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Das Geistliche Wort | 09.05.2021 | 08:40 Uhr

Liebt einander

„Du sollst sie lieben!“, so klingt es immer wieder in meinem Hinterkopf. Seit diesem Novemberabend als ich mit einem Freund die Außenalster in Hamburg umrundete, lässt mich der Satz nicht mehr los. Es ist ein Mantra, liebe Hörerinnen und Hörer, das seit nunmehr 12 Jahren mein Leben begleitet. Guten Morgen!

Musik I: Yann Tiersen: Mother´s journey (O.S.T. Goodbye Lenin)

Vor 12 Jahren war ich noch in der Ausbildung zum Diakon. Ich war mit großen Idealen aus meiner Heimatgemeinde, meiner Ausbildung und meinem Studium zum Einsatz als Priester in der Kirche aufgebrochen und plötzlich begann das Traumschloss einer idealen Kirche in mir zu zerbröseln. Es zerbröselte an den vielen Menschen, die Kirche und Glauben anders leben und sehen als ich und damit meinen Lebensentwurf in Frage stellten. Damals hat mir ein Freund diesen einen Satz gesagt und er ist für mich zu einem Schlüssel geworden, um die Vielschichtigkeit und auch Widersprüchlichkeit christlichen und auch kirchlichen Lebens auszuhalten: „Du sollst sie lieben!“ Bis heute ruft mich dieser Satz mantraartig: „Du sollst sie lieben!“ Für meinen Freund, der diesen Satz nicht nur spricht, sondern auch lebt, versteckt sich dahinter ein Stil, eine Lebenseinstellung und eine Haltung, die sagt: Nimm die Menschen so an, wie sie sind. Sieh ihre Stärken und Schwächen und versteh, dass Du Dein Ideal von Kirche und Glauben nur mit ihnen leben kannst – nicht gegen sie. Für mich ist diese Aufforderung derzeit aktueller denn je, wenn ich an die Situation der katholischen Kirche denke: der stockende Reformprozess und der Umgang mit dem eigenen Versagen im Missbrauchsskandal. Aber was heißt das genau: Du sollst Sie lieben? Eines muss ich direkt erklären: Dieses „Du sollst sie lieben!“ ist für mich nie süßlich, romantisch oder platter Satz gewesen. Er ist für mich eine Haltung des Respektes geworden. Eine Haltung, die mich nicht verschließt vor Menschen, die mir nicht liegen. Denn der Satz sagte mir: „Hör ihnen zu. Versuch sie in ihren Gedanken und Gefühlen zu verstehen. Zeige Respekt und bleibe freundlich, irgendwo zwischen ihren und meinen Ansichten werden wir uns treffen. Du sollst sie lieben!“

Musik II: Ludovico Einaudi: Una mattina

Liebe ist vermutlich eines der Worte, das am häufigsten in der Welt gesprochen wird und die unterschiedlichsten Erwartungen hervorruft und Vorstellungen berührt. Warum auch nicht – sie scheint ja auch so etwas wie die Urkraft allen Lebens zu sein. Aus Liebe entdecken Menschen einander und das Leben. Aus Liebe entsteht Neues und Liebe ist die Kraft, die Verbindung schafft. Das haben auch Menschen vor Jahrtausenden schon erkannt und haben ihre Kraft und Offenheit beschrieben und besungen. Love-songs stürmen noch heute Jahr für Jahr die Musikcharts und ein romantischer Schmöker steht immer irgendwo auf einer Bestsellerliste. Die Liebe scheint der rote Faden der Menschheit und ihrer Geschichte zu sein. Allerdings kennen Lieder, Bücher und Menschen auch schon die Gefahr, dass Liebe scheitern kann. Was aber ist die Liebe? Können Sie, liebe Hörerinnen und Hörer, die Liebe erklären? Die Antwort auf diese Frage hängt doch von ganz persönlichen Erfahrungen ab und ist wahrscheinlich so vielfältig wie die Menschen selbst. Seitdem Menschen denken, philosophieren, dichten, malen und singen können, grübeln sie und wagen Thesen was die Liebe ist: die stärkste Kraft des Lebens und das Scheitern von großen Plänen. Und beides liegt so nah beieinander. Mit der Frage „Kann mir mal jemand die Liebe erklären?“[1], beginnt der deutsche Philosoph Wilhelm Schmid sein kleines Büchlein über die Liebe, das ich mit großem Gewinn gelesen habe. Wilhelm Schmid spricht darin von der „atmenden Liebe“: „immer wieder wird sie [...] neu und anders gedeutet [...].“[2] Liebe ist lebendig, ist Leben. Gerade deshalb – so meine Deutung – fasziniert die Liebe Menschen bewusst oder unbewusst zeit ihres Lebens. Gab es je einen Menschen, der von sich sagen konnte: „Ich habe noch nie geliebt und bin noch nie geliebt worden“? Das liegt irgendwie außerhalb menschlicher Vorstellungskraft.

Musik III: Ludovico Einaudi: In a time lapse

Was die Menschheit seit Jahrtausenden über die Liebe auszudrücken versucht, kennt auch die Bibel und das Christentum versucht es zu leben: Dabei reicht das Spektrum von gelingender Liebe bis zu ihrem Scheitern. Gerade die biblische Überlieferung ist für mich ein wichtiger Teil meines Lebens und setzt einen Maßstab, wie ich lieben soll. Im sogenannten Johannesbrief wagt ein Autor in der Bibel eine steile These und schreibt (1 Joh 4,8): „Gott ist die Liebe“. Der Autor dieses Briefes aus dem ersten Jahrhundert verbindet seine Vorstellung nicht einfach mit einem anderen, auch nur schwer zu bestimmenden Inhalt, nämlich Gott, sondern bezieht die Liebe konkret auf sein großes Vorbild: Jesus von Nazareth. Und so erklärt er dann: „Meine Kinder, wir wollen nicht mit Wort und Zunge lieben, sondern in Tat und Wahrheit. [...] Wir sollen an den Namen seines Sohnes Jesus Christus glauben und einander lieben gemäß dem Gebot, das er uns gegeben hat. Wer seine Gebote hält, bleibt in Gott und Gott in ihm. Und daran erkennen wir, dass er in uns bleibt: an dem Geist, den er uns gegeben hat.“ (1 Joh 3,18.23f.) Dieser Jesus von Nazareth hat seinen Freundinnen und Freunden ein Gebot, eine Regel, einen Leitsatz hinterlassen und der lautet: „Ein neues Gebot gebe ich euch: Liebt einander! Wie ich euch geliebt habe, so sollt auch ihr einander lieben. Daran werden alle erkennen, dass ihr meine Jünger seid: wenn ihr einander liebt.“ (Joh 13, 34f.) Und da ist er wieder der Satz, der mich mantraartig seit vielen Jahren im Leben begleitet und mich herausfordert: „Du sollst sie lieben!“ Und mir ist längst klar: An der Liebe soll man Christinnen und Christen erkennen. Dort wo Jesus drauf steht, soll auch Liebe drin sein. Dahinter steckt ein strammes Programm. Wenn man sich mal die Lebensgeschichte Jesu in der Bibel anschaut, dann hat Jesus vorgelebt, was es heißt: „Liebt einander!“ Er hat Menschen geheilt, ihnen Mut machende Worte zugesprochen. Er hat geteilt, was er besessen hat, zugehört, mit den Menschen geweint und sich maßlos über die ungerechten Führenden seines Volkes aufgeregt. Er hat klare Worte gesprochen und den Finger in die Wunden seiner Zeit gelegt. Das hat einige verstört, galt für sie als lieblos – diente aber einer größeren Liebe, einer Liebe zur Wahrheit. Kein Wunder: am Ende ist er mit seinem Traum anscheinend gescheitert, denn seine bedingungslose Liebe brachte ihm den Tod am Kreuz. Wenn da nicht die christliche Überzeugung wäre, dass die Liebe stärker ist als der Tod. Sie merken: wenn es um die Liebe geht, dann geht es um sehr viel. Zumindest ist das keine süßliche oder romantische Liebe! Hier geht es wirklich um „Tat und Wahrheit“, wie es in der Bibel heißt. Schaut auf Gott und schaut auf Jesus. Dann wisst ihr was Liebe ist!

Musik IV: Ludovico Einaudi: Divenire

Wenn die Liebe also die Haltung, der Stil, das Erkennungsmerkmal von Christinnen und Christen sein soll, dann muss ich noch einmal auf die Frage zurückkommen: Wie kann Liebe scheitern? Das ist doch auch eine der Grunderfahrungen von uns Menschen. Das Problem ist doch anscheinend, dass immer alles auch schiefgehen kann. Ist Liebe doch nur eine überladene und unmenschliche Idealisierung, die irgendwann einmal scheitern muss, wie eine Seifenblase, die zu groß geworden ist? Wilhelm Schmid, der deutsche Philosoph, spricht da zurückhaltend. Er wünscht sich „die Möglichkeit, das Lieben ähnlich wie andere Fertigkeiten zu erlernen“, dann „fiele es wohl leichter, Liebe zu finden und zu bewahren.“[3] Eine „Schule der Liebe“[4] sollte es geben. Ich halte das für einen klugen Gedanken, der nicht überfordernd ist, sondern realistisch mit der Liebe umgeht, denn lernen beinhaltet immer auch das Scheitern, aber gibt nicht auf, weiter zu lernen. Ich persönlich habe eine solche Schule gefunden und lerne darin auch nie aus. Für mich ist das Christentum in allen Höhen und Tiefen der Kirche eine Schule der Liebe, eine Schule von Tat und Wahrheit geworden, wie es die Bibel sagt. Für mich hat diese Schule einen entscheidenden Akzent gefunden: Eben damals vor 12 Jahren, als ein guter Freund mich darauf hinwies: „Du sollst sie lieben!“ Nicht nur die Braven und Wohlmeinenden, nicht nur die, die so denken wie ich, sondern alle. Denn wenn ich es mit diesem Jesus wirklich ernst meine, dann muss sich das auch zeigen im Umgang mit jedem Menschen. Klar, manches fällt mir leicht daran. Aber ich sehe auch woran ich in meinem Christsein noch unsicher bin. Kann ich wirklich auch die lieben, die meine Feinde sind, wie Jesus es fordert (Mt 5,44)? Hier hat mir eine weitere Erkenntnis des Philosophen Wilhelm Schmid weitergeholfen, wenn er mit prägnanten Worten sagt:

Sprecher: „Polarität scheint ein durchgängiges Merkmal zu sein: Gegensätze zwischen Menschen, gegensätzliche Haltungen und Meinungen, gegensätzliche Gefühle, sodass in einer Beziehung nicht nur Freude, sondern auch Ärger zu erfahren ist, nicht nur Lüste zu genießen, sondern auch Schmerzen durchzustehen sind. Menschen werden von der Frage nach Glück und der Suche nach Sinn bewegt und sind doch nicht gefeit gegen Unglücklichsein und das Gefühl der Sinnlosigkeit [...] Gegensätze brechen auf zwischen erträumten Möglichkeiten und der vorherrschenden Wirklichkeit. Jede Wirklichkeit ist mit Endlichkeit konfrontiert, die ihrerseits von einer möglichen Unendlichkeit überwölbt wird.“[5]

Richtig ist doch: Gegensätze auszuhalten, bedeutet auch an ihnen zu leiden. Deswegen gehört zur Liebe das Leiden dazu. Von daher nehme ich Maß an diesem Jesus, der mir Hilfen gegeben hat mit den Polaritäten und Spannungen, den Endlichkeiten und dem Ärger umzugehen. Deshalb ist Gott für mich die mögliche Unendlichkeit, die das Leben überwölbt. Das ist für mich eine Deutung für meine Sehnsucht nach Idealen, nach einem Gemeinsamen und einem guten Miteinander.

„Du sollst sie lieben!“ Was für ein Satz? Was für eine Provokation! Mein Leben hat durch diesen Satz eine neue Richtung bekommen und er hat in aller Realität nie eine süßlich romantische Überhöhung und Verkitschung erfahren. Den anderen zu lieben ist für mich Stil und Haltung in Geduld, Hoffnung, Offenheit und Scheitern. Und ich verrate nicht zu viel, dass ich deswegen auch leide, nicht zuletzt sogar an meiner Kirche.

Musik V: Ludovico Einaudi: Divenire

Ich wünsche Ihnen, liebe Hörerinnen und Hörer, einen guten Sonntag als Tag in der „Schule der Liebe“. Ihr Matthias Fritz aus Aachen


[1] Schmid, Wilhelm, Liebe. Warum sie so schwierig ist und wie sie dennoch gelingt, Berlin 20177, 7.

[2] Ebd., 79. [3] Ebd., 81. [4] Ebd. [5] Ebd., 82f.

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