in Zeiten der Freude und auch dann, wenn es mir schlecht geht. Er ruft, wenn ich vor Freude die ganze Welt umarmen möchte oder mich traurig und resigniert am Liebsten vergraben möchte …

Gott ruft – immer.

Und das bedeutet für mich dann weiter: Jeder Mensch ist ein von Gott (ins Leben) Gerufener. Das hat überhaupt nichts Exklusives, sondern ist jedem Leben von Anfang an eingeschrieben. Jedes Menschenkind ist in diese Welt „hineingerufen“.

Schon auf den ersten Seiten der Bibel im Buch Genesis wird der Mythos erzählt, wie Gott in den Paradiesgarten hineinruft: „Adam. Wo bist du?“ Aber Adam antwortet nicht. Das unbefangene Gespräch zwischen Gott und Mensch ist gestört. Adam hatte sich nicht an die „Abmachung“ mit Gott gehalten, nicht vom Baum der Erkenntnis zu essen. Deshalb versteckt sich Adam vor Gott. Er realisiert, dass er nackt ist und schämt sich. Aber – und das ist der Clou der sogenannten Sündenfallgeschichte – Gott lässt sich nicht davon abhalten, mit Adam, dem Menschen, im Gespräch zu bleiben: „Wo bist du, Adam?“ Und selbst als Adam und Eva das Paradies verlassen müssen, überlässt Gott den Menschen nicht seinem Schicksal. Er stattet den nackten Menschen mit Kleidung aus und macht ihm im wahrsten Sinne des Wortes ein „dickes Fell“, damit er leben, überleben kann.

Gott hört nicht auf, nach dem Menschen zu rufen, sich für ihn zu interessieren.

Klaus Hemmerle, der frühere, bereits verstorbene Bischof von Aachen, hat dies einmal so formuliert:

Sprecher/in:„Der Mensch ist gerufen, indem er geschaffen ist. Dies ist das Eigentümliche, Besondere an ihm, an seiner Erschaffung: gerufen sein. … gerufen sein und in Freiheit selbst sein. … die Heilsgeschichte ist mit dem Fall Adams nicht zu Ende … Immer neu macht Gott Anläufe, um das Nein des Menschen zu seinem Ruf aufzubrechen.“[2]

Für mich ist die Erinnerung daran, dass ich als Mensch ein von Gott Gerufener bin, das grundlegende Fundament für mein Leben. Ich finde es schade, dass dieser wunderbare Anruf an jeden Menschen allzu oft exklusiv für wenige verstanden wird, beschränkt auf Priester und Ordensleute. Der Anruf Gottes gilt jedem Menschen, auch wenn der Mensch sich von Gott abwendet.

Der Anruf Gottes gilt jedem Menschen. Diese Überzeugung hilft mir, ohne Vorurteile und unbefangen, Menschen begegnen zu wollen. Denn wenn Gott jeden Menschen anruft, dann hat er an jedem Menschen Interesse, ist ihm jeder Mensch wichtig. Und deshalb will auch ich Interesse an jedem Menschen haben. Dass mir dies nicht immer gelingt, steht auf einem anderen Blatt. Denn es gibt in mir natürlich nicht nur Sympathie, sondern auch Abneigung gegenüber Menschen. Aber ich möchte, dass dieser göttliche Anspruch mein inneres Maß ist, an dem ich mich selbst messen will. Ich weiß, das ist anspruchsvoll.

Und ich frage mich, wie entdecke ich überhaupt, dass ich ein von Gott Gerufener bin? Um eine Antwort zu versuchen: Ich beginne meine Sehnsucht wahrzunehmen. Bereits die Lyrikerin Nelly Sachs sagt: „Die Sehnsucht ist der Anfang von allem.“, Und ich würde ergänzen: Wenn ich mich der Sehnsucht innerlich öffne, bin ich Gott in meinem Leben schon auf der Spur.

Aber auch das fällt mir oft gar nicht leicht – die eigene Sehnsucht, das Wollen, Wünschen und Begehren wahrzunehmen, sie zuzulassen. Dazu brauche ich die Bereitschaft und die Fähigkeit zu hören, genauer: in mich hinein zu hören. Und das kann ich lernen, einüben. Ich kann mein inneres Ohr trainieren. Das beginnt eben damit, mit den äußeren Ohren besser zu hören, still zu werden, die äußere Stille bewusst wahrzunehmen.

Aber es geht um mehr als nur äußerlich still zu werden. Es geht darum, wach, aufmerksam, wertschätzend und einfühlsam mit mir selbst und mit den Menschen um mich herum zu sein. Denn in vielen kleinen Zeichen und Worten im Lauf eines Tages bekomme ich Hinweise und Hilfen durch andere, die mir helfen, mehr bei mir zu sein, die mir helfen, meine Gefühle und inneren Bewegungen wahrzunehmen. Ich muss ihnen nur nachhören, nachgehen.

Ich bin überzeugt, dass ich in all dem Gottes Rufen nach mir wahrnehmen kann. Ich kann mich sozusagen darin einüben, immer mehr mit dem Herzen zu hören. Und darin kann ich vielleicht mehr ahnen als wissen, dass ich kein Zufallsprodukt bin, sondern geliebt – und zwar von Gott.

Ich bin kein Zufallsprodukt, sondern von Gott geliebt.

Für mich ist das nicht einfach ein netter, frommer Gedanke, den man haben kann oder auch nicht. Es ist für mich keine religiös-spirituelle Sauce über mein Leben.

Für mich ist es das Fundament, auf dem ich stehe, der Wurzelgrund, aus dem mein Leben heraus wachsen kann.

Darauf vertraue ich. Bestärkt werde ich in diesem Vertrauen durch das, was die Evangelien von Jesus erzählen: Er beginnt seinen Weg in der Öffentlichkeit erst, nachdem er selbst erfahren hat, ein geliebter Sohn zu sein. Jesus wird von Johannes im Jordan getauft und hört die Zusage Gottes (Mk 1, 11): „Du bist mein geliebter Sohn, an dir habe ich (Wohl-)Gefallen gefunden.“

Und als es für Jesus schwieriger wird, die Spannungen und Auseinandersetzungen mit den religiösen und politischen Führern und mit seiner Familie zunehmen, da macht er von neuem diese Erfahrung auf dem Berg der Verklärung. Er hört und erfährt erneut den Zuspruch durch Gott (Mk 9,7): „Du bist mein geliebter Sohn.“

Im Bild vom barmherzigen Vater, der dem verlorenen Sohn mit offenen Armen entgegengeht, zeigt sich dasselbe Motiv (vgl. Lk 15,11-32): Du bist mein geliebter Sohn. Ich stelle mir vor, dass der Vater oft nach dem Sohn gerufen hat. Vielleicht nur still in seinem Innern vielleicht aber sogar laut voller Sehnsucht und Schmerz.

Und wieder ist es dasselbe Motiv, wenn der Hirte dem verloren gegangenen Schaf nachgeht, es sucht (vgl. Lk 15,4-6). Und auch hier – so stelle ich es mir vor – höre ich den Hirten rufen.

Gott ruft nach mir. Ich bin sein geliebter Sohn, seine geliebte Tochter. Wenn ich tief in mir glauben und spüren kann, dass es DEN gibt, der nach mir sucht, der sehnsüchtig nach mir ruft, der mit mir im Gespräch, in Begegnung sein möchte, dem ich nicht gleichgültig bin, dann kann ich viele Herausforderungen, in die mich das Leben stellt, bewältigen. Dann weiß ich, dass mich so schnell nichts umwerfen kann – weil ich ein Fundament, einen Wurzelgrund habe.

Das wünsche ich Ihnen von Herzen und einen gesegneten Sonntag und eine gute Woche.

Ihr Pfarrer Frank Reyans aus Grefrath.

[1] Martin Buber, Der Weg des Menschen nach der chassidischen Lehre, Gütersloh 1999 (13. Auflage), S.7-8.

[2] Klaus Hemmerle, Gerufen und verschenkt, Leipzig 1986, S.28/29.

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