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Kirche in WDR 3 | 28.08.2019 | 07:50 Uhr

Tag der Russlanddeutschen

Guten Morgen.
Liebe Lena, liebe Hilda, lieber Johann, lieber Viktor – euch sind diese drei Minuten gewidmet. Um mit dir zu beginnen, Viktor: Ich kann mich noch so gut an deinen Händedruck erinnern. Etwas über anderthalb Meter hast du nur gemessen, naja, vielleicht ein bisschen mehr, du bist ja immer etwas gebückt gegangen. Vielleicht hast du deshalb so gern deinen braunen Cordhut aufgesetzt, der macht ja ein bisschen größer. Wie kann ein so kleiner, schmächtiger Mann so einen festen Händedruck haben, habe ich jedes Mal gestaunt. Finger wie aus Holz, so hart. Schwielen von Schwerstarbeit. Immer hattest du einen Witz auf Lager, und dann ist dein Gesicht noch verschmitzter geworden, weil ich deinen Dialekt einfach nicht verstanden habe.
Du, Lena, hattest Hände wie zerbrechliches Pergament. Auf dich konnte ich hinabsehen, aber je länger ich dich sah, desto mehr habe ich zu dir aufgeschaut. Viktor hat dir immer vorgesagt, weil du kaum lesen konntest. Du durftest damals in Russland ja nur zwei Jahre zur Schule gehen; dann hieß es: arbeiten, arbeiten, arbeiten. Das wollten die Leute so, die dich nach dem Tod deiner Eltern bei sich aufnahmen. Dein Essen musst du dir schon verdienen, haben sie gemeint. Du hättest es später für dein Kind bestimmt gern besser gemacht, aber es starb dir weg. Dein Mann ist abgehauen. Ich habe dich gefragt, wie du das ausgehalten hast. Da hast du mich unter deinem geblümten Kopftuch durchdringend mit deinen blauen Augen angeschaut. „Wie der Herrgott es will, wird es gut sein“, hast du gesagt. Und während ich zweifelte, ob der Herrgott das denn wohl alles gewollt hat, hast du weitergesprochen: „Geh immer mit erhobenem Haupt!“ Das war dein Lebensmotto. Ich habe es mir gemerkt.
Dich, Hilda, hätte ich gar nicht kennengelernt, wenn es so gekommen wäre wie die Soldaten es vorhatten. Damals, als sie dich mit deinen Eltern auf dieses Schiff trieben, um euch nach Sibirien zu verfrachten. Sie wollten es einfach versenken und euch ertrinken lassen, waren schon dabei sich in den Rettungsbooten aus dem Staub zu machen. Aber ihr habt euch mit vereinten Kräften gewehrt. Du hast immer wieder davon erzählt. Du musstest dann Zwangsarbeit leisten. Du bist krank geworden. Aber du hast überlebt. Und du warst so glücklich, als du in Deutschland warst. Es käme dir vor wie im Paradies, hast du oft gesagt. Und dann hast du fest meine Hände geschüttelt und gerufen: „Bleibt’s g’sund, Schatzele.“
Wie im Paradies hast du dich nie gefühlt, Johann. Du konntest umwerfend witzig sein, hast gesungen und musiziert. Aber es war immer so eine Melancholie darunter. Du warst vom Heimweh zerfressen. So sehr, dass es manchmal kein Halten mehr gab und du einfach deine Sachen gepackt hast und weggefahren bist, dorthin, wo du das Leben kanntest, wo die Geschwister waren. Du bist hier nie ganz angekommen.
Euch alle habe ich auf dem letzten Weg begleitet. Die Stimmen eurer Freunde habe ich noch im Ohr, wie sie gesungen haben auf dem Weg zu euren Gräbern, diese Verse:
Paradies, Paradies
wie ist deine Frucht so süß
Unter deinen Lebensbäumen
wird´s uns sein, als ob wir träumen
Bring uns, Herr, ins Paradies.

Heute ist euer Tag, Lena, Hilda, Viktor und Johann – der Tag der Russlanddeutschen. Ich bin dankbar euch kennengelernt zu haben und von euch erfahren zu haben, welche Kraft die Hoffnung hat.

Einen gesegneten Tag wünscht Ihnen Pfarrerin Silke Niemeyer aus Lüdinghausen.

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