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Kirche in WDR 3 | 21.01.2021 | 07:50 Uhr

Eine Welt aus Musik

Eine Welt, die aus Musik entsteht, ist das nicht eine schöne Vorstellung? Tatsächlich gibt es eine solche Welt, wenn auch nur in der Fiktion eines Romans. Niemand geringeres als der englische Autor J.R.R. Tolkien hat dies beschrieben. Ja, genau, ich meine jenen Tolkien, der mit dem „Kleinen Hobbit“ und „Dem Herrn der Ringe“ Weltbestseller geschrieben hat. Und ja, genau, ich meine Mittelerde, der Schauplatz dieser berühmten Geschichten, wenn ich von einer Welt spreche, die aus Musik entstanden ist.

Wer nun befürchtet, dies im „Herrn der Ringe“ irgendwie überlesen zu haben: Keine Sorge, das ist nicht der Fall. Den Text, den ich meine, befindet sich in einem andern Werk von Tolkien, das nicht ganz so bekannt ist. Es heißt „Das Silmarillion“ und wurde seinem Sohn Christopher posthum herausgegeben. Das Werk enthält die Vorgeschichte des „Kleinen Hobbit“ und des „Herrn der Ringe“ und erzählt von der Erschaffung seiner fiktiven Welt. [1] Gottähnliche Wesen lassen sie entstehen, indem sie singen.

Nun kommt bei der Schöpfung der Welt aus Musik alles darauf an, dass dieser Gesang harmonisch ist und alle Sängerinnen und Sänger ein gemeinsames Thema verfolgen – genau dies geht leider nicht lange gut. Einer der gottähnlichen Wesen namens Melkor möchte mehr sein als die anderen. Er hat eigene Gedanken und Ideen, die er in das Thema einflechten möchte. Doch als er das tut, verwirrt sich die anfänglich harmonische Melodie. Es entstehen Missklänge, die immer weiter um sich greifen, bis sich der anfangs harmonische Gesang aufgelöst hat.

In dieser Schöpfungsgeschichte kann man die Wurzel des Dramas sehen, das sich im „Herrn der Ringe“ abspielt: der ewige Kampf zwischen Gut und Böse. Letztlich geht auf diesen Missklang von Melkor alles Böse zurück. Der Missklang, das Böse hat sich eingewoben in eine Welt, die eigentlich als vollständig gut und schön gedacht war.

Für mich ist das eine faszinierende Vorstellung – allerdings führt es mich zu dem, woran ich mich beim Lesen des „Herrn der Ringe“ auch reibe. In Tolkiens Welt sind das Gute und das Böse nämlich klar voneinander getrennt. , Eine Vermittlung zwischen beiden Welten ist nicht möglich. Die Guten können die Bösen, nur bekämpfen und vernichten, sonst gehen sie selbst unter. Es gibt keine Alternative zum Kampf.

Und noch etwas kommt hinzu: Die Welt des Guten ist hell, schön, rein und wohlklingend-harmonisch, die Welt des Bösen dagegen dunkel, hässlich, schmutzig und disharmonisch. Dazwischen gibt es nichts. Auch wenn ich weiß, dass Tolkien sein Werk nicht als Parabel für die wirkliche Welt versteht: Ich frage mich, ob eine solche polarisierende Welt nicht allzu leicht dazu verleitet, alles Störende als „schlecht“ zu brandmarken: alles, was nicht ganz so schön ist, alles, was nicht ganz so vollkommen ist, alles was einfach unpassend erscheint oder eine wie auch immer geartete Harmonie stört. Die wirkliche Welt ist doch komplizierter und vielfältiger – zum Glück.

Was in Fantasy-Romanen funktioniert und ein aufregendes Spektakel bietet, geht in der Wirklichkeit eben nicht: Disharmonien einfach ins „Reich des Bösen“ abzuschieben. Allein wenn Menschen mit unterschiedlichen Meinungen zusammentreffen führt es zu nichts, wenn man die einen verteufelt und die anderen anhimmelt. Es geht doch darum, sich mit Disharmonien, mit Misstönen auseinanderzusetzen und sie nicht zu bekriegen. Solche Umgangsformen sind Teil einer zivilisierten Welt. Und in solch einer Welt hat es nichts, aber auch gar nichts mit Heldentum zu tun, alles als Böse zu bekämpfen, was einen stört. Viel heldenhafter ist es, einander zuzuhören, Brücken zu bauen, Frieden zu stiften.

Mit einem großen Applaus für die wahren Helden dieser Welt verabschiedet sich Claudia Nieser aus Paderborn.


[1] J.R.R. Tolkien, Das Silmarillion, Stuttgart 200313, 13-22.

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