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Das Geistliche Wort | 08.12.2019 | 08:40 Uhr

Straßen(neu)bau

Stau am frühen Morgen auf dem Weg zur Arbeit. Ich kann es nicht mehr ertragen. Und so geht es mit Sicherheit vielen Menschen. Der Grund für den Stau ist nicht selten eine Baustelle. Aber muss ausgerechnet wieder auf meinem Arbeitsweg alles kaputt sein?, frage ich mich. Und ausgerechnet heute?

Mehrere Monate passierte mir das jetzt schon: auf dem Weg in die Aachener Innenstadt, wo ich arbeite, staut es sich schon morgens früh – und gefühlt gibt es an jedem Tag eine neue Verkehrsführung: Zunächst war die rechte Spur gesperrt, dann die linke und zum Schluss sogar die ganze Straße. Mit Stau und Umleitungen habe ich für die Strecke, für die ich sonst knappe 20 Minuten brauche, an einem Spitzentag einmal ganze 75 Minuten gebraucht. Ich kann es nicht mehr ertragen.

Guten Morgen!

Natürlich möchte jeder gerne über eine glatte Asphaltstraße fahren und nicht über eine Holperpiste. Aber die Sperrung der morgendlichen Strecke für den Bau oder die Erneuerung einer Straße nimmt wohl keiner gerne in Kauf. Warum nervt mich das eigentlich so? Und warum bin ich eigentlich so angewiesen auf unsere Straßen?

Ein bekanntes Online-Lexikon definiert die Straße als „ein landgebundenes Verkehrsbauwerk, das als Grundlage für Fahrzeuge und Fußgänger vorwiegend dem Transport von Personen und deren Nutzlasten von einem Ort zum anderen dient.

Straßen sind also entstanden, um von einem Ort zum anderen zu kommen; um mit anderen Menschen Handel treiben zu können, um Unterkünfte zu finden oder auch, um zu heiligen Orten pilgern zu können. Ohne Straßen keine Transporte, kein Nahrungsmittelaustausch usw. Früher hätte es keine weitreichende Kommunikation gegeben ohne Straßen – wie sollten Briefe transportiert werden? Und wie sollte man heute zur Arbeit oder zur Schule kommen?

Ja, auch politische Gründe spielten nicht selten eine Rolle für den Bau von befestigten Wegen. Allein die Möglichkeit Krieg zu führen hängt von Straßen ab. Und aus der Geschichte fällt mir ein: Nicht alle Wege und Straßen müssen nach Rom führen. Im 9. Jahrhundert z.B. entstand zwischen Frankfurt und Aachen eine über 250 Kilometer lange Straße, die viele Orte im nördlichen Rheinland-Pfalz und im südlichen Nordrhein-Westfalen passiert. Die sogenannte „Krönungsstraße“, die von den Königen und Kaisern des Heiligen Römischen Reiches u.a. benutzt wurde, damit sie nach ihrer Wahl auf einer befestigten Straße zur Krönung nach Aachen gelangen konnten.

Ganz einfach formuliert: Man baut Straßen, um von A nach B zu kommen.

Der kürzeste Weg um von A nach B zu kommen, ist eine gerade Straße zu bauen. Was das bedeuten kann, dass wusste schon der Prophet Jesaja im Alten Testament.

Sprecher:     „Eine Stimme ruft: Bahnt für den Herrn einen Weg durch die Wüste. Baut in der Steppe eine ebene Straße für unseren Gott! Jedes Tal soll sich heben, jeder Berg und Hügel sich senken. Was krumm ist, soll gerade werden, und was hüglig ist, werde eben.“ (Jes 40,3f.)

Vor mehr als 2.500 Jahren wurde dieser Text geschrieben. Das Volk Israel musste damals in der Gefangenschaft leben – weit weg von der eigentlichen Heimat. Aber die Gefangenschaft im Exil sollte bald enden und der Heimweg konnte angetreten werden. In diese Situation hinein spricht der Prophet zum Volk Israel.

Und wie er von Gott spricht, das ist neu: Er stellt ihn vor als einen beschützenden und fürsorglichen Gott – und als einen, der mächtig ist. Mit dieser Vorstellung kann das Volk Israel in der Fremde wieder Hoffnung schöpfen und sich einen Weg zurück in die Heimat bahnen. Einen Weg, eine Straße, die immer geradeaus führt. Ja, mehr noch: einen Weg, auf dem Gott zu seinem Volk kommt.

Und wenn eine Straße gebaut wird, die immer geradeaus zum Ziel führt – ohne beachten zu müssen, wie viel Anstrengung, Arbeit und Geld das kostet, dann zeigt sich darin wie stark und mächtig jemand ist. Berge und Hügel sollen abgetragen und Täler aufgeschüttet werden. Der Weg soll immer geradeaus führen. – Letztlich geht es neben der Rückkehr aus der Gefangenschaft in die Heimat um die Rückkehr Gottes zu seinem Volk: im übertragenen Sinne sollte eine Prachtstraße vom Volk gebaut werden, auf der Gott zurückkehrt. Für das Volk Israel wurde das übrigens konkret: Als es aus der Gefangenschaft nach Jerusalem zurückkehren durfte, baute es dort für Gott den Tempel wieder neu auf. Gott sollte hier Wohnung nehmen – mitten unter den Menschen.

Über fünfhundert Jahre später haben die Menschen diese Erfahrung völlig vergessen. Neue Fremdherrscher waren in Jerusalem und Israel an der Macht, die Römer. Und das Volk Israel fühlte sich unterdrückt. Die Botschaft des Propheten Jesaja wurde nicht mehr ernst genommen, trotz alledem Gott einen Weg zu bahnen. Gott solle kommen? Damit rechnete keiner mehr. Da verwundert es auch nicht, dass sich viele in ihrem Leben häuslich eingerichtet hatten.

Plötzlich steht aber einer auf und erinnert an die Worte des alten Propheten Jesaja. Es ist Johannes der Täufer und von ihm heißt es nun im Matthäusevangelium:

Sprecher:Er war es, von dem der Prophet Jesaja gesagt hat: Eine Stimme ruft in der Wüste: Bereitet dem Herrn den Weg! Ebnet ihm die Straßen!“ (Mt 3,3)

Johannes der Täufer ist der Rufer, der die Menschen aufrüttelt, wieder an diese alten Worte zu glauben. Sie sollen damit beginnen, eine Straße für Gott zu bauen.

Und Johannes macht klar, was das konkret heißt, Gott einen Weg zu bahnen: indem sich die Menschen nämlich aktiv für eine Welt einsetzen, in der es gerecht, solidarisch und liebend zugeht. Und so bereitet er den Weg für jemanden, der dann nach ihm kommt: und das ist der Mann aus Nazareth, dieser Jesus, der Messias. Den Weg zu bahnen, das was Johannes von Jesaja übernommen hat, das findet eine Fortsetzung im 20. Jahrhundert. Am 28. August 1963 hält Martin Luther King beim Marsch der Nationen in Washington vor mehr als 250.000 Menschen eine Rede. Es wird erzählt, dass sie schon 10 Minuten gedauert haben soll und kein wirklicher Funke übersprang. Doch plötzlich soll ihm eine Anhängerin zugerufen haben: „Erzähl ihnen von deinem Traum!“ Was dann folgt, ist seine legendäre Rede „I have a dream“. Sein Traum, wie sich die Lebensbedingungen für Menschen wie ihn in den USA verändern können: Keine Apartheid, gleiche Rechte für Schwarze und Weiße. Und am Ende seiner Rede leiht er sich die Worte von Jesaja: I have a dream today! I have a dream today! I have a dream that one day every valley shall be exalted, and every hill and mountain shall be made low, the rough places will be made plain, and the crooked places will be made straight; ‘and the glory of the Lord shall be revealed and all flesh shall see it together.’”

Sprecher: "Ich habe einen Traum, dass eines Tages jedes Tal erhöht und jeder Hügel und Berg erniedrigt werden. Die unebenen Plätze werden flach und die gewundenen Plätze gerade, und die Herrlichkeit des Herrn soll offenbart werden und alles Fleisch miteinander wird es sehen."

Was für eine prophetische Rede, die Martin Luther King da hielt. Die Vision, die Jesaja damals hatte, wurde von ihm in das 20. Jahrhundert übersetzt: gemeinsam Aufstehen für den Traum von einer Welt, wie sie Gott gefallen könnte, eine Welt der Gleichheit und Gerechtigkeit.

Wie zweieinhalbtausend Jahre vor ihm Jesaja geträumt hat, ist auch Martin Luther King von der Hoffnung auf Freiheit ergriffen. Und so kann er in seine Zeit übersetzen:

Sprecher: „Lass daher die Glocken der Freiheit von den wunderbaren Hügeln von New Hampshires läuten. Lass die Glocken der Freiheit läuten von den mächtigen Bergen New Yorks. …Lass die Glocken der Freiheit von jedem Hügel und Maulwurfshügel in Mississippi läuten. Von jedem Berghang lass die Glocken der Freiheit läuten.“

Der Ruf von Martin Luther King, von Johannes dem Täufer und von dem Propheten Jesaja gilt immer noch und wird gerade jetzt im Advent in den Kirchen immer wieder vorgetragen: „Bereitet dem Herrn den Weg! Ebnet ihm die Straßen!

Und es ist längst klar: Es geht nicht um den äußeren Straßenbau. Es geht um den inneren Straßenbau. Es geht um die Vorbereitung auf Weihnachten. Und meine Erfahrung: wie beim äußeren Straßenbau mit all den Arbeiten und Herausforderungen kann es manches Mal ähnlich anstrengend zugehen bei meiner persönlichen Vorbereitung auf Weihnachten. Was liegt mir auf der Seele, was ist krumm gelaufen und wartet darauf, von mir in Ordnung gebracht zu werden? Es müssen ja nicht gleich die ganz großen Baustellen an der Straße meines Lebens sein, aber wie wäre es mit kleineren Veränderungen:

-       vielleicht die nächsten Tage nicht so voll zu packen,

-       vielleicht einfach Stille zu suchen, als noch einen weiteren besinnlichen Text zu lesen oder

-       vielleicht eine Kerze anzuzünden, anstatt schon die volle Weihnachtsbeleuchtung anzuschalten.

Die Stimme, die damals bei Jesaja erklungen ist, die von Johannes dem Täufer aufgegriffen wurde und von der auch Martin Luther King ergriffen war, diese Stimme sagt mir: Begib Dich an den Straßenbau deines Lebens und mach den Weg frei: „Bereite dem Herrn den Weg! Ebne ihm die Straßen!

Wer weiß, was dann alles Neues auf mich zukommen wird?

Einen guten zweiten Advent wünscht Ihnen Pfarrer Andreas Möhlig aus Aachen.


[1] https://de.wikipedia.org/wiki/Straße [aufgerufen am 22.10.2019]. [2] https://americanrhetoric.com/speeches/mlkihaveadream.htm [aufgerufen am 22.10.2019]. [3] Zitiert nach: https://usa.usembassy.de/etexts/soc/traum.htm [4] Zitiert nach: https://usa.usembassy.de/etexts/soc/traum.htm

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