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Das Geistliche Wort | 20.09.2020 | 08:40 Uhr

Sich in Bewegung setzen

Musik 1: „outside“; Track 01 von 08, Interpret: Maya Belsitzman; Album: Maya Belsitzman & Matan Ephrat, Komposition: Maya Belsitzman & Matan Ephrat; Label: Sonic Studios; 2014 Sonic Music Division Ltd, LC: 91031.

 

Overvoice-O-Ton: Ich versuche an nichts anderes zu denken. Im Moment zu sein, vorher habe ich noch einmal in meinem Kopf (...) über ein paar Sachen drüber gegangen, wo ich vielleicht unsicher war (...).

 

Musik 1: „outside“

 

Aber wenn es dann soweit ist, alle anderen Gedanken loslassen und dann muss ich darauf vertrauen, dass alles soweit stimmt und dann gehe ich in diese (...) Welt der Vorstellungen.

 

Autor: Joy Kammin kurz vor dem Auftritt. Sie hat sich aufgewärmt. Hinter der Bühne. Kurz die Augen geschlossen. Ist in Gedanken noch einmal die Abfolge der Szenen durchgegangen. Nur noch wenige Momente bis zum Auftritt. Joy ist Bühnentänzerin. Künstlerischer Zeitgenössischer Tanz. Was die Zuschauer gleich erleben, sind intensive Bewegungen. Einpeitschende Musik. Rhythmus. Stille. Atmosphäre. Mit den anderen Tänzern auf der Bühne entstehen für kurze Zeit Bilder, Sequenzen. Zu Beginn ist es ungewohnt, wie sich die Körper durch den Bühnenraum bewegen. Mal spielerisch, dann wieder kraftvoll. Eben noch athletisch akrobatisch, jetzt wieder graziös. Hier feengleich schwebend, dort sich lasziv windend. Alles in ungeahnter Bewegungsvielfalt und mit wechselnden Tempi.

 

Musik 1: „outside“

 

Autor: Anders als bei einem Theaterstück oder im klassischen Ballett erlebe ich jetzt keine aufeinanderfolgenden Szenen und eine zusammenhängende Erzählung. Fließende Bewegungen reißen plötzlich ab und gehen über in schmerzvolle Verkrümmungen. Raumgreifende Sprünge und Drehungen münden in minimalistischen zuckenden Bewegungen am Boden. Und ich als Zuschauer? Muss meine Gedanken sortieren. Suche nach dem roten Faden, den es offenbar so nicht gibt. Viel mehr erlebe ich Gefühlsschwankungen, aufflackernde Energie und Erschöpfung. Und ich erlebe das Zusammenspiel der Tänzer. Bewegungen von Joy lösen bei ihren Mittänzern neue Bewegungen aus. Oder Joys Bewegung wird durch einen Impuls ihres Tanzpartners in eine andere Bewegung verändert. Joy Kammin berichtet, warum sie so gerne auf der Bühne steht:

 

O-Ton: Ich mochte immer den Prozess im Studio. Weil die Frage, warum gehe ich jetzt auf die Bühne? Um Applaus zu kriegen oder was ist der Sinn der Sache? Da hatte ich eine ganz tolle Choreographin mit der ich gearbeitet hab, die viel den Schwerpunkt auf „die Performance wie eine Meditation zu sehen (...) Das kann ich mir als Grund geben, auf der Bühne zu stehen.

 

Musik 2: „Möglicherweise ein Walzer“, Track 11 von 18; Interpret: Heinz Rudolf Kunze & Wolfgang Stute; Album: Kommando Zuversicht - Das musikalische Hörbuch - Live in Bremen, Komposition: Herman van Veen; Label: Rakete Medien; 2006 Raketen Records, LC: 19912.

 

O-Ton: Wenn man das Gefühl hat, man hat sich mit jemandem verbunden. Mit dem Tanz verbunden, mit sich selbst verbunden ... mit dem Raum verbunden, in dem man ist, in so einen Flow gerät wie eine Meditation – wenn es um Bühnentanz geht, das ist der perfekte Augenblick.

 

Autor: Flow. Meditation. Intensiver Ausdruck. Körperlichkeit. Wie passen Religion und Tanz zusammen? In der westlichen christlichen Tradition kommt Tanz so gut wie nicht vor. Tanz wurde hier mit Körperlichkeit und Ektase verbunden. Während das Christentum in vielen Epochen prägend war für Musik, Kunst und Architektur, ist es zu einer christlichen Tanzkunst gar nicht gekommen. Im Gegenteil: Mit dem Christentum verbinden viele eher Tanzverbote. In anderen Religionen sieht das ganz anders aus: Zum Beispiel der mystische Versenkungstanz der Derwische im Islam oder die rituellen Tänze im Hinduismus: Der Gott Shiva ist hier der «König des Tanzes». Auch in vielen afrikanischen Kirchen gehört Bewegung zum Gottesdienst selbstverständlich dazu.

 

Musik 3: „Dancing On My Own”, Track 7/14, Interpret: Calum Scott; Album: Only Human (Deluxe), Komposition: Patrik Berger & Robin Carlsson; Label: Capitol Records; 2018 Capitol Records, LC: 14153.

 

O-Ton: Man sollte versuchen, alles in einer Bewegung ausdrücken zu können. Egal wie schwer es manchmal ist, weil ansonsten würde ich mal (...) vermuten, dass es irgendwie im Körper stecken bleibt.

 

Autor: So die Tänzerin Joy Kammin. Die Choreografin Pina Bausch, Gründerin des berühmten Wuppertaler Tanztheaters, erzählte einmal folgende Geschichte: In Griechenland war sie bei Familien der Sinti und Roma zu Gast. Sie fingen an zu tanzen. Ein Mädchen, vielleicht zwölf Jahre alt, forderte sie auf, mitzutanzen: «Dance, dance, otherwise we are lost.» Tanzt, tanzt, sonst sind wir verloren. So wurde dieses Motto zum Untertitel von Wim Wenders Kinofilm Pina. Pina Bausch empfand den Tanz als Körpersprache. Durch den Tanz drückte sie Gefühle aus, die sie nicht in Worte fassen konnte. Auch für Joy Kammin drückt der Tanz etwas aus, was Sprache nicht kann:

 

O-Ton: Dass die Sprache gerade das nicht wiedergibt, was man da noch irgendwie in sich spürt und was der Tanz für mich ausdrücken kann, was die Sprache nicht kann: also ich glaube wir sind viel komplexer als das, was man in Worte fassen kann und das irgendwie da rein zu tappen, das kann für mich der Tanz. Das, was einem selber mit Sprache unklar ist, kann durch den Tanz schon unterbewusst (...) rausholen auf eine andere Art und Weise erleben und ausdrücken.

 

Autor: Wie gehe ich damit um, wenn ich keine Sprache finde. Wenn mir die Worte abhandenkommen? Wie etwa als ich das Bild in der Zeitung sah von dem toten dreijährige Aylan Kurdi. Fünf Jahre ist das schon her. Flüchtlingsströme über das Mittelmehr. Und der junge ist über Bord gegangen. Die sanfte Welle, die über die Kiesel rollt. Der kleine Körper. Von dem Bild will ich mich abwenden und zugleich kann ich mich nicht losreißen. Entsetzlich und endgültig ist die Stille, die von ihm ausgeht. Der Junge liegt da, mit seinen Turnschuhen, blauer Hose, rotem Hemd. Der Arm seitlich angelegt, der Kopf dem Meer zugewandt und allein. Ich kann ihnen zwar beschreiben, was ich sehe, auch kann ich nach Worten ringen, aber die Trauer, die Wut, die Frage nach dem Sinn finden nur für den Moment einen Ausdruck. Vielleicht kann ich von Joy Kammin lernen, dass Vieles sich in Übergängen abspielt und ambivalent bleibt, eben keine Eindeutigkeit hat.

 

Wenn Joy im Proberaum arbeitet, ahnt ihr Körper schon mehr, als sie in Worte fassen kann. Sie hört und spürt tief in sich hinein. Welche Geste, welche Bewegung könnte ihr Gefühl und was sie denkt ausdrücken? Sie findet eine Bewegung. Probiert sie wieder und wieder aus. Verwirft sie. Probiert eine andere Abfolge von Bewegungen aus. Zu stark. Passt noch nicht. Sie beobachtet sich im Spiegel, manchmal filmt sie sich. Ein langer, schöpferischer, intensiver Prozess für die Tänzerin. Alles, um diesen Ausdruck dann für einen flüchtigen Moment auf die Bühne zu bringen.

 

Und genau hier begegnen sich Religion und Tanz. Sie tasten sich vor an die Grenzen des Unaussprechlichen. Sie tappen, suchen, tasten und ahnen und wollen doch Ausdruck finden. Der zeitgenössische Tanz thematisiert oft das Entgleiten in einem Augenblick, guckt darauf, wo etwas nicht mehr entscheidbar ist. Zeigt auf, in welchen Momenten es in eine andere Richtung kippt, eine Sache oder mein bis dahin eindeutiges Bild verwischt oder eine Situation entgleitet. Grenzerfahrungen und die Abwesenheit von Sprache und Ausdruck. Das sind Themen der Religion und des zeitgenössischen Tanzes.

 

O-Ton: Wenn man es sofort wüsste, dann würde man es vielleicht schon sagen können. Man muss vorsichtig da irgendwie reingehen, weil man sich die Zeit dazu nehmen muss, wirklich seinem Körper zuzuhören: wie drückt man die Bewegung aus? Was will der Körper gerade sagen?

 

Autor: Dem Körper zuhören. Diese Vorstellung fasziniert mich. Offenbar hilft bei der Suche nach Ausdruck der Kontakt zu mir selbst. Mein Bauchgefühl, das mich vor falschen Entscheidungen warnt, die zitternden Knie, wenn Angst mich vor einer Gefahr schützt. Allein meine Körperhaltung, mein intuitives Zurückweichen in einem Gespräch verrät mir einiges über den Moment. Wenn ich intuitiv zurückweiche oder mir im wahrsten Sinne die Gesichtszüge entgleisen, dann bewegt mich etwas tief im Innern. Für Joy Kammin ist dieser Zugang ihr Werkzeug, um künstlerische Formen zu finden. Und ich lerne davon. Meine Körpersignale und Bewegungen ermöglichen mir, Ausdruck zu finden. In der Regel versuche ich doch, nicht die Fassung zu verlieren und zu kontrollieren.

 

Musik 4: „ocean eyes”, Track 7/9; Interpret: Billie Eilish; Album: dont smile at me, Komposition: FINNEAS; Label: Interscope Records; 2017 Interscope Records, LC: 06406.

 

Autor: Als ich das Foto von dem toten Jungen zum ersten mal gesehen hatte, habe ich mein Ringen um Sinn und Worte allein dadurch gespürt, dass mir die Luft weggeblieben ist und ich etwas später meinen Atem intensiver gespürt habe als ich es normalerweise tue. Und wenn ich nun als Zuschauer einer Tanzperformance die immer wiederkehrenden Bewegungen erlebe, den Atmen der Tänzer spüre, dann durchlebe ich als Zuschauer solche inneren Bilder noch einmal. Und die plötzliche Unterbrechung der intensiven Bewegungen der Tänzer lässt mich erleben, dass Schmerz auch eine Unterbrechung findet. Für mich ein spiritueller Moment. Eine Erkenntnis. Und so gibt es in einer Tanzperformance neben den Tanzenden auch die, die zuschauen und sitzen bleiben, aber sich gleichermaßen durch den Tanz spirituell bewegen lassen.

 

O-Ton: unsere Aufgabe würde ich sagen ist etwas zu geben mit dem der Zuschauer etwas anfangen kann und was vielleicht einem selber den Zuschauer dann in eine gewisse Richtung bewegt, in seinen Gedanken oder seinen Gefühlen, ja irgendwie etwas auszulösen, das muss gar nicht so ganz konkret sein.

 

Autor: Wenn ich mich als Zuschauer darauf einlasse, dann lasse ich mich durch den Tanz bewegen. Die Musik, der Raum mit seinem Bühnenbild und der Tanz, die Tanzsequenzen stoßen in mir neue Gedanken an. Bewegen mich buchstäblich. Ich löse mich von Gedanken, verändere meine Perspektive und schaffe Raum für neue Gedanken. Vor allem aber erkenne ich, dass es immer eine noch andere Perspektive gibt, die ich noch nicht kenne, oft ist es eine Nuance, manchmal Erleichterung, oft aber auch ohne Lösung. Im Wiederhall zu Künstlern wie Joy Kammin erlebe ich, dass es ihr ähnlich geht und wie leidenschaftlich sie daran arbeiten in ihren Bewegungen über sich hinaus zu weisen.

 

O-Ton: Man kann durch einen Raum gehen. Einer sieht, dass etwas ganz besonders in diesem Raum aussieht. Der andere merkt es überhaupt nicht. Und der eine sagt: das sieht besonders aus und macht nen Foto, der ist jetzt Fotograf und dieses Foto wird gesehen. Das ist ja Kunst, so wie das da steht, die Schatten fallen und der hat dann da den Blick drauf gelenkt und so denke ich ist das beim Tanz auch.

 

Autor: Der Tanz kann mir etwas zeigen, was ich vorher so nicht gesehen habe. Was ich von der Tänzerin Joy lerne ist, wie viel ich aus dieser Kunst für mich und meine Weltdeutungen ziehen kann. Wenn ich dafür offen bin, kann ich verstört und nachdenklich, beglückt und euphorisch aus einer Tanzperformance nach Hause gehen. Vielleicht leichtfüßiger, vielleicht etwas tänzelnd aber auf jeden Fall in Bewegung versetzt. Oft ist es eine spirituelle Erfahrung. Weil Grenzen überschritten werden. Weil Unsagbares Ausdruck findet. Und Joy gibt mir noch etwas als Nicht-Tänzer mit auf den Weg. Ich solle auf das achtgeben, was mein Körper mir schon sagen möchte, noch bevor ich dafür Worte finde. Und ich solle meine Körpersprache beobachten und besser kennenlernen, weil es auch im Alltag schön ist, seinen Gedanken tanzend Ausdruck zu verleihen. Zum Beispiel auf dem Weg aus der U-Bahn, die Treppe hinauf. Vorbei tänzelnd an den langsam nach oben schleichenden Menschen. Mit herunter hängenden Schultern, vollgepackt mit Einkäufen oder Aktentaschen. Dem Licht entgegen. Die Anstrengung spüren. Und der erste tiefe Atmen an der frischen Luft. Und schon habe ich meine eigene Performance und Choreographie erarbeitet.

 

Musik 5: „Dancing In the Street”, Track 1/3, Interpreten: David Bowie & Mick Jagger; Album: Dancing In the Street - EP, Komposition: David Bowie & Mick Jagger; Label: Parlophone Record; 1985 Parlophone Record, LC: 00299.

 

 

Redaktion: Landespfarrer Dr. Titus Reinmuth

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