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Kirche in WDR 4 | 29.08.2020 | 08:55 Uhr

Sondervig und Vedersö

Guten Morgen.

Der Anblick von Bunkern stört mich immer und überall. Und erst recht, wenn ich im Urlaub bin. Zum Beispiel an den Küsten der Normandie und der Bretagne in Frankreich. Oder an der dänischen Nordseeküste in Sondervig.

Immer wenn ich dort durch den kleinen Dünenweg von unserem Ferienhäuschen zum Strand komme, dann sehe ich sie als erstes: Gefechtsunterstände und kleine Bunker aus dem Zweiten Weltkrieg. Sie dienten den deutschen Besatzungstruppen als Verteidigungswall gegen die Alliierten.

Und dann sitze ich mit meinem kleinen Campingstuhl im Sand. Damit ich in Ruhe lesen kann, richte ich meinen Stuhl so aus, dass ich möglichst ungestört zwischen den Ruinen hindurch auf das Meer blicken kann. Und in jedem Jahr frage ich mich wieder: Warum fühle ich mich eigentlich so gestört? Andere Menschen gehen ganz anders um mit diesen Bunkern: Kinder und Erwachsene benutzen sie gerne zum Klettern oder als Aussichthügel. Einige posieren darauf für Fotos, mit dem Meer im Hintergrund. Inzwischen weiß ich auch, dass man sie nicht entfernt, da sie sich bei Sturmfluten als Wellenbrecher bewährt haben.

Es scheint also mein Geschichtsbewusstsein zu sein, das mich nicht loslässt und mich begleitet, auch in Dänemark. Ich will die Erinnerung an die Gräueltaten des Zweiten Weltkrieges ja auch nicht aus meiner Erinnerung tilgen. Sie gehören zu mir wie alle Geschichten meiner Eltern und Großeltern. Das ist vielleicht gemeint, wenn es in der Bibel heißt: Die Missetat der Väter wird an den Kindern heimgesucht bis ins dritte und vierte Glied, also bis in die nächsten Generationen. Ich gehöre zur dritten Generation nach dem Krieg und meine Familie eher zu den Opfern. Meine Eltern und Großeltern sind mit den psychischen Belastungen durch Flucht, Krieg, Bunkernächte und brennende Häuser gut umgegangen. So konnte ich davon unbelastet aufwachsen. Trotzdem kenne ich natürlich ihre Geschichten. Und wenn ich dann im Sand zwischen den Ruinen sitze und mich von den Bunkern gestört fühle, dann will ich mich auch stören lassen in meinem Urlaubsgefühl. Und ich plane schon den nächsten, genau hier an diesem geschichtsträchtigen Ort.

In jedem Urlaub machen wir einen Ausflug nach Vedersö, 20 Kilometer nördlich von Sondervig. Dort besuchen wir den Preestgaard, den Pastoratshof des dänischen Pfarrers und Dichters Kaj Munk. Er lebte dort während der Besatzungszeit durch die nationalsozialistischen Truppen mit seiner Frau und fünf Kindern. Der Preestgaard liegt in einer Umgebung des absoluten Friedens. Das Wohnhaus, die Stallungen und Vorratshäuser fügen sich harmonisch in die Umgebung ein. Wiesen, Strandhafer und ein großer See, fast eine Seenlandschaft. Ruhe. Nur das Rauschen des Seegrases im Wind und die Möwen sind zu hören.

Hier schrieb Kaj Munk seine Predigten und Gedichte gegen den Ungeist des Nationalsozialismus. Ihm war es wichtig, die Menschen gedanklich widerstandsfähig zu machen. Damit sie sich nicht selbst auslieferten an die deutsche Besatzungsmacht. Die BBC sendete seine Predigten und Gedichte in die Welt hinaus. Und bald schon bezeichnete man Kaj Munk als die Stimme Dänemarks gegen den Nationalsozialismus. Von seinem Pastoratshof in Vedersö wurde Kaj Munk im Januar 1944 von einem SS-Trupp abgeholt. Er ging freiwillig mit. Seine Leiche fand man einen Tag später in einem Feld in der Nähe. Das will ich nicht vergessen. Und ich wünsche mir, dass Frieden wird in unseren Häusern und Herzen.

 


Gerlinde Anders, Pfarrerin in Leverkusen.

 

 

Redaktion: Landespfarrerin Petra Schulze

 

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