#
Aktuelles

Beiträge auf: wdr4 

katholisch

Kirche in WDR 4 | 23.11.2020 | 08:55 Uhr

Lob des Semikolons

Heute ist wieder Montag, und weil heute Montag ist ist das Wochenende rum. Tja. Nicht nur für mich, sondern auch für Kai. Den kenne ich gut, Kai ist ein großartiger Lehrer. Und – das hat mich überrascht - ein Riesenfan des - Achtung! -  Semikolons. Auf deutsch: des Strichpunkts. Und deswegen hat mir Kai neulich erzählt, wie traurig er darüber ist, dass immer weniger Menschen beim Schreiben ein Semikolon benutzen. Entweder Punkt oder Komma oder häufig auch gar kein Satzzeichen mehr. Kai hat gesagt, er sei ja persönlich davon überzeugt, ein Text sei ja erst dann ein richtiger Text, wenn er Semikolons enthalte. „Erst ein Semikolon adelt einen Text.“ Tja, das hat er gesagt. Und umso überraschter und froher sei er neulich gewesen, als einer seiner Schüler ihm eine Text geschickt habe. Und der habe tatsächlich ein Semikolon enthalten, auch exakt an der Stelle, wo es hingehört.

Nun könnte man Kais Verehrung für das Semikolon als die Marotte eines versponnenen Deutschlehrers betrachten. Doch das Semikolon berührt wie die Satzzeichen insgesamt ein wichtiges Thema: Nämlich Nähe und Distanz. Und ich glaube, es geht Kai darum, dass seine Schülerinnen und Schüler verschiedene Grade von Nähe und Distanz kennen - und in der Sprache ausdrücken lernen. Und die Satzzeichen helfen dabei. Der Punkt ist im Ensemble der Satzzeichen das größtmögliche Signal der Distanz von Sätzen oder Satzteilen. Fehlende Satzzeichen das genaue Gegenteil. Sprache ohne Punkt und Komma ist atemlose Sprache. Wie beim whatsappen. Zwischen beiden Extremen das Komma als einfacher Distanzhalter und das Semikolon als schon etwas deutlicherer Trenner zwischen verschiedenen Inhalten.

Menschen brauchen beides. Nähe und Distanz. Und deswegen ist es wichtig, beide Bedürfnisse zu kennen und ausdrücken zu können. Nähe: Das Bedürfnis, Teil einer Gemeinschaft zu sein. Diese enge Beziehung, das Gemeinsame, die Freundschaft auch zu spüren und zu leben, sich davon tragen zu lassen. Distanz: Das Bedürfnis nach Autonomie und Eigenständigkeit; die Sehnsucht nach Freiheit; das Bedürfnis, sich selbst auf die Spur zu kommen; merken, dass Vereinnahmung durch andere Menschen nicht guttut. Eigene Schritte gehen. Neugierig sein. Und wo ich das jetzt schreibe habe ich flugs ein paar Semikolons gesetzt. Kai wäre stolz auf mich.

Auch die Bibel ist voll von Bildern, die Nähe und Distanz ausdrücken. Den biblischen Autoren war wohl auch bewusst, dass Menschen beides brauchen. „Ich habe dich bei deinem Namen gerufen – du bist mein.“ Drückt aus, dass zwischen Mensch und Gott kein Blatt passt. Oder kein Semikolon. Nicht mal ein Komma. Dann aber steht da auch, dass keiner Gott von Angesicht zu Angesicht gesehen hat – Gott lässt sich also nicht so schnell vereinnahmen: Daher erscheint er mal im brennenden Dornbusch, mal in der Feuerwolke, mal im leisen Säuseln des Windes – aber immer mit Distanz. Wie auch immer: Autonomie und Gemeinschaft, Freiheit und Geborgenheit, Nähe und Distanz – Menschen brauchen also zum Großwerden immer beides. Nicht nur bei Kai in der Schule. Nicht nur an einem Montagmorgen.

evangelisch
Abspielen
evangelisch
Abspielen
katholisch
Abspielen
katholisch
Abspielen
katholisch
Abspielen
katholisch
Abspielen
katholisch
Abspielen
katholisch
Abspielen
katholisch
Abspielen
evangelisch
Abspielen
evangelisch
Abspielen
evangelisch
Abspielen
evangelisch
Abspielen
evangelisch
Abspielen
evangelisch
Abspielen
katholisch
Abspielen
katholisch
Abspielen
katholisch
Abspielen
katholisch
Abspielen
katholisch
Abspielen
katholisch
Abspielen
katholisch
Abspielen
katholisch
Abspielen
evangelisch
Abspielen
evangelisch
Abspielen
evangelisch
Abspielen
evangelisch
Abspielen
evangelisch
Abspielen
evangelisch
Abspielen
evangelisch
Abspielen