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Sonntagskirche | 22.11.2020 | 08:55 Uhr

Totensonntag und Ewigkeitssonntag

Guten Morgen.

 

Heute ist Totensonntag,

Ewigkeitssonntag,

der letzte Sonntag des Kirchenjahres.

Ein Gedenktag. Zeit, um zurückzublicken;

zu bedenken, was mir verloren gegangen ist

in diesem Jahr:

 

Meine Freundin.

An dich denke ich heute.

Du bist mir verloren gegangen

in diesem Jahr.

 

Einen Brief hattest du noch geschrieben.

Vorsorglich an die Deinen.

Ihnen darin Trost zugesprochen,

dass du nicht tiefer als in Gottes Hand fallen würdest,

wenn es anders käme als erhofft.

Und dann gingst du ins Krankenhaus.

Und alles ging viel schneller als gedacht.

Und du fielst und fielst,

ausgerechnet zwischen Karfreitag und Ostersonntag

an einem Samstag,

aus der Zeit hinaus in die Ewigkeit,

fielst du uns voraus.

 

Am Tag deiner Beerdigung

ließen die Kirschbäume ihre Blüten los,

gaben sie dem Wind mit,

ich eilte hindurch,

die Brücke entlang,

Steine in den Schuhen,

in den Augen Tränen,

kam zu spät,

du warst nicht mehr da,

am Tag deiner Beerdigung.

Warst uns vorausgefallen.

Unter offenem Himmel standen wir dann

um deinen Sarg herum,

deine Kinder spielten auf ihren Instrumenten,

die Vögel sangen.

Im Arm einen kleinen Kirschbaum,

in den Zweigen Fotos von dir vom letzten Herbst,

so stand ich da, zwischen deinen Liebsten,

„Von guten Mächten
wunderbar geborgen“,

sangen wir, dir

hinterher.

Auf Ostern hin warst du gegangen.

 

Das war in diesem Frühling.

Damals fielen die Kirschblüten von den Bäumen.

Es folgte der Sommer mit seinen Früchten,

und wir buken Obstkuchen nach deinem Rezept,

den mit Rosmarin drin.

 

Jetzt ist Herbst,

jetzt fallen die Blätter von den Bäumen,

rascheln an meinen Füßen,

während ich fröstelnd durch den Wald gehe.

 

Deine Jacke wärmt

mich und meine Fragen,

die wie kahle Zweige in den Herbsthimmel ragen,

von denen letzte Blätter taumeln,

die sichtbar machen, was fehlt.

Du. Fehlst.

 

„Was, wenn der Tod nichts anderes wäre

als ein Stürzen aus der Form,

der wir zu schwer geworden sind?“,

las ich in den letzten Tagen in einem Buch der Autorin Giannina Wedde.

Und weiter schreibt sie:

„Erstaunlicher, als dass wir sterben,

ist, dass der Körper unsere Sehnsucht halten kann:

für lange Zeit das Drängen und das Überschäumen

und das Verwobensein mit einem anderen,

von dem uns eine ernste Grenze trennt.“

 

Ich denke an dich. Wie sehr dein Leben überschäumte,

du den Menschen Tür und Herz öffnetest,

wie du Speisen aus aller Welt nachgekocht hast,

gemeinsam mit Geflüchteten, die bei dir,

deinem Mann und deinen Kindern mitgelebt haben.

 

An dem langen Tisch in eurem Haus

wurde uns allen dein Essen

nach Rezepten aus Kriegsgebieten

zur Leibspeise,

zum Zuhause für Leib und Seele

in dieser rastlosen, manchmal so dunklen Welt.

 

„Was, wenn wir aus dieser Enge fielen,

aus einer Dunkelheit, die wir nur ahnend fühlen,

in eine Weite wie zum Atemholen?

Wenn nur dem Tod gelänge,

uns von einem Weg aufzulesen,

damit uns tausend Wege offenstehen?“,

fragt die Autorin Giannina Wedde. (1)

 

Ich sehe die fallenden Blätter ringsum,

spüre das Fallen in mir selbst

und denke an dich, liebe Freundin,

an deinen letzten Brief,

„nicht tiefer als in Gottes Hand“,

erinnertest du uns,

allem Tod zum Trotz

und zum Trost.

 

Und ich beginne zu ahnen, mit Worten

von Rainer Maria Rilke über den Herbst:

 

„Und doch ist Einer, welcher dieses Fallen
unendlich sanft in seinen Händen hält.“ (2)

 

Heute ist Totensonntag.

Heute ist Ewigkeitssonntag.

 

 

(1) Aus dem Gedicht „Weite“: Giannina Wedde. Es wächst ein Licht in deinem Fehlen. Vier-Türme-Verlag. 2019. S. 90.

(2) Aus dem Gedicht „Herbst“: Rainer Maria Rilke. Die Gedichte. Frankfurt a.M. Insel. 1992. S. 346.

 

Redaktion: Landespfarrerin Petra Schulze

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