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Choralandacht | 27.03.2021 | 07:50 Uhr

„Nun gehören unsre Herzen“ (eg 93)

Autor: Die vielleicht wichtigste Währung in unserer Zeit ist nach meiner Einschätzung Vertrauen. Das, was in unserem Zusammenleben zählt, ist die Vermutung, der andere wird mich nicht reinreißen; er oder sie wird mich unterstützen, wenn ich es brauche. Aber wem kann ich so vertrauen? Von wem lasse ich mir etwas sagen? Von wem lasse ich mich auch einschränken?

 

Sprecher: „Wir werden in ein paar Monaten wahrscheinlich viel einander verzeihen müssen.“ (1)

 

So Gesundheitsminister Jens Spahn vor knapp einem Jahr. Ob das politisch klug war – eine Art vorauseilende Entschuldigung? Ich weiß es nicht. Aber der Minister hat mit dieser Bemerkung an eine Frage gerührt, die mich mehr und mehr beschäftigt: Wie gehen wir mit Schuld um? So viele machen Fehler: Politiker entscheiden nach ihren Einsichten – aber reichen die aus? Mediziner handeln nach ihren Möglichkeiten – aber sind die genug? Betroffene beschweren sich über Unzulänglichkeiten in den Behörden – aber kennen sie die ganze Geschichte?

 

In einer Zeit, die noch auf eine ganz andere Weise schlimm war als unsere, ist ein Passions-Lied entstanden. Friedrich von Bodelschwingh hat es geschrieben. 1927: unsichere Verhältnisse, wirtschaftliche Turbulenzen. Die Menschen in der Weimarer Republik leiden noch nach Jahren unter den Folgen des ersten Weltkrieges, der Ruf nach einer starken Führerpersönlichkeit wird immer lauter. Für den Karfreitag 1927 schreibt Friedrich von Bodelschwingh dieses Lied.

 

Musik: Choral, Strophe 1

Titel: Nun gehören unsre Herzen; Text: Friedrich von Bodelschwingh; Komposition: Richard Lörcher; Interpret: Das Solistenensemble; Leitung: Gerhard Schnitter; Label: Hänssler-Verlag; LC: 07224.


Sprecherin (overvoice):
Nun gehören unsre Herzen / ganz dem Mann von Golgatha,

der in bittern Todeschmerzen / das Geheimnis Gottes sah:

das Geheimnis des Gerichtes / über aller Menschen Schuld,

das Geheimnis neuen Lichtes / aus des Vaters ewger Huld.

 

Autor: Jesus, der Mann von Golgatha, sieht das Geheimnis Gottes? Das Geheimnis des Gerichts – über aller Menschen Schuld? – Bei der Hinrichtung Jesu sind viele beteiligt: der römische Statthalter, jüdische Schriftgelehrte, die Anhänger Jesu, die Masse der Schaulustigen. Alle haben Schuld.

 

Friedrich von Bodelschwingh schaut auf die Ereignisse in seiner Zeit, in der Weimarer Republik: Hunger und Arbeitslosigkeit, wirtschaftliche Nöte, wohin man blickt – und die Schuld für die Misere wird bei anderen gesucht: die Siegermächte, die Kommunisten, die Religiösen, die Freidenker – je nach politischer Meinung: die anderen sind an dem Elend schuld. Manche werden gleichgültig, andere verraten ihre Freunde, mit denen sie gerade noch zusammen waren. So wiederholt sich die alte Schuldgeschichte.

 

Friedrich von Bodelschwingh schaut auf das Kreuz Jesu und schreibt sein Lied. Er spürt: in der Geschichte Jesu geht es nicht nur um die Leute vor 2000 Jahren, es geht um die Schuld aller Menschen - auch um die Verstrickungen derer, die zu einer ganz anderen Zeit leben. Kurz nach dem Ende des ersten Weltkrieges, zu Beginn der Weimarer Republik äußert sich Bodelschwingh in einer Mitteilung an seine Mitarbeitenden:

 

Sprecher: Wird die jetzige Form unseres Staatswesens bleiben, oder werden wir noch eine neue Katastrophe bekommen, bei der dann die Mächte die Oberhand gewinnen, welche die Todfeinde aller christlichen Liebesarbeit sind? (2)

 

Autor: Friedrich von Bodelschwingh sieht schon früh eine Gefahr für die Menschen in Bethel heraufziehen. Bethel? Bodelschwinghs Vater hatte aus kleinen Anfängen in einem alten Bauernhaus einen ganzen Stadtteil von Bielefeld gemacht. Hier finden Hilfsbedürftige ein neues Zuhause: Bethel! Seit vielen Jahren werden dort Epileptiker und geistig Behinderte aufgenommen und betreut. Ein großes Arbeitsfeld – Bodelschwingh nennt es die christliche Liebesarbeit. Aber diese Arbeit ist in großer Gefahr.

An der Seite der immer stärker werdenden Nationalsozialisten formieren sich die „Deutschen Christen“. 1932 schreiben sie:

 

Sprecher: Wir wissen etwas von der christlichen Pflicht und Liebe den Hilfsbedürftigen gegenüber, wir fordern aber auch Schutz des Volkes vor den Untüchtigen und Minderwertigen. Die innere Mission darf keinesfalls zur Entartung unseres Volkes beitragen. Sie hat sich im Übrigen von wirtschaftlichen Abenteuern fernzuhalten und darf nicht zum Krämer werden. (3)

 

Autor: Diese Worte zielen genau auf die Einrichtungen, wie sie von Bodelschwingh und seinen Mitstreiterinnen und Mitstreitern betrieben werden. Diese Worte sind das Vorspiel zu den ungeheuerlichen Aktionen der Nationalsozialisten ab 1940: Sie werden geistig und körperlich behinderte oder eingeschränkte Menschen im „Euthanasie – Programm“ zu Tausenden umbringen. (4) Wie anders die Haltung, die Bodelschwingh einnimmt.

 

Musik: Choral, Strophe 2


Sprecherin (overvoice):

Nun in heilgem Stilleschweigen / stehen wir auf Golgatha.

Tief und tiefer wir uns neigen / vor dem Wunder, das geschah,

als der Freie ward zum Knechte / und der Höchste ganz gering,

als für Sünder der Gerechte / in des Todes Rachen ging.

 

Autor:Heilges Stilleschweigen“ – das ist die Haltung, die für Bodelschwingh angesichts des Geheimnisses Gottes angemessen ist. Sich die Geschichte der Kreuzigung Jesu so zu eigen machen, dass sie sich in den eigenen Entscheidungen spiegeln kann – da, wo der freie Mensch so frei ist, dass er zum Diener wird.

Da sind die Frauen und Männer, die sich in Bethel um Menschen kümmern, die sich selbst nicht helfen können. Diakone und Diakonissen; Pfleger und Ärzte: sie machen es sich zur Aufgabe, in den Epileptikern und den geistig Behinderten die Würde eines Geschöpfes Gottes zu erkennen. Niemals dürfen sie ein eingeschränktes Leben als lebensunwert bezeichnen.

Doch es gibt ein großes „Aber“

 

Musik: Choral, Strophe 3


Sprecherin (overvoice):
Doch ob tausend Todesnächte / liegen über Golgatha,

ob der Hölle Lügenmächte / triumphieren fern und nah,

dennoch dringt als Überwinder / Christus durch des Sterbens Tor

und, die sonst des Todes Kinder, / führt zum Lichte er empor.

 

Autor: Diese Todesnächte, diese Lügenmächte – sie verschwinden nicht. Bodelschwingh weiß davon. Er weiß, dass in den eigenen Reihen Menschen sind, die dem Nationalsozialismus nahestehen. In seiner eigenen Familie gibt es Leute, die mit den Wölfen heulen. (5) Alle sind in Schuld verstrickt; hier kommt keiner ungeschoren vom Platz – auch er nicht. Das ist für Bodelschwingh keine abstrakte Behauptung – das ist durchlittene Wahrheit. 1945: am Karfreitag, wenige Wochen vor dem Ende des furchtbaren Krieges, predigt er über die letzten Worte Jesu am Kreuz - wieder mit diesem Lied.

 

Sprecher: Was brauchen wir alle, was brauchte die Gemeinde Jesu in der weiten Welt heute nötiger als ein neues Verständnis der Gerechtigkeit Gottes in seinem Gericht. … Scheinen unsere Wege völlig dunkel, dann gibt er uns die Gewißheit: auch in der tiefsten Dunkelheit ist er bei uns. Mit mir, sagt er, mit mir (wirst du im Paradiese sein). Überall, wo wir mit ihm sind und er mit uns, da ist auf dieser von Leid und Kampf erfüllten Erde ein Stück Himmelreich. (6)

 

Musik: Choral, Strophe 4


Sprecherin (overvoice):

Schweigen müssen nun die Feinde / vor dem Sieg von Golgatha.

Die begnadigte Gemeinde / sagt zu Christi Wegen: Ja!

Ja, wir danken deinen Schmerzen; / ja, wir preisen deine Treu;

ja, wir dienen dir von Herzen; / ja, du machst einst alles neu.

 

Autor: Und wenn ich das glauben darf, dass Gott einmal alles neu machen wird – sehe ich Ansätze neuen Lebens – mitten im Chaos - heute?! Sehe ich eine neue Gerechtigkeit – mitten in der Ungewissheit, wie alles weitergehen wird?! Vielleicht nicht sofort – aber wenn ich dranbleibe, wenn ich treu bin in meinem Suchen und Fragen– dann ist mir genau diese Aussicht versprochen: neues Leben, gewendetes Leid. Versprochen!

 

 

Quellen:

 

(1) www.tagesspiegel.de/politik/wir-werden-einander-verzeihen-muessen-warum-jens-spahn-mit-diesen-ungewoehnlichen-worten-richtig-liegt/25772260.html (abgerufen am 06.01.2021)

(2) aus: Kurt Pregande, Der Einsame von Bethel – Vater Bodelschwingh und die Geschichte seines Werkes, Stuttgart 1958, S. 181

(3) aus: Richtlinien der Glaubensbewegung „Deutsche Christen“ 1932/1933; in: Kirchen- und Theologiegeschichte in Quellen IV, 2, 1989, 3. Aufl., S. 119

(4) s. Kurt Pregande, a.a.O.; S. 219ff, vgl. vor allem Hitlers Geheimbefehl am Tag des Kriegsausbruches, 1. September 1939: „Reichsleiter Bouhler und Dr. Brandt sind unter Verantwortung beauftragt, die Befugnisse namentlich zu bestimmender Ärzte so zu erweitern, dass nach menschlichem Ermessen unheilbar Kranken bei kritischer Beurteilung ihres Krankheitszustandes der Gnadentod gewährt werden kann.“, S. 221

(5) vgl. das ausführliche, z.T. sehr polemische aber auf Interviews basierende Typoskript von Johannes Lübeck, Das Schweigen der Hirten, Die Geschichte der Heimstätte Dünne in Fragmenten, 2018 – eine sehr kritische Beschreibung der Familie Bodelschwingh, vor allem von Gustav v. Bodelschwingh, dem Bruder von Friedrich v. Bodelschwingh.

(6) aus: F. v. Bodelschwingh, Lebendig und frei, Predigten, Bethel 1946, Bd. 2, S. 92-99, hier: S. 94.99

 

 

Redaktion: Landespfarrer Dr. Titus Reinmuth

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