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Das Geistliche Wort | 28.06.2020 | 08:40 Uhr

"Segen" - Wie wirkt er?

Autor: Zuhause. Endlich zuhause. Ich stehe vor meiner Haustür, nehme den Schlüssel aus der Tasche. Hinter der Tür wartet meine kleine Welt und wenn ich sie schließe, dann bleibt die andere Welt einfach draußen. So zumindest will ich das. Aufgaben. Anforderungen. Zeitdruck. Alles soll einfach draußen bleiben. Tür zu und tschüss. Ein Segen ist das, etwas hinter sich lassen zu können, ein Zuhause zu haben, wenn auch natürlich hier drinnen nicht alles einfach ist. Rechnungen im Briefkasten, Nachrichten auf dem Anrufbeantworter und, ach ja, die Spülmaschine muss auch leergeräumt werden. Immerhin: In meinem Zuhause bestimme ich, wann.


Aber. Aber in den letzten Monaten war dann doch etwas viel Zuhause. Treffen mit Freunden, Dienstreisen, ja selbst Schule für unsere Kinder – über Monate ging fast nichts mehr. Feiern abgesagt, Tagungen auch. Ich empfinde es als Segen, dass wir wieder rauskönnen. Zumal jetzt bei Ferienbeginn. Aufbrechen, in die Berge, an die See. Lang ersehnt. Mit Abstand einfach Abstand suchen. Vielleicht etwas anders als geplant, mit Masken im Gepäck, aber dennoch aufbrechen können. Endlich. Ein Segen ist das.


Das Wort ist leicht gesagt: Segen. Woran erkennt man ihn eigentlich, den Segen? Ist Segen, wenn das eigene Zuhause schöner und behaglicher ist als das von anderen? Ist Segen, wenn man eine Urlaubsreise antreten kann? Ist Segen gleich bedeutend mit Glück, Urlaubsfreiheit und Wohlstand? Und ist das, was für manche ein Segen ist, für andere womöglich ein Fluch?


Musik 1: Davy's On the Road Again”, Text/Musik/Interpret: Manfred Mann's Earth Band; CD: The Best of Manfred Mann's Earth Band (Remastered), Label: ? 1999 Creature Music Limited, LC: 60192.


Davy's on the road again

Wearin' different clothes again

Davy's turning handouts down

To keep his pockets clean

All his goods are sold again

His word's as good as gold again

Sez if you see Jean now ask her

Please – to pity me


Jean and I we moved along

Since the day – down in the hollow

When the mind went driftin' on

And the feet were soon to follow…


Autor: On the road again, singt Manfred Mann, sich auf den Weg machen. Einen Aufbruch wagen. Eines der ersten Segensversprechen der Bibel gilt einem, der von Zuhause aufbricht. Es wird Abraham gegeben, dem Stammvater Israels. Vor rund dreitausend Jahren lebt Abraham im Lande Haran, wo er geboren ist, in der heutigen Türkei. An ihn, den Hirten und Viehzüchter, wendet sich Gott persönlich und gibt ihm ein Versprechen:


Sprecherin: Und der HERR sprach zu Abraham: Geh aus deinem Vaterland und von deiner Verwandtschaft und aus deines Vaters Hause in ein Land, das ich dir zeigen will. Und ich will dich zum großen Volk machen und will dich segnen und dir einen großen Namen machen, und du sollst ein Segen sein. Ich will segnen, die dich segnen, und verfluchen, die dich verfluchen; und in dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter auf Erden. Da zog Abraham aus, wie der HERR zu ihm gesagt hatte.


Autor: Abraham, so will es Gott, soll aufbrechen. Und Gott sagt, dass er mit ihm sein wird, auch wenn das Ziel gar nicht klar ist. Jedenfalls nicht für Abraham. Warum eigentlich kann er nicht einfach bleiben, wo er ist, wo es ihm doch zu Hause, in Haran, gut geht? Und zudem ist Gott in diesem Segensversprechen ziemlich parteiisch. Warum gilt diese Segenszusage ausgerechnet Abraham? Warum nicht einem anderen oder gar allen Viehhirten in Haran? Ich habe sechs Kinder. Wenn ich einem von meinen Kindern sagte: Ich will dich segnen und du sollst ein Segen sein, Sie sollten mal die anderen hören.


Und weiter: Ist der Segen, der nach diesem Versprechen Gottes auf Abrahams heutigen Nachkommen, auf dem Volk Israel liegt, auch ein Segen für andere Völker? Wie sehen seine heutigen arabischen Nachbarn das? Wirkt der Segen für einige mehr und für andere leider etwas weniger? Oder ist der Segen für Abraham für andere gar ein Fluch? Und wie entwickelt sich dieses Versprechen Gottes? Und überhaupt: Wie genau und woran erkennt man, ob und wie der Segen wirkt?


Zu diesen Fragen erzählte mir meine Patentante vor vielen Jahren eine alte chinesische Geschichte. Sie handelt von einem Vater und seinem Sohn, die abgeschieden in einer Hütte leben, zufrieden, bis ihnen ihr einziges Pferd davonläuft. Ihr Nachbar kommt, um sein Mitleid auszudrücken, doch der Alte erwidert: „Wer weiß, ob dies ein Unglück ist!“ Bald darauf vernehmen Vater und Sohn aus dem nahen Wald Pferdehufe und ihr entlaufenes Ross bringt eine ganze Schar Wildpferde mit. Der Nachbar kommt, um das Glück der beiden zu preisen, aber der Alte sagt still bei sich: „Wer weiß, ob dies ein Glücksfall ist?“ Und als sich der Sohn daran macht, die Wildpferde zuzureiten, da stürzt er schwer und bricht ein Bein. Dem Nachbarn aber, der das Unglück beklagt, erwidert der Alte: „Wer weiß, ob dies ein Unglück ist?“ Da aber hört man schon die Trommeln der Diener, die alle Männer zu den Waffen rufen, weil Krieg ist. Alle wehrfähigen Männer folgen ihnen – doch nicht der junge Mann mit seinem lahmen Bein.


So weit diese Geschichte: Wer weiß, ob dies ein Unglück ist? Wer weiß, ob dies ein Glücksfall ist? Man kann auch fragen: Wer weiß, ob dies ein Segen ist? Oder bleibt...


Mir wird schnell klar: Segen ist immer eine Frage der Deutung, die man den Dingen gibt. Man kann nur selbst sagen, was im eigenen Leben ein Segen ist. Ich sprach neulich mit einer jungen Frau, die vier Kinder hat und eine schwere Krebserkrankung überstandt. Eine harte Zeit liegt hinter ihr. „Ich lebe intensiver“, sagt sie. „Jeder Tag mit meinen Kindern ist ein Geschenk.“


Musik 2: „Run”; Komponist: Andreas Obieglo; Interpret: Carolin No; CD: Favorite Sin; Label: 2013 FUEGO; LC: 08823.


Autor: Mein Nachdenken über Segen und Fluch führt mich – na klar – zur weltumspannenden Pandemie, die im Dezember 2019 ihren Anfang nahm. Ist sie eigentlich ein Fluch oder ein Segen für die Welt? Darf man das fragen? Zunächst ist sie ganz gewiss eine Heimsuchung, ein Fluch, weltweit. Ich sehe in ihr einen Fingerzeig Gottes. Der Virus zeigt, dass unsere Möglichkeiten, die Welt zu gestalten, begrenzt sind. Nicht alles lässt sich planen und vorhersehen. Und klar wird auch, wie verletzlich das eigene Leben ist. So viele Menschen sind gestorben an COVID 19, in den USA, in China, in Brasilien, in Frankreich, Spanien, Italien, aber auch hier bei uns in Deutschland, überall in der Welt.


Ich hoffe, dass um jeden Einzelnen getrauert werden kann. Ich hatte vor einigen Wochen eine Trauerfeier, bei der mir die Tochter des Verstorbenen sagte: Mein Vater ist an Einsamkeit und gebrochenem Herzen gestorben. Er lag nach einem Fahrradunfall wochenlang im Krankenhaus und infolge der Pandemie konnte ich ihn nicht besuchen. Niemand durfte zu ihm. Irgendwann hatte der 90jährige aufgegeben. Am letzten Tag durfte seine Tochter ihn besuchen, aber da erkannte er sie schon nicht mehr.


Jeder einzelne solcher Todesfälle ist einer zu viel. Und es sind viele Menschen an COVID 19 gestorben, viel zu viele, ohne dass ihre nächsten Angehörigen sie begleiten und von ihnen Abschied nehmen konnten. Auch wenn sich Ärztinnen und Ärzte und das Pflegepersonal weit über ihre Grenzen hinaus bemühen und engagieren, dieses einsame Sterben macht betroffen.


Aber anderes passiert gleichzeitig: Unser Planet hat für einige Wochen aufgeatmet in diesem Frühjahr 2020. Weniger Verkehr, weniger Flugzeuge, deutlich weniger Verbrauch von CO2. Mag sein, natürlich, für viele Firmen, für Kleinunternehmer und Künstler, für Restaurants und Luftfahrtunternehmen, für die Autobranche und viele andere, die keine Lobby haben, war und ist er ein Fluch, dieser Virus, aber für die Natur, das Klima, die Welt: Ein Segen, ein absoluter Segen. Und die Pause, die er abverlangt hat: Längst nicht lang genug!


Gibt es also solchen Segen immer nur im Doppelpack mit dem Fluch, den keiner will und keiner wollen kann?


Musik 3: „Picture No. 7”, Interpret: Paul Esslinger Ensemble, Label: musentaxi, LC: 15749.


Autor: Zurück zu Abraham. Gott ist für ihn eingenommen, gerade für diesen einen Hirten. Er mutet ihm etwas zu. Eine Wegstrecke mit unbekanntem Ziel. Die ihn segnen, die ihm Gutes zuteil werden lassen, die werden selbst gesegnet. Aber diejenigen, die ihn fluchen, die werden selbst verflucht. Ist Gott wirklich parteiisch – vielleicht für die, die auf seinen Segen vertrauen?


Vorschlag: Wir nehmen in dieser biblischen Geschichte eine Vertauschung vor und ersetzen den Namen Abraham durch: „Du, Mensch, wer und wo Du auch bist“. Dann liest sie sich so, dass Menschen die entscheidenden Sätze dieser Geschichte Abrahams ganz anders hören.

Sie gilt dann uns, diese Geschichte, und sie hört sich so an:


Sprecherin: Und der HERR sprach zu Dir, Mensch, wer und wo Du auch bist: Geh aus deinem Vaterland und von deiner Verwandtschaft und aus dem, was Du gewohnt bist, in ein Land, das ich dir zeigen will. Und ich will dich, Mensch, wer und wo Du auch bist, zum großen Volk machen und will dich segnen und dir einen großen Namen machen, und du, Mensch, wer und wo Du auch bist, sollst ein Segen sein. Ich will segnen, die dich, Mensch, wer und wo Du auch bist, segnen, und verfluchen, die dich verfluchen; und in dir, Mensch, der Du jetzt lebst, sollen gesegnet werden alle Geschlechter auf Erden. Da zog der Mensch aus, wie der HERR zu ihm gesagt hatte.“


Autor: Wenn man es so hört, dann ist Gott nicht länger für Einen parteiisch, sondern für alle Menschen, die ihm vertrauen. Er ist mit denen, die seiner Weisung folgen und sich trauen, aus Gewohntem aufzubrechen und Neuland zu suchen.


Darf man so tauschen? Ich finde ja. Denn Gott baut nicht nur auf Abrahams Mut, er baut auf unser Vertrauen heute. Auf nichts anderes, nur darauf. Gott will segnen. Und Gott will, dass Menschen unter seinem Segen aufbrechen. Es soll weitergehen, unser Leben. Auf unseren Wegen auf neues Land. Gott will, dass das, was uns begegnet, uns selbst und anderen und der Welt zum Segen wird.


Für mich heißt das: auch in Krisenzeiten will der Segen erkannt werden. Gott traut uns zu, dass wir seinen Segen wertschätzen und ihm vertrauen. So wie die Frau, die ihre schwere Erkrankung hinter sich hat und jetzt intensiver lebt als zuvor. Und ich sehe viele Segensspuren. Da ist eine neue Nähe entstanden zwischen Menschen, die sich geholfen und einander unterstützt haben während des sogenannten Lockdowns. Enormes Engagement in Krankenhäusern, in Schulen und Altenheimen – und in unseren Kirchengemeinden auch. Wer hätte unserem Land in dieser Zeit des erzwungenen Abstands so viel Gemeinschaftssinn zugetraut? So viel Vertrauen in die Politik? Und unserer Kirche so viel digitale Kreativität?


Der Segen sagt: Trau Dich, wertzuschätzen, was ist. Und schau und spüre, dass es immer neu Dinge gibt, die Gott Dir schenkt und die Deine Wertschätzung brauchen. Ob das geht? Auch in dem, was uns widerständig erscheint, ja selbst in dem, was das Leben gefährdet und schließlich beendet, Segen zu erkennen? Das ist eine Kunst und eine Aufgabe. Solchen Segen zu sehen, ihn weiter zu tragen und dem Leben zu dienen, ist Lebenskunst. Gott schenkt sie, diese Kunst. Nur er kann das. Gott segnet uns und andere – und wir können ein Segen sein.


Aus Bonn wünscht Ihnen eine gesegnete Ferienzeit und einen schönen Sommer zuhause oder im Aufbruch, wohin und wie Gott Sie führt, Ihr Pfarrer Uwe Rieske


Musik 4: “Goin' Home”, Komponist: George.Shaw & Wilton Felder; Interpret: The Crusaders; CD: Rural Renewal, Label: 2003 PRA Records, Inc.; LC: unbekannt



Redaktion: Landespfarrer Dr. Titus Reinmuth

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