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Choralandacht | 18.07.2020 | 07:50 Uhr

Schon bricht des Tages Glanz hervor (eg 453)

Musik 1: Hymnus „Iam lucis orto sidere“- Gregorianischer Gesang 1. Strophe, Giovanni Vianini Inno Ambrosiano, Milano: https://www.youtube.com/watch?v=wxLJxHKaDu0,  zuletzt abgerufen am 02.06.2020.
0:00-0:27


Autor (overvoice): Ein älterer Herr steht im Mailänder Dom am Taufbecken, hält ein Notenblatt in der Hand und rezitiert einen lateinischen Hymnus. Im Hintergrund machen Touristen ihre Fotos – und er singt.


Musik 1: Hymnus


Autor: Alte Klänge sind das - aus der klösterlichen Welt. Vor etwa 900 Jahren ertönte dieser Hymnus zum ersten Mal. Mönche des Benediktinerordens Einsiedeln, Kanton Schwyz, sangen ihn an der Schwelle des neuen Tages. Wer so singt im ersten Morgenlicht, der lässt zuerst die Klänge des Ewigen bei sich einziehen, bevor er sich aussetzt den Ansprüchen, die das Tagwerk bringen wird.


Musik 1: Hymnus


Sprecherin (Overvoice):

Schon bricht des Tages Glanz hervor.
Voll Demut fleht zu Gott empor,
dass, was auch diesen Tag geschieht,
vor allem Unheil er behüt.


Autor: So lautet die erste Strophe des lateinischen Hymnus heute im Evangelischen Gesangbuch - in deutscher Sprache. Voll Demut fleht zu Gott empor.
Demut ist die Haltung eines Menschen, der um seine eigenen Grenzen weiß. Wer so bittet, weiß tief im Innern, dass alle Kreatur und jedes menschliche Leben bedroht ist. Alles Wichtige im Leben hat der Mensch nicht selbst in der Hand.

Kürzlich hat mein Lebensgefühl das noch abgetan - als Problem vergangener Generationen. Der Mensch, mit dem, was er heute weiß und kann, hat doch alles im Griff - meinte ich neulich noch. Jetzt nicht mehr. Region für Region rückte sie vor, die Pandemie. Kontaktsperren, Gesichtsmasken, Abstand, Einsamkeit, Sterben ohne Abschied. Ob wir wollten oder nicht, das Virus erteilte uns eine Lektion in Demut, auch mir.

Musik 2: Choral, Strophe 1 „Schon bricht des Tages Glanz hervor“, Text: Jochen Klepper; Komposition: nach dem Hymnus Iam lucis orto sidere, Einsiedeln, 12. Jh.; CD: Unser Klagen wird zum Loben. Choralsätze zu Jochen Kleppers Liedern im Gesangbuch; Verlag: Luther-Verlag, Bielefeld; Chor: Vokalensemble Sennestadt; Leitung: Dorothea Schenk
Best.-Nr. ISBN 3-7858-0461-X


Autor: „Dass, was auch diesen Tag geschieht, vor allem Unheil er behüt.


Musik 3: Instrumental (Harfe) „Schon bricht des Tages Glanz hervor“, Text: Jochen Klepper; Komposition: nach dem Hymnus Iam lucis orto sidere, Einsiedeln, 12. Jh.; CD-Name: Morgenstimmung. Klassische Musik zum Tagesbeginn; Interpretin: Anne-Sophie Bertrand (Harfe); Verlag: Verlag Kreuz GmbH, Stuttgart; LC-Nr. 06190


Autor (overvoice): Das Sehnen nach einem vor Unheil behütetem Leben spiegelt sich wider in der Tonalität der mittelalterlichen Melodie. Ganz ohne harmonisches Gerüst kommt sie aus, mit kleinem Tonumfang in den Zeilen, macht Pendelbewegungen in kleinen Tonschritten, wobei die vierte Zeile mit der ersten identisch ist, während die zweite und dritte melodisch geradezu in entgegengesetzte Richtungen laufen.


In entgegengesetzte Richtungen laufen: Was die Melodie ausdrückt, prägte den Alltag der Mönche. Hier sangen und beteten Menschen, die eng zusammenlebten und jeden Tag alles teilten: Arbeiten, Essen, Trinken, Schweigen, Erholen, Reden. Da kann manches in entgegengesetzte Richtungen ziehen, unreine Lippen und ungezügelte Zungen, die zu Zwistigkeiten reizen. Augen, die ungeniert fixieren und Nichtiges groß machen.


Musik 2: Choral, Strophe 2


Sprecherin (overvoice):

Er halte uns die Lippen rein;
kein Hader darf uns heut entzwein.
Er mache unser Auge frei
und zeige, was da eitel sei.


Autor: Laufen in entgegengesetzte Richtungen, Harder, Entzweiung, Augen, die Menschen fixierten und aussortierten prägten 1939 das nationalsozialistische Regime, als der Theologe und Dichter Jochen Klepper den Auftrag bekam, dem alten Hymnus eine deutschsprachige Fassung zu geben. Klepper war mit Hanni verheiratet, die Jüdin war. Als Klepper diese Zeilen schrieb, steckten sie gerade mitten im Umzug gemeinsam mit Renate, der Tochter von Hanni aus erster Ehe. Doch Schlimmeres lag ihnen auf der Seele wie ein Fels: Die tödliche Bedrohung von Hanni und Renate durch die beginnende Judenverfolgung. Drei Jahre später, als es keinen Ausweg mehr gab, sollten die Drei vor den Nazis flüchten - in den Tod durch eigene Hand.


Musik 2: Choral, Strophe 3


Sprecherin (overvoice):

Ringt um des Herzens Lauterkeit!
Legt ab des Herzens Härtigkeit!
Des Fleisches Hoffart beugt und brecht!
Und Trank und Speise brauchet recht.


Autor: Ringt um des Herzens Lauterkeit! In jeder Zeile ist zu spüren, wie der Dichter in der Übertragung auch ringt mit der Willkür der Nazis: Legt ab des Herzens Härtigkeit! Des Fleisches Hoffart beugt und brecht!

Und doch findet Klepper auch im Deutschen knappe, verständliche poetische Wendungen in dem vorgegebenen Maß der Strophen aus vier Zeilen zu je acht Silben, so dass ihr fließender Rhythmus ganz der Melodie des Hymnus entspricht - ohne jede Kluft.

Dieser Eintrag findet sich denn auch im Tagebuch Kleppers unter dem 5. Juni 1939:


Sprecher: „Endlich wieder geschrieben. (Hanni sagt: Ein Tag ist schon nicht verloren, wenn du so etwas Schönes schreibst).“


Autor: Aber dann hört es sich an, als habe Klepper schon die heutige Maßlosigkeit im Blick gehabt. Wenige Jahrzehnte später werden Lebensmittel vergeudet, Ressourcen verschwendet und Güter ungerecht verteilt. Der aufwändige Lebensstil der Menschen nimmt Pflanzen und Tieren den Raum zum Leben. Kein Wunder, wenn da jetzt auch Viren überspringen.


Sprecherin: Des Fleisches Hoffart beugt und brecht!
Und Trank und Speise brauchet recht.


Autor: Vor 100 Jahren strebte die liturgische Erneuerungsbewegung eine Kirche an, die das Leben in all‘ seinen leibhaftigen Facetten im Blick hat einschließlich der natürlichen Lebensgrundlagen und des gesellschaftlichen Zusammenhalts. Eine große Kraft dafür entdeckte sie wieder in den mittelalterlichen Hymnen, auch für die evangelische Kirche.

Aus diesen Kreisen bekam Klepper damals den Auftrag, den alten Hymnus ins Deutsche zu übertragen.


Musik 2: Choral, Strophe 4


Sprecherin (overvoice)

Auf dass, wenn dann die Sonne sinkt
und Dunkel wieder uns umringt,
wir ledig aller Last der Welt
lobsingen dem im Sternenzelt.


Autor: Ledig aller Last der Welt: Nein, wir Menschen können die Welt nicht haben, nicht besitzen, nicht beherrschen. Dann beherrscht sie uns und wird uns zur Last. Aber wir können in dieser Welt sein, uns an ihr freuen und dem im Sternenzelt lobsingen.


Musik 1: Hymnus


Autor (overvoice): So schwingt dieser Hymnus aus bei Klepper wie schon bei den Mönchen vor 900 Jahren: Mit dem trinitarischen Lobgesang. Er ist viel mehr als das Lied eines Einzelnen. Dieser Hymnus ist ein gesungenes, kunstvoll gestaltetes Gebet der weltweiten Kirche.



Redaktion: Landespfarrer Dr. Titus Reinmuth

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