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Kirche in WDR 2 | 02.09.2020 | 05:55 Uhr

Strecke machen

Mit Babys ist man ja irgendwie immer viel unterwegs, entweder sie schlafen in der Trage oder im Kinderwagen am besten. Und wenn es dann noch über Kopfsteinpflaster geht, ist nach wenigen Minuten plötzlich Ruhe. Jede Mutter und jeder Vater kennt das so oder ähnlich: Man macht Strecke. Damit die Kleinen ruhig werden und die eigenen Nerven auch. Was mir da vor Corona mal passiert ist, hab ich immer noch in Erinnerung. Vor allem, weil ich mich frage, was aus dem alten Herrn geworden ist.

Es war so:

Während ich im Regen die Promenade in Münster entlang spaziere, treffe ich auf einen alten Herrn. Er wird gestützt von einem kleinen Jungen, der sich Hilfe suchend umsieht. Eine Frau und ich bleibe stehen und fragen, ob wir helfen können.

Der alte Mann hat plötzlich keine Kraft mehr in den Beinen und kann sich nur mühsam voran bewegen. Ausgerechnet hier ist weder eine Bank noch eine Straße, so dass ein Taxi halten könnte. Wir blicken zum nahen Ludgerikreisel - da sind Taxen, da will er hin. Der alte Mann kommt kaum voran, jeder Schritt ist eine wacklige Partie, und ich habe Angst, dass er mir gleich einfach zusammenbricht. Ich frage, ob er einen Krankenwagen möchte. Er verneint. Ich sage: „Okay, wir schaffen das bis zu dem Taxi. Aber Sie müssen mir versprechen, dass Sie gleich Ihren Hausarzt anrufen, wenn Sie zu Hause sind.“

Für die 100 Meter brauchen wir gefühlte 100 Stunden, viel Zeit so nah mit einem fremden Mann, der mich an meinen Opa erinnert. Er ist klein und sehr schwer und sehr sympathisch. Ich frage ihn aus, nach seinem Namen, seinem Alter, ob seine Frau zu Hause ist, ob er Enkel hat. Herr B. ist 84, seine Frau 83, er kommt grad von Karstadt und da geben einfach seine Beine nach. Eine scheußliche Situation für einen ansonsten sehr selbstständigen alten Herrn. Er erzählt mir, dass er nur einen Sohn hat, und er und seine Frau leider keine Kinder wollen. Er bedauert das.

Ich gewinne ihn sofort lieb, ich erzähle ihm, wie alt mein kleiner Sohn ist, und dass Enkel wirklich ein Traum für ältere Menschen sind, weil sie so lebendig machen. Ich quatsche ihn voll, damit sein Kreislauf nicht schlapp macht. Aber vielleicht auch, weil ich so nervös bin. Denn ehrlich gesagt reicht meine Kraft kaum, um den wackeligen Herrn zu stabilisieren.

Das letzte Stück schaffen wir dann doch nicht allein, eine weitere Frau muss ihn von der anderen Seite stützen. Der Kinderwagen bleibt ein Stück hinter uns stehen, das Fahrrad der Frau auch und dann kommt ein anderer Mann und holt das Taxi heran.

Als wir Herrn B. endlich ins Taxi gehievt haben, sind alle erleichtert und ein bisschen stolz. Für die 100 Meter haben Herr B. und ich ewig gebraucht. Und uns wurde viel Hilfe angeboten, bestimmt von 15 Personen, aus allen Generationen und Kulturen.

Ich bin froh, dass das in unserer Gesellschaft vor Corona so war. Und ich wünsche mir, dass Menschen irgendwann wieder in aller Freiheit anderen zu nahe kommen, um ihnen zu helfen. Und falls Sie das jetzt hören, Herr B., hoffe ich, dass es Ihnen besser geht.

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