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Das Geistliche Wort | 20.06.2021 | 08:40 Uhr

Stürmische Zeiten ?!

Guten Morgen!

Erinnern Sie sich noch an Kyrill? - Das war der verheerende Sturm im Januar 2007. Bilder gingen über die Bildschirme: umgestürzte Bäume, verwüstete Wälder, zerstörte Häuser, verletzte und getötete Menschen, wenn man nicht sogar selber unmittelbar betroffen war. Europaweit kamen damals 47 Menschen ums Leben.

Wer Kyrill oder sonst einen extremen Sturm erfahren hat, der weiß: Stürme können vielfältig, vielgestaltig, vielschichtig sein. Und oft ist man ihnen ausgeliefert, fühlt sich hilflos und machtlos.

Allerdings gilt das nicht nur für die naturgewaltigen äußeren Stürme. Es gibt auch die inneren Stürme – so möchte ich sie einmal nennen –, die Verstand, Herz und Seele heftig durcheinanderwirbeln und auch zerstörerisch sein können. Und manche äußeren wie inneren Stürme treten zusammen auf.

Für mich ist die Corona-Pandemie so ein Sturm, wo äußeres und inneres zusammenkommen und das weltweit. Menschen wurden und werden immer noch krank, manche sogar sehr schwer. Viele sind schon daran verstorben. Und bei vielen hinterlässt die Pandemie nicht nur äußere Verletzungen und Wunden, sondern auch innere an der Seele. Welche Gesamtschäden die Pandemie einmal angerichtet haben wird weltweit, werden wir erst in der Rückschau wissen. Ich muss aber nicht erst global denken: Als Schulseelsorger denke ich an die Schülerinnen und Schüler, die monatelang getrennt von ihren Freundinnen und Freunden zu Hause verbringen mussten.

Gott sei Dank entspannt sich die Situation langsam und wir gewinnen wieder ein Stück der ersehnten Normalität zurück. Aber der Sturm der Corona Pandemie hinterlässt doch weiterhin seine Spuren.

Schließlich denke ich an die vielen ganz persönlichen Stürme im Leben von Menschen, denen sie sich hilflos ausgeliefert fühlen, in denen sie Angst haben, unter denen sie leiden. In meinem Leben gab es davon einige – und sicherlich kennt jede und jeder seine ganz persönliche Sturmgeschichte, die er oder sie durchlebt und durchlitten hat oder immer noch durchlebt.

MUSIK I         (Secret Garden, White Stones, Windancer Nr.8)

Die Stürme, die Menschen erleben, sind sehr verschieden und vielgestaltig. Es sind nicht nur die äußeren Zerstörungen, sondern oftmals die inneren Wunden, die sie reißen und an denen Menschen unsäglich leiden, heute, wie zu allen Zeiten. Kein Wunder, dass das Motiv vom Sturm auch in der Heiligen Schrift zu finden ist: Zum Beispiel im Evangelium vom Sturm auf dem See. Da geht es um folgendes, was durchaus einen Sitz im Leben hat: Jesus und die Jünger sind in ihrem kleinen Fischerboot einem heftigen Sturm auf dem See Genezareth ausgesetzt. Auf diesem See im Norden Israels sind plötzliche, wie aus heiterem Himmel kommende Stürme und Fallwinde keine Seltenheit. Und die sind heftig, gefährlich und auch zerstörerisch.

Ich muss unweigerlich bei dieser Erzählung an die aktuelle Situation meiner Kirche denken. Sie kommt mir vor wie ein Schiff im Sturm, das untergeht. Mit vielen anderen Katholiken spüre ich, dass vieles nicht bleiben kann wie es ist, dass sich vieles verändern muss.

Für mich hat das der bekannte tschechische Priester und Soziologieprofessor Tomas Halík auf den Punkt gebracht. Er schreibt:

Sprecher:

„Viele lokale Kirchen, die einmal sehr lebendig und blühend waren, sind untergegangen. Viele Gestalten der Kirche sterben im Verlauf der Geschichte. Ich bin davon überzeugt, dass wir etwas Ähnliches auch heute erleben. Ich kann mich von dem Gedanken nicht befreien, dass die leeren und geschlossenen Kirchen (- in dieser Zeit der Corona Pandemie - Ergänzung des Verfassers) … ein prophetisches Warnzeichen darstellen: So könnte es bald mit der Kirche enden, falls sie nicht eine tiefe Verwandlung, einen Tod und eine Auferstehung durchläuft, falls sie nicht den Mut haben wird, viele Dinge sterben zu lassen, damit das Neue, Erneuerte zum Leben auferstehen kann. Es betrifft viele Aspekte und Gestalten der Kirche und ihrer Theologie, ihres Begreifens und der Verkündigung des Glaubens.

… Eine Gestalt des Christentums, der Kirche, des Glaubens, der Theologie, an die wir uns gewöhnt haben, sinkt unaufhaltsam in die Vergangenheit. …“ [1]

Tomas Halík spricht mir aus der Seele.

Er vergleicht die gegenwärtige Situation der Kirche mit einem sinkenden Schiff. Aber für ihn ist diese Kirche nicht nur das Schiff, das untergeht. Sie ist für ihn auch das Schiff, das trotz allem kostbare Schätze mit sich führt, die gerettet und umgeladen werden müssen – nicht in eine andere Kirche, sondern in eine andere Gestalt der Kirche. Für ihn ist die Kirche eine, die sich ständig erneuern, reformieren muss. Übrigens keine neue Einsicht, sondern eine sehr alte Erkenntnis, die schon im 5. Jahrhundert formuliert wurde und immer noch gilt.

Ich sehne mich nach dieser erneuerten Gestalt von Kirche.

Ich sehne mich danach, dass in meiner Kirche, Frauen und Männer gemeinsam und auf Augenhöhe in Diensten und Ämtern Verantwortung übernehmen.

Ich sehne mich danach, dass meine Kirche lernt, die Erkenntnisse und Einsichten der Humanwissenschaften mit Blick auf die menschliche Sexualität endlich ernst zu nehmen und die Vielfalt sexueller Orientierung anzuerkennen und wertzuschätzen.

Ich sehne mich danach, dass meine Kirche endlich begreift, dass Lebensentwürfe scheitern können, Neuaufbrüche notwendig werden und wir diese als Kirche nicht verurteilen, sondern einfühlsam und segnend begleiten.

Der christliche Glaube bekennt doch: Leben gibt es nur durch Sterben und Tod hindurch; kein Ostern, keine Auferstehung ohne das Kreuz, ohne den Tod, ohne Karfreitag und ohne Karsamstag. Das gilt auch für den Glauben selbst. Nur ein Glaube, der stirbt, der untergeht und von den Toten aufersteht, ist tatsächlich ein christlicher Glaube.

Das gilt für die Kirche als Gemeinschaft und Institution wie auch für jede einzelne Christin, für jeden Christen. Das gilt auch für mich persönlich.

Mein Kindheitsglaube zum Beispiel, der musste „sterben“. Er musste sozusagen „untergehen“ und eine tiefe Umwandlung durchlaufen, damit aus ihm ein reifer, erwachsener Glaube werden konnte, der in den Herausforderungen des Alltags bestehen kann. [2]

Erwachsenwerden gibt es nur durch die turbulente Phase, den Sturm der Pubertät hindurch. Mit dem Glauben ist es nicht anders.

MUSIK II        (Secret Garden, White Stones, „Moving“, Nr.4)

Ich schaue noch einmal auf die Jünger, die mit Jesus im Boot auf dem See Genezareth in einen Sturm geraten sind.

Für den Evangelisten Markus stehen die Jünger für die Kirche. Er beschreibt eine Kirche mit ängstlichen Menschen. Für Markus hat diese Kirche nur Bestand, wenn sie sich von Jesus die Richtung bestimmen lässt und darauf vertraut, dass er mit ihr das andere Ufer erreicht.

Ich finde bemerkenswert: Die Erzählung beginnt mit der Zeitangabe „Als es Abend geworden war“. Der Tag geht zu Ende. Jesus und die Jünger brechen in die Dunkelheit der Nacht auf. Wie Orientierung entwickeln? Ich verstehe diese Stelle so: Im übertragenen Sinne geht auch für die Kirche eine Epoche zu Ende. Und auch sie bricht ins Ungewisse auf, braucht Orientierung. Mehr noch: Sie darf und kann nicht unverändert bleiben, wenn sie nicht Gefahr laufen will, zu erstarren und vom Leben abgeschnitten zu werden.

Und dasselbe gilt auch für den Glauben. Glaube nimmt immer auf vielfältige Weise konkrete geschichtliche Gestalt an, sonst bleibt er nur ein abstraktes Prinzip. Und gleichzeitig gilt: Jede Konkretisierung ist immer zeitbedingt. Und irgendwann bricht der Abend darüber herein. Dann muss jede und jeder Glaubende sich wieder von Vertrautem und Liebgewonnenem trennen. Eine Zeit geht zu Ende wie ein Tag zu Ende geht. Und wenn der Abend kommt, die Boote bestiegen werden, beginnt die Bootsfahrt an die andere – die unbekannte – Seite des Sees. Und wieder ein heftiger Sturm.

Im Biblischen Text vom Seesturm erstaunt mich immer wieder ein Detail. Mitten in angstvoller Bedrängnis wird Jesus beschrieben: er schläft. Wie geht das mit dem Sturm zusammen? Für mich wird im Bild des schlafenden Jesus eine Ruhe spürbar, die alles Erschütternde übersteigt. Aber Jesu Ruhe wirkt offenbar befremdlich auf seine erschöpften und verzweifelten Jünger. Sie verstehen ihn nicht und wecken ihn vorwurfsvoll: „Kümmert es dich nicht, dass wir zugrunde gehen?“ Es sieht so aus, als seien sie der Meinung, dass Jesus die Situation völlig falsch einschätzt oder ihm gar ihr Schicksal gleichgültig ist.

Jesus herrscht den Sturm und die aufgewühlte See an wie einen bösen Dämon und schlagartig hört das Toben der Elemente auf. Die „große Stille“, die nun eintritt, tut gut. Denn die Stille ist die Möglichkeit des Fragens, eine Zeit, sich neu zu entscheiden, neue Wege zu suchen und zu finden. In diese Stille hinein werden die Jünger von Jesus nach ihrem Glauben, nach ihrem Vertrauen gefragt. Und darum geht es letztlich.

MUSIK III       (Secret Garden, White Stones, Hymn to hope“, Nr.3)

Jesus fragt seine Jünger nach ihrem Vertrauen, nach dem, worauf sie ihre Hoffnung setzen. Bemerkenswert ist, wie Jesus fragt. Er macht den Jüngern keinen Vorwurf. Er sagt nicht „ihr Angsthasen!“, sondern seine erste Frage heißt: Warum habt ihr Angst?“.

Hier spricht nicht einer, der andere bloßstellen möchte, sondern einer, der die Herzen seiner Freunde erreichen will.

Und Jesus fragt weiter: „Habt ihr noch keinen Glauben?“ Auch diese Frage verstehe ich als das Öffnen eines Raumes in der Angst. Angst hat mit Enge zu tun. Und die will Jesus weiten. Wenn es um Angst geht, dann ist der Mensch auf sich selbst geworfen, ganz bei sich. Ich bin bei dem, was mir Angst macht, was mir das Herz schwer macht und den Blick eng.

Und dann fasziniert mich, wie Jesus im wahrsten Sinne des Wortes aus der Enge herausführt und Platz macht für das, was neu werden will, was in die Zukunft gerichtet ist.[3]

Und genau das wünsche ich mir: den Blick zu weiten, Perspektive zu gewinnen, die mich weiter sehen und freier atmen lässt mit Blick auf die Zukunft – gerade auch meiner Kirche.

Und schließlich das Ende der Erzählung von Jesus und den Jüngern auf dem See. Da heißt es: „Da überkam sie Furcht, eine große Furcht“. Ich verstehe diese Furcht als etwas ganz anderes als die vorher geschilderte Angst. Die Jünger sind überwältigt davon, dass Jesus wie Gott handelt. Und sie fragen einander danach: Was ist das für ein Geheimnis, dass Sturm und See diesem Jesus gehorchen. Sie haben sich zunächst wie Menschen verhalten, in deren Leben Gott nicht mehr vorkommt. Jetzt werden sie regelrecht aus ihrer Gottvergessenheit herausgerissen.

Ich glaube, das Bild vom schlafenden Jesus mitten im Sturm in aufgewühlter See spricht eine Sprache, mit der Gott auch heute noch nach meinem Glauben sucht. Immer wieder werde ich vor die Frage gestellt: Bist du bereit, vertraute Bindungen und Beziehungen aufzugeben? Bist du bereit, dich aus überkommenen Lebens- und Glaubensformen zu lösen?

Immer fühle ich mich herausgefordert, zur anderen Seite, zu einem neuen Ufer aufzubrechen. In solchen Situationen des Übergangs können mich dann plötzlich aus der Tiefe meiner Seele lange nicht beachtete und verdrängte Kräfte mit elementarer Wucht bedrohen.

Manchmal nötigt mich Gott geradezu, mich auf neue Erfahrungen einzulassen und mich bestimmten Gefahren auszusetzen. Ich versuche immer besser zu verstehen, dass ich nur so als Mensch und als Glaubender wachsen kann.

In diesen Momenten, wenn mir das Wasser bis zum Hals steht, die Angst mich erschüttert und bedrängt, kann ich auf den Grund stoßen, der mir ein neues Fundament gibt, der mich neu vertrauen lässt. Dann kann ich die Angst überwinden. Dann kann ich den Stürmen Herr werden. Dann kann wieder Stille eintreten, eine Stille, die mein Leben weiter trägt. Vielleicht werde ich von dieser Erfahrung wie die Jünger völlig überwältig sein.

Ich sehne mich nach dieser Erfahrung, dass Gott mir näher ist als ich mir selbst, dass er an mir handelt. Und ich wünsche mir dies sehnlich auch für meine Kirche in diesen stürmischen Zeiten.[4]

MUSIK IV [darin:]    (Secret Garden, White Stones, „Escape“, Nr.10)

Einen erfüllten, schönen und gesegneten Sonntag wünscht Ihnen Pfarrer Frank Reyans aus Grefrath

[1] Tomas Halík, Die Zeit der leeren Kirchen. Von der Krise zur Vertiefung des Glaubens, Freiburg 2021, S.97/8.

[2] Vgl. Tomas Halík, Die Zeit der leeren Kirchen. Von der Krise zur Vertiefung des Glaubens, Freiburg 2021, S.98-100.

[3] Vgl. Laacher Messbuch 2021, Lesejahr B, Klosterverlag Maria Laach, Verlag Katholisches Bibelwerk Stuttgart, 631/2.

[4] Vgl. Peter Köster SJ, Lebensorientierung am Markus Evangelium. Eine geistliche Auslegung auf fachexegetischer Grundlage, Sankt Ottilien 2010, S.82-84.

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