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Das Geistliche Wort | 10.11.2019 | 08:40 Uhr

Wer loslässt, wird reich beschenkt


Guten Morgen!

In diesen Tagen kann man sie wieder sehen landauf und landab, die Martinszüge. Kinder mit bunten Laternen laufen durch die Straßen meist hinter einem Reiter her, der den heiligen Martin spielt und hoch zu Ross sitzt. Und fast immer wird dann diese alte Geschichte von Martin gespielt, wie er, der stolze römische Soldat seinen Mantel teilt und einem armen Bettler gibt, der am Wegesrand sitzt. Auch wenn Martin als Heiliger in der katholischen Kirche verehrt wird: beim Martinszug laufen vielerorts Kinder der verschiedenen Konfessionen und Religionen mit. Der Martinszug ist eben ein schönes Brauchtum und St. Martin ein populärer Typ, eben ein Vorbild in Sachen Teilen. Dabei ist teilen so eine zwiespältige Sache – um zu teilen, muss ich zunächst selbst etwas haben und dann muss ich bereit sein etwas davon loszulassen und wegzugeben.


Es gibt Beispiele, da fällt es leicht loszulassen und wegzugeben. Es schafft eine neue Lebensqualität und kann sogar ganz befreiend sein! Eine Freundin schickte mir vor einigen Tagen ein Bild von ihrem Kleiderschrank, den sie nach der Konmari-Methode richtig ausgemistet und dann extrem ordentlich wieder eingeräumt hatte. Die Methode geht auf die Japanerin Marie Kond? zurück und folgt dem Prinzip: Behalte nur, was dich glücklich macht, wenn du es in die Hand nimmst. Bei meiner Freundin hat das geklappt: Sie fühlte sich, nach eigenem Bekunden, jetzt so richtig gut, weil zumindest mal an dieser Stelle in ihrem Leben Ordnung herrschte.

Ein andere Freundin ist gerade auf dem Minimalismustrip und hat extrem viele Sachen in ihrer Wohnung aussortiert und weggeben. Für sie bedeutet das Weggeben und Loslassen irgendwie eine Befreiung. Weniger Zeug in der Wohnung bedeutet für sie mehr Luft zum Atmen zu haben.

Und Schließlich haben Bekannte von mir vor ein paar Wochen den Speicher ihres Hauses radikal aufgeräumt und ausgemistet. Alte Matratzen, die Schulsachen von den Kindern und allerhand Zeug, was mal als „das ist ja noch gut“ gegolten hatte, wurden auf die Mülldeponie gefahren. Für die Bekannten bedeutet dieses Aufräumen, dass sie ihr Haus bestellen. Sie sind nicht mehr die Jüngsten und die Frage ist, wie lange sie noch selber dafür sorgen können, dass alte Sachen wegkommen. Jetzt konnten sie noch selber entscheiden, was womit passieren sollte.

Das Verrückte bei all diesen Beispielen: Obwohl ich aussortiere, aufräume und loslasse, bekomme ich etwas dazu: Ordnung im Leben, Luft zum Atmen oder das Gefühl von Freiheit.

Allerdings, es gibt auch andere Erfahrungen beim Loslassen: Ein Freund erzählte mir, dass er zwischendurch immer wieder mal anfange, großartig auszumisten. Das dauere bei ihm so eine Woche und am Ende habe er gerade mal einen kleinen Karton von Dingen zusammen bekommen, die er weggeben wolle. Er kann sich einfach nicht trennen und loslassen: bei Klamotten denkt er sich: Die Hose ist zwar oll, aber die kann ich noch für die Gartenarbeit brauchen. Dabei wohnt er mitten in der Stadt und hat überhaupt keinen Garten. So bleiben seine Schränke voll.

Und ich selbst muss geschehen: Ich bin ja im Kloster und zu unserer Klosterregel gehört auch das Versprechen der Armut, aber ich kann mich auch nur schlecht von Dingen trennen. Ok. Armut kann auch bedeuten, nicht viel zu besitzen und das Nötige möglichst lange und schonend zu gebrauchen. Aber schon der Heilige Augustinus – nach dessen Ordensregel wir leben – schreibt: „Denn es ist besser, wenig nötig zu haben als viel zu besitzen.“ Augustinus warnt aber auch: „Welchen Sinn hätte es, sein Vermögen an die Armen zu verteilen und selbst arm zu werden, wenn das Wegschenken des Reichtums einen Menschen noch hochmütiger machen würde als der Besitz eines großen Vermögens?“

Und dann wieder habe ich die Erfahrung gemacht, dass ich das, was ich gerade weitergegeben und verschenkt hatte, doch eigentlich noch ganz gut hätte brauchen können.

Da klappt das also nicht mit dem Loslassen und die gute Wirkung stellt sich auch nicht ein.

Mit dem Loslassen und Weggeben ist das so eine Sache. Daher schaue ich eben auf den heiligen Martin, der ist ja das Vorbild per se in Sachen loslassen und weggeben. Er gibt immerhin mitten im Winter die Hälfte seines Mantels einem Bettler. Ich schätze mal, dass Martin in dem Moment, als er den Bettler sah, irgendwie von ihm berührt war. „Wie soll der arme Mensch hier in der Kälte überleben?“ Und, so sagt es die Legende, ohne viele zu sagen, nahm er sein Schwert, zerteilte den Mantel, gab ihn dem Bettler und ritt weiter. Da gab es also kein langes Nachdenken, kein Nachspüren, ob der Mantel jetzt Freude gibt, ob er ihn vielleicht noch besser brauchen könnte oder was auch immer. Der heilige Martin folgte einfach dem inneren Impuls und gab, was er hatte.

Das finde ich cool und bin auch heute immer wieder davon bewegt, wenn Leute ganz spontan etwas hergeben. Das muss nicht unbedingt der Wintermantel sein, mich beeindruckt schon, wenn jemand einem der vielen Bettler auf unseren Straßen ein paar Cent gibt oder wenn jemand seinen Stutenkerl beim Martinszug abgibt und dann selber keinen mehr hat. Das passiert oft einfach ganz spontan. Der oder die macht das einfach. Da geht’s dann auch nicht um eine Gegenleistung die erwartet wird: Tue ich dir das, was tust du dann für mich?

In der Legende heißt es weiter, dass Martin für seine Tat von seinen Begleitern verspottet wurde, er sich davon aber nicht beirren ließ. Und in der folgenden Nacht sei ihm Jesus selber im Traum erschienen und bedankte sich für die gute Tat. Er nämlich war der Bettler am Wegesrand gewesen und sagte zu Martin: „Martinus, der noch nicht getauft ist, hat mich mit diesem Mantel bekleidet.“

Von da an änderte sich Martins Leben radikal: Er ließ sich taufen, verließ das Militär, wurde Priester und Einsiedler und später sogar Bischof. Er gründete das erste Kloster des Abendlandes, war als Ratgeber und Nothelfer beliebt und wurde schon bald nach seinem Tod als Heiliger verehrt. Und das, weil er im rechten Augenblick einfach gehandelt und geteilt hatte, was er besaß, weil sein Herz nicht an Sachen und Dinge hing.

Die ganz großen Lebenswenden wie beim heiligen Martin, die gibt es heute kaum noch. Aber dennoch kenne ich etwas von dem, was den Martin vielleicht auch bewegt hat: das gute Gefühl, dass sich einstellt, wenn ich jemand anderem mit meinen Sachen eine Freude machen konnte. Das ist super. Allerdings frage ich mich auch: was sind das für Sachen, die ich da abgebe? Meist doch Sachen, die sich ja eh ersetzen lassen. Und da lohnt es sich also im Grunde nicht, krampfhaft daran festzuhalten. Meistens gebe ich eh, was ich nicht mehr brauche, aber es gibt auch kostbare Sachen, die ich verschenke. Etwas Kostbares wäre zum Beispiel meine Zeit, die ich anderen geben kann: Ein Besuch bei einer alten Mitschwester, Helfen beim Umzug oder Einspringen für jemand anderes, der noch weniger Zeit hat. Oder so wie letztens als ich für ein Wochenende im Mutterhaus unseres Ordens war. Da hatte ich mir schon so schön ausgemalt, dass ich am Sonntagmorgen nach dem Frühstück mit den Mitschwestern ganz entspannt eine Stunde nur für mich ganz alleine haben könnte. Nach einer knallvollen Woche voller Arbeit und Menschen hatte ich da richtig Lust drauf. Einfach mal Ruhe haben und nichts tun. Dann aber meldete sich ein alter Bekannter aus Bolivien: „He, ich bin gerade bei Euch im Gästehaus, wollen wir am Sonntag zusammen frühstücken?“ Einmal musste ich kurz durchatmen, weil meine schöne stille Stunde flöten ging. Aber andrerseits: Na klar treffe ich mich mit einem Freund, der nur alle paar Jahre mal in Deutschland und dann auch noch bei im selben Haus wie ich bin. Da wäre ich ja schön blöd, wenn ich da nein sagen würde. Ruhe konnte ich ja auch später noch haben.

Und nach unserem Treffen fühlte ich mich richtig erfrischt und hatte etwas weltkirchliche Luft schnuppern können. Das war am Ende mindestens so belebend wie meine zuerst angedachte Ruhestunde.

Es lohnt sich also, wenn ich meine eigenen Pläne nicht zu wichtig nehme und schaue, was das Leben bringt. Ich muss offen sein, meine Pläne loszulassen um Neues entgegen nehmen zu können. Meistens passiert dann etwas, was ich vorher überhaupt nicht erwartet hatte und was meine eigenen Vorstellungen noch übertrifft. Deswegen will ich das auch unbedingt weiter einüben: offen sein für Unerwartetes, indem ich nicht zu sehr an meiner Zeit festhalte. Und ich bin mir sicher, dass ich das, was ich gerade weggegeben habe, auf andere Weise zurückbekomme. Und das ist dann ja schon immer irgendwie wie ein Wunder.

Eigentlich ist das eine sehr alltägliche und grundlegende Erfahrung: Wenn ich krampfhaft mit den Händen etwas festhalte, dann kann ich nichts Neues mehr entgegennehmen. Und das gilt auch im übertragenen Sinne: Ich muss loslassen, um offen zu sein für Neues. Wenn meine Gedanken zu sehr fixiert sind, dann fällt mir nichts Neues mehr ein.

Ich wünsche ihnen morgen einen schönen Martinstag mit hoffentlich der Erfahrung: beschenkt zu werden, wenn sie loslassen.

Es grüßt Sie aus Oberhausen Ihre

Sr. Kerstin-Marie

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