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Choralandacht | 09.11.2019 | 07:50 Uhr

“Nun danket alle Gott“ (eg 321)

Autorin: Es ist das Jahr 1637, mitten im Dreißigjährigen Krieg. Die Pest geht um in Sachsen. Auch in dem Städtchen Eilenburg. Pfarrer Martin Rinckart eilt als unerschrockener Hirte zu den Kranken seiner Gemeinde. Er tröstet und segnet. Meistens ist es der letzte Segen, den die Menschen auf dem Krankenlager von ihm erhalten. Dreimal am Tag, so wird berichtet, muss Pfarrer Rinckart Tote begraben. Insgesamt rund 4.500 Mal. Trotzdem schreibt er ein Lied voller Trost und Geborgenheit. Eines mit einer klaren Aufforderung:
                           

Choral: Nun danket alle Gott mit Herzen, Mund und Händen,

der große Dinge tut an uns und allen Enden.

Der uns von Mutterleibe und Kindesbeinen an

Unzählig viel zu gut bis hierher hat getan.

 

Sprecher: Nun danket alle Gott mit Herzen, Mund und Händen,

Der große Dinge tut an uns und allen Enden.

Der uns von Mutterleib und Kindesbeinen an

unzählig viel zu gut bis hierher hat getan.

 

Autorin: Das klingt schön – aber geht das immer so, das Danken? Wie kann man z.B. danken, wenn es einem richtig dreckig geht. Wenn jemand das Liebste verloren hat, was er besitzt. Ist da nicht eher Zeit für Vorwürfe an Gott, der das zugelassen hat, Zeit für Wut und Zorn, Zeit für Stille und Schweigen? 

Pfarrer Martin Rinckart hatte dieses Lied 1630 zum 100-jährigen Jubiläum des Augsburger Bekenntnisses geschrieben und vertont.  Als Vorlage nahm Rinckart Verse aus dem Alten Testament:

                                                                                    

Sprecher: Nun danket alle Gott, der große Dinge tut an allen Enden,

der uns von Mutterleib an lebendig erhält und tut alles Guts.

Er gebe uns ein fröhlich Herz und verleihe immerdar Frieden zu unserer Zeit in Israel.

Und dass seine Gnade stets bei uns bleibe; und uns erlöse, so lange wir leben.

 

Choral: Der ewig reiche Gott woll uns in unsrem Leben

Ein immer fröhlich Herz und edlen Frieden geben

Und uns in seiner Gnad erhalten fort und fort

Und uns aus aller Not erlösen hier und dort.

Autorin: Vielleicht waren es diese Wünsche, die das Lied so berühmt machten. Der Wunsch, in den Stürmen des Lebens immer ein fröhliches Herz zu behalten, ein Leben in Frieden zu führen und aus aller Not herauszukommen. Und dass Gottes Gnade nie aufhört. 

Denn das sind ja ganz elementare Dinge: Kein Hass, kein Pessimismus, kein Streit oder Terror. Den Optimismus zu bewahren. In innerem und äußerem Frieden zu leben. Wenn es schon im Leben drunter und drüber geht, wenigstens dank Gottes Hilfe mit einigermaßen heiler Haut rauszukommen.

Weil das Lied so bekannt war, ging es ihm wie anderen Liedern auch - es wurde in allen möglichen Lebenslagen gesungen. Passend oder unpassend. Nach einer von Friedrich dem Großen gewonnenen Schlacht z.B. stimmten rund 250.000 Soldaten den Choral an. So wurde er berühmt als der „Choral von Leuthen“, benannt nach dem Ort der Schlacht. Und seither erklingt es als Schlusslied beim militärischen Großen Zapfenstreich.

Auch bei anderen politischen Ereignissen wie z.B. zu Beginn des deutsch-französischen Krieges 1870, oder 1914 bei der Mobilmachung zum Ersten Weltkrieg oder im März 1933 bei der nationalsozialistischen Machtübernahme. Aber gegen Missbrauch und Fehlinterpretation kann sich auch ein bekanntes Kirchenlied nicht wehren. 

Anlässlich einer anderen Begebenheit wird Martin Rinckart gewiss nichts gegen das Singen gehabt haben:                                                        

Sprecher: Es ist das Jahr 1955. Dem damaligen Bundeskanzler Konrad Adenauer war es mit viel Geschick gelungen, die letzten 10.000 Kriegsgefangenen aus Russland frei zu bekommen. Nun kommen sie im Flüchtlingslager Friedland an. Ausgehungert, ausgemergelt, zum Teil kaum wiederzuerkennen, zum Teil noch in ihrer alten Uniform. Manche dieser Männer hatten zehn Jahre Sibirien hinter sich. Sie versammeln sich auf dem großen Platz des Lagers. Konrad Adenauer und der Landesbischof heißen sie herzlich willkommen in der Heimat. Nachdem alle das Vaterunser miteinander gebetet haben, geschieht etwas Unvorhergesehenes. Diese Männer, denen nichts mehr geblieben ist als ihr Leben, fassen sich an den Händen und singen mit rauer Stimme das Lied: Nun danket alle Gott.                                                                             

Autorin: Die Kriegsgefangenen konnten das nach ihrer Rückkehr in die Heimat nur noch heiser, aber im Geist aus voller Kehle und mit dankbarem Herzen singen. Denn sie hatten überlebt. Sie kamen zurück in ihre Familie, zurück zu ihren Frauen, zu ihren Kindern. Mit der Aussicht auf ein normales Leben in Frieden und ohne Angst.

Wie steht es heute mit dem Dank an Gott? Die meisten von uns haben alles, sind sozial abgesichert, haben eine warme Wohnung und einen gefüllten Kühlschrank. Das ist doch alles selbstverständlich, dafür arbeitet der Mensch schließlich, das ist kein Grund, um dankbar zu sein. Oder?

Aber vielleicht ist gerade diese Haltung ein Grund, warum es in unserer Gesellschaft immer mehr Gleichgültigkeit gibt, warum das Anspruchsdenken immer mehr um sich greift, die Ich-Bezogenheit. Weil die Dankbarkeit fehlt für das, was der Mensch hat. Der Choral macht deutlich, dass das Gute im Leben nicht selbstverständlich ist.                                            

Gott umsorgt und versorgt die Menschen von Geburt an. Er beschenkt sie tagtäglich. Mit Nahrung und Kleidung, mit Freunden, dem Lächeln eines Kindes. Zugegeben, das sind die kleinsten gemeinsamen Nenner des Lebens. Aber ist das denn keine Grund, um Tag für Tag dafür dankbar zu sein?

„Danken“, sagte der evangelische Theologe Dietrich Bonhoeffer, „öffnet den Zugang zu Gott.“ Das ist nachvollziehbar. Denn mit der Dankbarkeit erkenne ich, dass nicht alles selbstverständlich ist. Und dass ich auch nicht alles machen kann. Sondern dass es in meinem Leben einen gibt, der mir das alles schenkt, der dahinter steht. Die Luft, die ich atme, habe ich nicht gemacht. Sondern diese lebensnotwendige Luft schenkt mir Gott. Psychologen sagen übrigens, dass Dankbarkeit Depressionen vertreibt. Täglich sollen Menschen eine Liste machen von den Dingen, über die man dankbar ist.

Choral: Nun danket alle Gott mit Herzen, Mund und Händen,

der große Dinge tut an uns und allen Enden.                                                                                    

Wenn der moderne Mensch nicht mehr weiß, wie das mit der Danksagung an Gott funktioniert - dann sagt es ihm dieses alte Kirchenlied: Mit Herzen, Mund und Händen. Also mit seinem Innersten, mit seinem Gefühl. Mit seinem Mund: Danke zu sagen und auch zu sagen, wofür man dankt. Und mit den Händen. Denn Dankbarkeit bleibt nicht ohne Folgen. Wer dankbar ist, handelt, möchte etwas zurückschenken, möchte das Gute, das er bekommen hat, auch einem anderen geben.

Dieses Lied wurde über Jahrhunderte hinweg in allen Lebenslagen gesungen und auch heute ist es noch bekannt und beliebt. Es hat Kriege überlebt, Hungerskatastrophen, Angst und Terror. Es mag ein Hohn in den Ohren der Menschen sein, die Leid tragen oder Situationen aushalten müssen, wo es einem eigentlich eher nach Anklagen ist.

Aber vielleicht hat das Lied die vierhundert Jahre gerade deswegen überlebt. Menschen haben an der Überzeugung festgehalten, dass Gott Gutes tun will und tut. Daran, dass er Menschen ein fröhliches Herz und die Gelassenheit geben kann, auch Schweres zu überstehen. Menschen haben mit diesem Lied erkannt, dass Dank das Herz leichter und freier macht. Und dass Dank die Tür zu Gott ist. 

Choral: Nun danket alle Gott mit Herzen, Mund und Händen,

der große Dinge tut an uns und allen Enden.

Der uns von Mutterleibe und Kindesbeinen an

Unzählig viel zu gut bis hierher hat getan.  

 

Redaktion: Pfarrer i.R. Dr. Gerd Höft

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