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Kirche in WDR 5 | 14.01.2020 | 06:55 Uhr

Standpunkte

Guten Morgen!
Es war einmal ein Mann, der stellte sich eines Tages auf den Standpunkt: „Richtig, schön und gut ist nur, was blau ist. Diese grünen Wiesen, die sind eine Fehlkonstruktion. Die gelbe Sonne – die gehört abgeschafft. Und die roten Tomaten… Lächerlich…“ Wer kein blaues Auto fuhr, war für diesen Mann ein Verräter und Menschen mit braunen Augen traute er nicht über den Weg. Von morgens bis abends stritt er sich über Rot und Weiß, Gelb und Grün, Grau und Violett – und wenn sein Standpunkt nicht „blau“ gewesen wäre, hätte er sich darüber „schwarz“ geärgert… Er heiratete eine Frau mit blauen Augen. Und außer ihr – abgesehen von einigen wenigen anderen – hatte er eigentlich nur Feinde. Aus Überzeugung aß er nur Heidelbeeren, Blaukraut, Brombeeren und Pflaumen. Er war eben ein Mann mit Standpunkt!
Die bissige Geschichte ist natürlich erfunden. Und natürlich zugespitzt. Aus einem klaren Standpunkt kann ganz schnell auch Verbohrtheit werden. Als ich die Geschichte hörte, hatte ich sofort ein paar Situationen vor Augen. Politische Diskussionen zum Beispiel. Die gar keine Diskussion sind, weil der andere meine politische Grundüberzeugung nicht nur in Frage stellt, sondern seine Einstellung zur einzig richtigen erklärt. Oder Gespräche im Freundeskreis: Wir sprechen über unsere Grundsätze in der Kindererziehung. Wehe, da tritt mir einer zu nahe und wirft mir vor, nicht richtig zu handeln! Da haben wir doch in der Regel fast alle unsere festen Positionen.
Manchmal befällt mich innerhalb solcher Debatten die Sorge: Macht mein Standpunkt mich blind für die Gedanken und Erfahrungen anderer? Manchmal merke ich: Ich höre gar  nicht mehr richtig zu, wenn jemand meine Überzeugung kritisiert. Manchmal fürchte ich, dass die Welt dann allzu leicht in Freunde und Feinde zerfällt. Freunde sind dann nur die, die mir Recht geben. Wie in der Geschichte vom Mann mit dem Standpunkt „blau“. Die kommt so ähnlich auch in der Bibel vor. Da schleppen einige religiöse Würdenträger eine Ehebrecherin zu Jesus. Alle beharren auf dem Standpunkt: Sie muss für ihr Vergehen mit dem Tod durch Steinigung bestraft werden. So sagt es das Gesetz damals. Es ist ganz klar: Schuldige werden bestraft, Feinde werden gehasst. Nur wer das Gesetz befolgt, ist gut. Unumstößliche Überzeugungen damals. Aber Jesus antwortet: „Wer von euch ohne Schuld ist, der werfe den ersten Stein!“ Jesus schätzt die Vergebung höher. Statt eines festen Standpunktes lässt er die Barmherzigkeit sprechen. Und die macht offen dafür, neue Wege zum anderen zu suchen. Gerade da wo Menschen mit Standpunkt längst ihr Urteil gefällt haben.
Jesus hat nie dazu aufgefordert, sich auf seinen Standpunkt zu stellen, sondern: sich mit ihm auf seinen Weg zu begeben. Einen Weg, auf dem Gott zu neuen Einsichten führen kann. Einen Weg, auf dem mir meine verbohrten Meinungen und harten Standpunkte bewusst werden. Auf einen Weg, auf dem ich lerne, Menschen mit anderen Überzeugungen ernst zu nehmen. Zuzuhören. Offen zu bleiben für andere Sichtweisen. Damit ich am Ende noch in der Lage bin, einen Standpunkt zu verlassen, der nicht mehr angemessen ist für die Situation, einen Standpunkt, der nicht mehr dem Leben dient.

Ich wünsche Ihnen, dass es Ihnen heute gelingt, Ihre Meinung deutlich und dennoch geschmeidig zu vertreten. Ihr Pfarrer Michael Opitz aus Düsseldorf.

 

Redaktion: Landespfarrerin Petra Schulze

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