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Das Geistliche Wort | 15.09.2019 | 08:40 Uhr

Taize - versöhnt leben

Guten Morgen!

„Hier bin ich richtig!“, sagt der Mann und atmet tief durch.

Er wirkt sichtlich bewegt. Er ist an diesem Abend zum ersten Mal zum Taizé-Gebet in unsere Kirche gekommen, nach St. Johannes in Bochum-Wattenscheid, wo ich als Gemeindereferentin tätig bin. Im Eingangsbereich bleibt er stehen und schaut sich um. Sein Blick geht langsam durch den Raum; er scheint förmlich die Atmosphäre in sich aufzusaugen. Später sagt er, was ihn so berührt hat: dass er von Anfang an das Gefühl hatte, hier wirklich zur Ruhe zu kommen.

Tatsächlich lädt die Atmosphäre dazu ein: Viele Kerzenlichter tauchen den Kirchenraum in gedämpftes, warm leuchtendes Licht. Die meditativen Gesänge aus Taizé breiten sich wie ein Klangteppich aus und füllen jeden Winkel des Raums: einprägsame Melodien mit Texten so einfach wie tiefgründig, die, häufig wiederholt, bald in Fleisch und Blut übergehen und sich dann fast von alleine singen. „Hier konnte ich mich fallen lassen. Ich hatte das Gefühl, etwas Größerem anzugehören“, so der Mann, der zum ersten Mal am Taizé-Gebet in unserer Kirche teilgenommen hat.

Das Gefühl, etwas Größerem anzugehören – das erlebe ich auch, wenn ich einmal im Jahr in Taizé zu Gast bin, so wie jetzt im September.

Taizé – das ist ein unscheinbares französisches Dörfchen im Süden von Burgund mit wenigen Häusern, einer kleinen, romanischen Kirche und nicht einmal 200 Einwohnern. Und doch hat der Ort eine große Strahlkraft. Zehntausende kommen jedes Jahr aus aller Welt hierher, überwiegend Jugendliche, um in Taizé einige Tage in Gemeinschaft zu verbringen und Impulse für ihr Leben zu bekommen.

Taizé ist durch eine christliche Gemeinschaft bekannt geworden, die sich dort angesiedelt hat. Sie geht zurück auf ihren Gründer, den evangelisch-reformierten Schweizer Pfarrer Roger Schutz. Im Kriegsjahr 1940 strampelt Roger Schutz mit dem Fahrrad über die Grenze seiner ruhigen Schweizer Heimat ins benachbarte Burgund. Die Gegend um Taizé ist zu der Zeit noch nicht von deutschen Truppen besetzt. In Taizé kauft er ein Haus und versteckt Juden und Oppositionelle, die vor den Nationalsozialisten geflohen sind. Er will Menschen, die entwurzelt sind, helfen, vor allem Flüchtlingen, Kriegsgefangenen und Kriegswaisen. Seine Mission: Konflikte überwinden helfen und versöhnen. 1941 ruft Roger Schutz die „Communauté de Taizé“ ins Leben – als klösterlich geprägte Gemeinschaft von Brüdern. Zwei Jahre später wird Taizé besetzt. Schutz zieht sich eine Zeitlang in seine Heimat, die Schweiz, zurück. Nach der Befreiung Frankreichs kehrt er nach Taizé zurück.

Roger Schutz ist ein Grenzgänger im wahrsten Sinne des Wortes, nicht nur zwischen der Schweiz und Frankreich: Er wird sein ganzes Leben lang, zusammen mit den Brüdern, die sich ihm anschließen, Menschen über Grenzen geleiten: Grenzen, die Völker, Religionen, Konfessionen, Kulturen und Generationen voneinander trennen. 1949, also vor 70 Jahren, legt er mit einigen Brüdern zusammen seine Gelübde ab. Jetzt wird er „Frère Roger“ genannt und wird erster Prior der Brüdergemeinschaft von Taizé. Er prägt die Gemeinschaft bis zu seinem Tod im Jahre 2005 im Geiste der Versöhnung.

Heute gehören insgesamt 100 evangelische, anglikanische und katholische Brüder dazu; die Gemeinschaft ist längst ökumenisch geworden. Nicht alle von ihnen leben in Taizé; manche arbeiten in sozialen Projekten rund um den Erdkreis. Inzwischen gibt es auch eine Schwesterngemeinschaft in Taizé, die mit den Brüdern zusammenarbeitet.

Bei meinen jährlichen Besuchen in Taizé fasziniert mich immer wieder das einfache Leben in der Gemeinschaft der vielen Gäste mit den Brüdern – vom Essen über die Unterkunft bis zu den Gottesdiensten. Ich sitze, wie die anderen Gäste auch, beim Essen meist auf einer Bank, das Tablett auf den Knien, schlafe in einem Zelt oder einer einfachen Unterkunft. Und doch habe ich das Gefühl, nichts wirklich zu vermissen. Das Leben spielt sich überwiegend unter freiem Himmel oder unter dem Schutz großer, fest installierter Zeltdächer ab – und in der Versöhnungskirche. Hier trifft man sich morgens, mittags und abends zu Gebet und Gottesdienst. Die Versöhnungskirche wurde in den 1960er Jahren neu gebaut, weil die kleine Dorfkirche schon damals die vielen Menschen, die nach Taizé strömten, nicht mehr fassen konnte. Stühle gibt es in der Kirche nicht. Alle sitzen auf dem Boden – die Jugendlichen in der Mitte, die Erwachsenen meist auf Treppenstufen drum herum. Die Erwachsenen bilden die „Krone“ um die Jugendlichen, wie die Brüder von Taizé liebevoll sagen. Junge Menschen stehen in Taizé im Mittelpunkt, sie sind das Herz der großen Gemeinschaft aus Gästen und Brüdern. Die Brüder von Taizé begleiten die Jugendlichen, hören ihnen geduldig und lange zu, vor allem abends nach dem Abendgebet. Sie lassen die Jugendlichen spüren: Du bist wichtig mit all dem, was du mitbringst, du bist angenommen genauso, wie du bist – und du bist geliebt von Gott. Frère Roger hat es einmal so gesagt:

„Den anderen entdecken lassen, dass nichts ihn von der Liebe Gottes trennen kann, darum dreht sich alles!“[1]

Das ist die Botschaft des Evangeliums: so einfach wie berührend! Und sie kommt an, vor allem in den Sommermonaten. Bis zu 6.000 Menschen sind dann wöchentlich in Taizé, hören die Worte aus der Bibel und tauschen sich dazu aus, singen gemeinsam typische Taizé-Gesänge in verschiedenen Sprachen, halten im Gottesdienst minutenlang Stille, ohne dass es peinlich wird, beten zusammen und erfahren Glaubens-Gemeinschaft. Freitags, am Todestag Jesu, gibt es im Abendgebet ein besonderes Ritual: Viele Jugendliche und Erwachsene berühren das Kreuz Jesu und beten dort in Stille. Samstags, in der Nacht der Lichter, werden in der Versöhnungskirche hunderte von Kerzen als Hoffnungslichter entzündet. Die Taizé-Gesänge klingen an diesem Abend noch lange nach dem Gottesdienst nach.

Bemerkenswert finde ich: Zu den Gottesdiensten in Taizé sind nicht nur alle eingeladen – das ist selbstverständlich. Nein, alle, die kommen wollen, sind auch dazu eingeladen, die Eucharistie zu empfangen.

Frère Roger sagt: „Die Eucharistie ist für alle da, die nach Christus hungern!“[2]

Und tatsächlich, viele nehmen die Einladung an und singen dazu: Jesus Christ, bread of life … – Jesus Christus, Brot des Lebens, alle, die zu dir kommen, werden nicht mehr hungern und nicht mehr dürsten. 

Frère Roger war erfüllt von der Sehnsucht nach Einheit unter den Christen. Er hat sich im Laufe seines Lebens unaufhörlich dafür eingesetzt. Er sagte: „Ich fand meine Identität als Christ darin, in mir den Glauben meiner Ursprünge mit dem katholischen Glauben zu versöhnen, ohne mit irgendjemandem zu brechen.“[3]

Das ist nicht das Lebensgefühl eines Menschen, der zwischen der evangelischen und der katholischen Kirche hin- und hergerissen ist. Das ist vielmehr Zeugnis eines Menschen, der zutiefst an die Liebe Gottes zu allen Menschen glaubt und das Verbindende zwischen den Konfessionen sieht. Auch der Apostel Paulus hat schon zur Einheit im Namen Jesu gemahnt, indem er sagte (1 Kor 1,10): „Seid alle einmütig und duldet keine Spaltungen unter euch; seid vielmehr eines Sinnes und einer Meinung.“

Und auch Jesus lädt unermüdlich zur Versöhnung ein.

Wer zum Beispiel am heutigen Sonntag an einem katholischen Gottesdienst teilnimmt, hört das Evangelium vom verlorenen Sohn. Da nimmt ein Vater seinen Sohn, der sich von ihm abgewandt hat, mit offenen Armen wieder auf– ohne dass der Sohn sich erklären muss, als er reumütig zurückkommt. Nicht viele Worte, sondern versöhnliches Handeln aus Liebe – darum geht es! Jesus sagt damit: So wie dieser Vater, so ist Gott! Oder mit einem Gesang aus Taizé gesagt: Ubi caritas, Deus ibi est – Wo die Güte und die Liebe wohnen, da wohnt Gott.

Wo Güte und Liebe wohnen, da ist Versöhnung kein Traum mehr. Frère Roger sagt es so: „Versöhnung ist der Reichtum, der sich einstellt, wenn man die Gaben wahrnimmt, die in den anderen liegen.“[4]

Und in Bezug auf die Ökumene erlebe ich das in Taizé so: Wichtig für evangelische Christinnen und Christen ist: die Aufmerksamkeit auf den Reichtum des Wortes Gottes zu legen. Und wichtig für katholische Christinnen und Christen ist: die Eucharistie zu verstehen als Quelle von Einheit und Gemeinschaft in Jesus Christus. Beides, Wort Gottes und Eucharistie sind in Taizé auf wertschätzende und einladende Weise miteinander verbunden. Viele Menschen fühlen sich dadurch gestärkt.

Heute ist Frère Alois Prior der Gemeinschaft von Taizé. Auf meine Frage an ihn, was Taizé in der Welt bewirken kann, sagt er bescheiden: das Vertrauen in Gottes Liebe zu stärken – und er betont: „Die Welt braucht dieses Vertrauen. Sie hat zu wenig davon.“[5]

Taizé ist für mich Antwort auf die Sehnsucht vieler Christinnen und Christen nach Gemeinschaft im Glauben. Komm, Heiliger Geist, und führe uns auf dem Weg der Versöhnung. Darin:

Einen gesegneten Sonntag wünscht Ihnen

Anke Wolf aus Bochum.


[1] Vgl. Kathryn Spink: Frère Roger, Gründer von Taizé, S. 19.[2] Vgl. Frère Roger in:  Jean-Claude Escaffit/Moiz Rasiwala: Die Geschichte von Taizé, S. 215.[3] Vgl. Frère Roger, in: Jean-Claude Escaffit/Moiz Rasiwala: Die Geschichte von Taizé, S. 179.[4] Vgl. Escaffit/Rasiwala: Die Geschichte von Taizé, S. 214.[5] Frère Alois bei einem Gespräch im Sept. 2018.

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