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Kirche in WDR 4 | 24.03.2020 | 08:55 Uhr

Sehhilfe

Es ist 7.55 Uhr und in Klasse 3c fällt ein Ranzen oder ein Stuhl, das ist später nicht mehr zu ermitteln. Als der Lehrer, der in diesem Fall auch der Pfarrer ist, um 8.03 Uhr den Raum betritt, sollten seit drei Minuten die Kinder auf ihren Plätzen sitzen und Religion lernen.

Aber fast alle stehen in einer dicken Kindertraube in der Mitte des Raums rund um zwei ineinander verkeilte Jungs auf dem Fußboden.

Der Lehrer, der in diesem Fall auch der Pfarrer ist, muss handfest dazwischen gehen. Aber der schwierige Teil beginnt danach.

Die Befragung der beiden ergibt – wie nicht anders zu erwarten. Der andere hat Schuld. ‚Der hat angefangen‘ - das Bild verknickt, den Stinkefinger gezeigt, das Heft zerrissen und der andere schwört Stein und Bein, es sei genau andersrum gewesen.

Und aus der Gruppe werden noch eine Handvoll anderer Versionen ergänzt, wie es gewesen ist. Unmöglich die richtige herauszufinden und zu klären, wer, wie, warum und womit ‚angefangen’ hat.

Und so verlegt sich der Lehrer, der in diesem Fall auch der Pfarrer ist, darauf, zu sagen: So darf man jedenfalls nicht weitermachen. Und überhaupt es kommt jetzt aufs Aufhören an und nicht aufs Anfangen. 

Diese kleine Szene kommt mir in den Sinn als ich höre, wie in diesen Tagen einzelne Länder und ihre Staatsoberhäupter zwischen den Zeilen anfangen, sich die Schuld für die Pandemie in die Schuhe zu schieben. Die Krankheit sei ja da und dort erstmals aufgetreten, so die einen. Und die anderen kontern: Vielleicht hat man sie aber uns auch von außen eingeschleppt. Und überhaupt, wenn die da dies und das getan oder gelassen hätten, dann wären wir hier jetzt nicht...

Gewiss, wo es um Gesundheit und um Krankheit geht, da geht es auch um Verantwortung. Und wo es um Verantwortung geht, geht es mitunter auch um Versäumnisse und Fehler. Aber es wäre allemal falsch, wenn wir jetzt dem schrägen Drang nachgeben würden, Schuldige sichtbar machen zu wollen – wo wir alle doch gleichermaßen einer unsichtbaren Bedrohung ausgesetzt sind. Als ob, das jetzt dran wäre!

Im Johannesevangelium wird erzählt wie Jesus mit seinen Jüngern einem blinden Menschen begegnet. Und Jesu Freunden fällt nichts Besseres ein als nach den Schuldigen zu fragen: „Meister, wer hat da gesündigt, dass er blind geboren ist: Der Blinde oder seine Eltern?“

Aber Jesus verbietet Ihnen die Frage regelrecht und sagt „Weder noch, sondern es sollen an ihm die Werke Gottes offenbar werden.“ Und er rührt einen Brei für die Augen des Blinden an, streicht ihm den auf die Augen, schickt ihn weg, damit er sich waschen kann – und der Blinde wird wieder sehend.

Nein, wir sind keine Wunderheiler. Aber gerade deshalb ist es auch für uns wichtig, sich die zerstörerischen Fragen zu verbieten. Es geht darum, die Not unserer Nächsten im Blick zu behalten.

Gern lasse ich mich an Gottes guten Willen erinnern. In einer Art Glaubensbekenntnis ist das so ausgedrückt: „Ich glaube, dass Gott aus allem, auch aus dem Bösesten, Gutes entstehen lassen kann und will… Dafür braucht er Menschen, die sich alle Dinge zum Besten dienen lassen ...“ So formuliert es Dietrich Bonhoeffer, der gegen die Nazis im Widerstand kämpfte.

Und ein Bekannter schreibt mir: „Wir haben in unserer Gemeinde heute Morgen für ein Weilchen den letzten Gottesdienst gefeiert, bei dem die Gemeinde anwesend sein kann. Ich habe noch nie einen Pfarrer erlebt, der beim Segen schluchzen muss. Es war zum Heulen. Aber paradoxerweise auch `schön`. Ich bin ziemlich sicher, dass gerade ein heilsamer Ruck durch die Gesellschaft geht - und nicht ein Riss.“ Gerne will ich mithelfen, dass er Recht behält.

Einen heilsamen Tag wünscht Ihnen

Ihr Jan-Dirk Döhling aus Bielefeld.

 

Redaktion: Landespfarrerin Petra Schulze

 

 

 

 

 

 

 

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