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Das Geistliche Wort | 06.09.2020 | 08:40 Uhr

Streit um die Wahrheit

[Audio: Internetfassung mit lizenzfreier Musik. Das Manuskript nennt die Originalmusik der Sendung.]

Autor: Selten zuvor gab es so viel Streit um die Wahrheit, oder? Ein Virus und die Maskenpflicht, der Klimawandel und die Folgen, die Flüchtlinge und wie wir das schaffen. Was gilt? Wer hat Recht? Wie finden wir da zusammen und wie setzen wir uns am besten auseinander?

Ich spreche darüber mit Shakuntala Banerjee, Journalistin, stellvertretende Leiterin des ZDF-Hauptstadtstudios Berlin. Sie moderiert „Berlin direkt“ und interessiert sich schon von Berufs wegen für die Wahrheit. Außerdem mit dem Musiker Heinz Rudolf Kunze. Der Sänger mit der markanten Brille hat ein Album herausgebracht mit dem Titel: „Der Wahrheit die Ehre“. Schließlich mit Annette Kurschus. Die Präses der Evangelischen Kirche von Westfalen und stellvertretende Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland fragt noch mal ganz andres nach der Wahrheit.

 

Musik:
Titel: Begin Again;
Interpretin: Norah Jones; Album: Begin Again, Track 2/5; Komposition: Norah Jones & Emily Fiskio; Label: Blue Note Records; 2019 Capitol Records, LC: 00133

 

O-Ton 01 Kurschus: Also offenbar muss die Wahrheit nicht zwingend etwas mit den Fakten der Realität zu tun haben, sondern jeder macht sich seine Wahrheit. Wahrheit hat ganz viel mit Voreinstellung, mit Haltung, mit Vorurteilen auch zu tun, mit Emotionen vor allen Dingen. Das erleben wir ja gerade und das halte ich schon auch für sehr besorgniserregend.

Autor: So Präses Annette Kurschus. Sie denkt dabei vor allem an die sozialen Medien.
Auf twitter, facebook und anderswo kann jeder seine Meinung laut und deutlich und vor allem öffentlich äußern. Ein echtes Ringen um Wahrheit bleibt dabei oft auf der Strecke.

O-Ton 02 Kunze: Ja, es gibt die Einzelwahrheiten, die keine sind, die einfach zementierte Ideologien, Hysterien, Fakenews, Lügen sind. Und die werden laut nach draußen geplärrt in dem Bestreben, lauter zu plärren als alle anderen, um sich durchzusetzen und so zu siegen.

Autor: So nimmt das Heinz Rudolf Kunze wahr.

O-Ton 03 Kurschus: Es besteht natürlich die Gefahr dieser sogenannten Echokammern und der Blasen, in denen sich dann doch immer nur die Leute miteinander verständigen, die sich gegenseitig bestärken in dem, was sie für wahr halten.

O-Ton 04 Kunze: Und so ein gemeinsames Bemühen um Wahrheit, Argumente hören, überhaupt zuhören, eigene Positionen mal überprüfen, sich mal am Kopf kratzen und sich zu fragen, ist es denn wirklich so sicher, dass ich Recht habe? Das kommt im Moment viel zu kurz auf der ganzen Welt, in Deutschland und anderswo. Die Wahrheit, die Demokratie, die Freiheit sind bedroht und brauchen Artenschutz.

Autor: Allein die Journalistin Shakuntala Banerjee sieht auch Chancen, wenn sie auf facebook, twitter und all die anderen Kanäle schaut.

O-Ton 05 Banerjee: Soziale Medien haben ja zwei Seiten. Es gibt eine stärkere Polarisierung, weil eben in den sozialen Medien sehr viel stärker auch Meinungen verbreitet sind. Auf der anderen Seite, und das ist etwas, was ich extrem positiv finde, findet eben auch mehr gesellschaftliche Kommunikation statt. Es gibt sehr viel mehr Platz für Zusatzinformationen, für Blickwinkel, die wir in unserem Nachrichten und Magazinen nicht so oft unterbringen, und damit eben für einen viel breiteren gesellschaftlichen Austausch.

 

Musik:
Titel: Begin Again;
Interpretin: Norah Jones; Album: Begin Again, Track 2/5; Komposition: Norah Jones & Emily Fiskio; Label: Blue Note Records; 2019 Capitol Records, LC: 00133

 

Autor: Der erfolgreiche Künstler, die Top-Journalistin, die leitende Theologin – auf der Suche nach Wahrheit sind sie alle drei.

O-Ton 06 Kunze: Das ist sehr viel wert, es ist nur bedroht heutzutage. Also man muss noch mehr an diesem Ringen um Wahrheit festhalten, als man es je musste. Es gibt keinen Grund, da zu desertieren, sondern jetzt gerade: die Fahne hoch!

Autor: meint Heinz Rudolf Kunze. Er hegt Sympathien für alle, die im philosophischen oder religiösen Bereich auf der Suche sind.

O-Ton 07 Kunze: Sie haben damit bestimmt nicht unrecht, in diesem Bereich zu suchen. Solange sie andere damit nicht unterdrücken und einschränken und behelligen, soll jeder suchen und finden, was immer er mag. Was immer er sich erträumt. Ohne diese Suche ist es doch verdammt trostlos.

Autor: Shakuntala Banerjee, die Journalistin mit dem klangvollen Namen, ist in Mönchengladbach-Rheydt groß geworden. Ihr Abitur hat sie an der Bischöflichen Marienschule abgelegt. Doch das ist noch nicht die ganze Geschichte.

O-Ton 08 Banerjee: Ich bin tatsächlich in meinem Elternhaus auf der einen Seite mit der evangelischen Religion groß geworden, durch meine Mutter, auf der anderen Seite durch meinen Vater mit Hinduismus. Ich interessiere mich sehr für Religionen, ich habe da immer eine große Neugier gehabt, ich habe mir evangelischen Unterricht angeschaut, ich habe mir den katholischen Religionsunterricht angeschaut in der Schule, habe beides gemacht, weil mich das tatsächlich auch bewegt. Also die Frage, wie gehen wir als Menschen um mit den letzten Fragen, die wir nicht wirklich beantworten können?

O-Ton 09 Kurschus: Für mich ist dabei wichtig, dass wir als Christen, die ja nun einem Herrn nachfolgen, der gesagt hat „Ich bin die Wahrheit und das Leben. Ich bin der Weg“ – dass wir niemals annehmen können, wir seien im Besitz der Wahrheit.

Autor: ergänzt Präses Annette Kurschus.

O-Ton 10 Kurschus: Selbst wenn ich mich zu diesem Christus bekenne als Christin, dann bleibt für mich letztlich immer doch ungreifbar, unfasslich, was jetzt im einzelnen diese Wahrheit ist. Ich bleibe immer auf der Suche und auf dem Weg danach. Der Mensch, der sagt „Ich bin die Wahrheit“, der hat sich auch mit anderen auseinandergesetzt und der hat sich auch ins Kreuzfeuer der unterschiedlichsten Wahrheiten begeben und hat gerade so die Wahrheit gelebt. Also Wahrheit bleibt für mich immer ein Geschehen.

 

Musik:
Titel: Goin' Home;
Interpret: The Crusaders; Album: Rural Renewal, Track 11/11; Komposition: George.Shaw & Wilton Felder; Label: 2003 PRA Records, Inc.; LC: unbekannt

 

Autor: “Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben“ hat Jesus von Nazareth über sich selbst gesagt. Für die evangelische Kirche folgt daraus, dass sie manchmal auch unbequeme Wahrheiten vertreten muss. Zum Beispiel in Fragen der Flüchtlingspolitik.

O-Ton 11 Kurschus: ... auch aus den Gründen der Wahrheit heraus, der wir anhängen, nämlich dass Christus uns nun mit den Menschen unterschiedlichster Art auf dem ganzen Globus vereint, und dass wir grundsätzlich erstmal die Arme aufzuhalten haben für die Menschen, die in Not sind, und für die Menschen, die jemanden brauchen, der ihnen hilft, unabhängig von der Frage, woher sie kommen, welcher Religion sie sind, und ob wir jetzt gerade das Vermögen haben, das bis ins letzte abzusehen, was das für uns bedeutet. Da sind wir ja deutlich gewesen und haben gesagt: Als erstes muss das Signal sein, wir helfen und wir machen unsere Türen auf.

Autor: Eine Position, die nicht nur auf Gegenliebe gestoßen ist. Einander zuhören, sich auseinandersetzen, ringen um das, was richtig ist. Einfach ist das nicht, auch nicht in der Evangelischen Kirche. Shakuntala Banerjee betrachtet das als Jounalistin von außen. Und sie eine klare Erwartung.

O-Ton 12 Banerjee: Ich erwarte von Kirchen oder Religionsinstitutionen grundsätzlich, dass sie ihre Stimme erheben für Zusammenhalt, für Verständigung, für die Würde des Menschen. Ich habe unterschiedliche Religionen so kennen gelernt, dass das eigentlich der Kern aller Religion ist, die ich kenne. Dass Nächstenliebe zum Beispiel wichtig ist und sogar auch Feindesliebe wichtig ist. Ein Umgang mit der Frage: Wer sind wir, was ist richtig und wie können wir uns aufeinander zu bewegen? Und deswegen erwarte ich tatsächlich von Religion, dass sie sich da stark macht, wo Respekt und Würde verloren zu gehen drohen.

 

Musik:
Titel: Goin' Home;
Interpret: The Crusaders; Album: Rural Renewal, Track 11/11; Komposition: George.Shaw & Wilton Felder; Label: 2003 PRA Records, Inc.; LC: unbekannt

 

Autor: Danach suchen, was sich bewährt. Darum ringen, was richtig ist. Nicht immer halten sich alle an die demokratischen Spielregeln. Was macht eine Journalistin, wenn sich jemand offen extremistisch äußert, auf facebook oder sogar live im Fernsehinterview?

O-Ton 13 Banerjee: Wir sind ein Medium, das aus der demokratischen Gesellschaft heraus entstanden ist und Demokratie auch stärken soll. D.h., wenn ich als Journalistin dort sitze, und jemanden mir gegenüber habe, der sich offen antidemokratisch äußert, muss ich das so kritisch hinterfragen, und so deutlich klarstellen, dass es für unsere Zuschauerinnen und Zuschauer auch klar wird. 

Autor: So Shakuntala Banerjee. Und weiter:

O-Ton 14 Banerjee: Wenn tatsächlich bei AfD-Mitgliedern nachgewiesen wird, dass sie rechtsextremistisch sind, dass sie antidemokratische Bestrebungen haben und diese auch vorantreiben, dann finde ich kann man diese Person tatsächlich auch aus dem Diskurs ausschließen. Das ist aber eine Diskussion, die wir sehr lebendig führen.

Autor: Auch in der Evangelischen Kirche wird darüber strittig diskutiert. Soll man Vertreter extremistischer Parteien etwa zum Evangelischen Kirchentag einladen, auf ein Podium, ans Mikrophon? Oder gibt es auch Grenzen für das Gespräch? Annette Kurschus hat hier eine klare Haltung, nämlich... 

O-Ton 15 Kurschus: ... dass für mich eine rote Linie da deutlich gezogen ist, wo keine Achtung mehr im Spiel ist vor dem anderen, wo kein Respekt mehr vor der Meinung des anderen besteht, wo die Würde anderer Menschen verletzt wird. Da halte ich es mit Dietrich Bonhoeffer, der ja gesagt hat, also die Wahrheitsfrage hängt ganz eng auch mit der Liebe zusammen und mit der ganzen Situation, in der Wahrheit kommuniziert wird. Und wenn ich Menschen vor Augen habe, die sagen: also bestimmte Menschengruppen sind für mich nicht achtenswert, die haben in unserer Gesellschaft nichts verloren, die möchten wir am liebsten außen vor haben, mit ihrer Meinung erst recht, dann ist da für mich die rote Linie.

 

Musik:
Titel: Cool down,
Interpret: Bernard Purdie & Friends; Album: Cool Down, Track 2/9; Komposition: Bernard Purdie, Brian Gitkin, Peter Shand & Ivan Neville; Label: 2017 Sugar Road Records; LC: unbekannt 

Autor: Sich eine eigene Meinung bilden, herausfinden, was wahr ist und was nicht - gar nicht so einfach. Folgen wir irgendwann einer bestimmten Erzählung, einer großen Deutung, wie das nun zu verstehen ist mit dem Klimawandel, den Flüchtlingen, dem Coronavirus? Die Journalistin Shakuntala Banerjee sieht das sehr nüchtern.

O-Ton 16 Banerjee: Wenn wir jetzt den Klimawandel zum Beispiel nehmen als Thema. Das kommt irgendwann auf. Es gibt Diskussionen innerhalb nennenswerter Gruppen in der Gesellschaft, es gibt eine Publikation, eine wissenschaftliche, die weithin beachtet und diskutiert wird. Das ist natürlich der Punkt, wo wir dann als Medien auch aufmerksam werden und anfangen, darüber zu berichten. Und dann ist es unsere Aufgabe, den Kenntnisstand zu spiegeln, die verschiedenen Meinungen dazu einzuholen, und wenn sich viele Medien zur gleichen Zeit auf dasselbe Thema stürzen, werden wir auch ähnliches herausbekommen.

Autor: Dass sich die Darstellung dann insgesamt in eine ähnliche Richtung bewegt, findet sie ganz normal. Aber:

O-Ton 17 Banerjee: Wir müssen uns im Journalismus immer bewusst sein, auf welchem Standpunkt wir stehen, wir müssen uns bewusst sein, welche Perspektiven wir möglicherweise ausblenden, und unseren Blick genau dann auch genau dorthin richten. Damit wir eben objektiv bleiben und wahrhaftig berichten können.

Autor: Tatsächlich wünscht sich Heinz Rudolf Kunze manchmal, es gäbe in den Medien auch positive Nachrichten.

O-Ton 18 Kunze: Wer zu viele Katastrophen-Bilder sieht, der wird davon negativ beeinflusst. Und es wäre nicht schlecht für die menschliche Psyche, wenn ab und zu mal berichtet würde: Der Zug 17:40 Uhr ist in Hamburg-Altona pünktlich eingetroffen. Es wurde keiner verletzt. Und es wurde kein Notarzt gebraucht und es stiegen alle wohlbehalten aus.

Autor: Zur ganzen Wahrheit gehört auch das, was gut ist und gelingt. Ein Buch hat den Musiker in den letzten Monaten sehr beeindruckt. „Factfulness“ von Hans Rosling. Untertitel: Wie wir lernen, die Welt so zu sehen, wie sie wirklich ist.

O-Ton 19 Kunze: Es gibt einen nachweislichen Rückgang der Armut, es gibt einen nachweislichen Anstieg der Grundversorgung mit sauberem Trinkwasser auf der Welt, es gibt einen nachweislichen Rückgang der Weltseuchen – trotz unserer, die uns jetzt gerade beschäftigt – also viele Dinge sind auf einer ansteigenden und nicht auf einer absteigenden Kurve, und das sollte man nicht vergessen.

Autor: Ein bestimmtes Narrativ, eine Geschichte, die alles zusammenhält? Gerade im Blick auf den Klimawandel oder neue Herausforderungen in der Medizin denkt die Theologin Annette Kurschus an die große Erzählung, die Christen in diese Welt tragen sollten:   

O-Ton 20 Kurschus: Das ist grundsätzlich ein Narrativ der Hoffnung und ein Narrativ der Verheißung ...  Wir glauben an den, der diese Welt ins Leben rief – und seine Verheißung steht: Ich will, dass es gut weitergeht und gut ausgeht.

Autor: Das ist es, was sie als Christin, als erste Sprecherin ihrer Kirche, immer wieder neu motiviert, trotz allem Ringen, trotz aller Diskussionen...

O-Ton 21 Kurschus: ... nicht locker zu lassen in dem Bemühen, für eine gute Zukunft einzutreten, für eine gute Gegenwart zunächst mal zu kämpfen, mich einzusetzen, dass Menschen geachtet werden, dass mit Leben sorgsam umgegangen wird, dass Menschen getröstet werden, die Trost brauchen, und dass Menschen auch in die Schranken gewiesen werden, (...) die anderen Menschen mit Hass und mit Verachtung begegnen. Dieser Narrativ gibt eine grundpositive Richtung vor, und das ist es, was wir als Christen in diese Welt zu tragen haben.  

Autor: Es verabschiedet sich Titus Reinmuth, Rundfunkpfarrer aus Wassenberg.


Musik:
Titel: Die wollen nur spielen
(feat. Simon Oslender); Interpret: Jazzkantine; Album: Mit Pauken und Trompeten, Track 10/15; Komposition: Andreas Lindner & Tom Bennecke; Label: 2019 Monofon Gmbh; LC: unbekannt


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