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Kirche in WDR 2 | 24.02.2021 | 05:55 Uhr

Realistisch und hoffnungsvoll leben

Ich setze mich auf den OP-Stuhl und lehne mich zurück.  Für die Fruchtbarkeitsfürsorge. Social Freezing. Eizellen entnehmen, einfrieren und aufheben für später.

 

15 mal bin ich umgezogen, das heißt 15 mal eine andere Frauenärztin und irgendwie auch 15 mal eine andere schwammige Diagnose „Könnte schwierig werden …“.  „Aha.“

Und obwohl ich meistens gar keinen akuten Kinderwunsch habe, ist da immer diese Schwere: Das mit dem „guter Hoffnung sein“ das wird vielleicht nichts.

Oder wenn, dann kommt erstmal das große Elend.

Das ist zumindest das, was ich auf den Gesichtern von Frauen und Männern in den Kinderwunschzentren sehe: Mag sich Sex im besten Fall himmlisch anfühlen, Kindermachen in der Petrischale ist die Hölle. So viel stille Angst und Bangen in den Wartezimmern, man könnte meinen, man ist auf der Krebsstation.

 

Aber jetzt habe ich mich auf den OP-Tisch gesetzt.

Ich lehne mich zurück und das Elend all der Menschen im Wartezimmer ist nicht mehr meins. In meinem Kopf, Herz und Körper ein Satz, in den ich mich fallen lasse.

Mir wird nichts mangeln. Ich fühle es.

Mir wird nichts mangeln. Ich glaube es.

Mir wird nicht mangeln. Ich bin mir sicher.

Die Vollnarkose wirkt.

 

Mir wird nichts mangeln aus Psalm 23 sind Worte, die zur Autosuggestion eigentlich nicht taugen. Also zum Sich-selbst-etwas-Gutes-sagen. Positiv müsste so ein Satz formuliert sein. Zum Beispiel: „Ich werde sein, die ich sein will, und alles haben, was ich haben will.“ Aber das – das ist doch eine Illusion, oder? Nicht jeder wird eine Mama, ein Papa, Oma oder Opa.  Da ist die Enttäuschung doch vorprogrammiert.

„Mir wird nichts mangeln.“ Der Bibelvers ist einfach da. Die Worte tragen. Sie sind realistisch. Und voller Vertrauen.

Das zerbrechliche, komplizierte, wahre Leben kennt doch immer einen Mangel.

Da fehlt immer was, manches ist für immer verloren, vieles erfüllt sich nie.

Ob das der Wunsch ist, dass niemand jetzt in diesem Moment weltweit oder auf unseren Intensivstationen unnötig leidet oder stirbt. Oder ob das mein ganz privates kleines Glück ist.

Psalm 23 ist so realistisch und vertrauensvoll.

Dass es ein erfülltes Leben gibt, ohne erfüllte Erwartungen. (Dietrich Bonhoeffer)

 

Die Narkose lässt nach, es ist alles gut gegangen.

„Und was machst du jetzt?“, fragen mich die, denen ich von meinem Eingriff erzähle:

„Nix“, sage ich. „Ich wollte mir nur Zeit kaufen, eine Tür nicht zu früh schließen. Ich will realistisch und vertrauensvoll leben. Ich erwarte nicht, dass ich alles haben und sein werde. Ich erwarte nur eins: Mir wird nichts mangeln.“

 

 

Redaktion: Landespfarrer Dr. Titus Reinmuth

 

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