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Kirche in WDR 2 | 12.01.2021 | 05:55 Uhr

Trauer ist Liebe

Immer um 14 Uhr bestellt er ein Taxi. Es ist nur ein Kilometer, aber der Weg führt den Berg hinauf und er ist nicht mehr gut zu Fuß. Also ein Taxi, jeden Tag um 14 Uhr. Die Fahrt kostet vier Euro hin und vier Euro zurück. Um 16 Uhr steht der Wagen wieder bereit und holt ihn ab.

Der Waldfriedhof ist wunderschön. Viele Bäume, verwunschene Wege, fast wie ein Park. Das Grab seiner Frau liegt im Schatten einer großen Buche. Ein Urnengrab. Die Steinplatte mit ihrem Namen misst etwa 50 x 50 cm.

Vor gut einem Jahr ist sie gestorben. Er selbst kann später auch hier beigesetzt werden, direkt bei seiner Frau. Bis dahin kommt er jeden Tag vorbei.

Zweimal die Woche nimmt er mit dem Taxi einen Umweg. Dann geht es am Blumenladen unten in der Stadt vorbei und er kauft einen frischen bunten Strauß für seine Frau. Oder besser: für das Grab seiner Frau. Oder ist das für ihn dasselbe?

14 bis 16 Uhr. Jeden Tag. Was er wohl so macht zwei Stunden lang? Meist hat er eine Thermoskanne mit Kaffee dabei. Dann setzt er sich vor dem Grab auf seinen Rollator, schaut herüber, trinkt Kaffee, macht sich Gedanken. Manchmal redet er mit ihr, erzählt vom Besuch der Tochter und wie der Tatort am Sonntag war. Ist das verrückt? Ist das normal? Ist das Trauer? Ist das Liebe?

Ein Freund erzählt mir die Geschichte. Er ist neulich mit demselben Taxi gefahren und hat seine Frau abgeholt aus dem Krankhaus. Das sind 35 Kilometer. Seine Frau hat es geschafft. Sie hat Corona erst mal hinter sich. Es fing an wie eine Grippe: Fieber, Gliederschmerzen, Husten. Sie war völlig erschöpft. Dann diese Atemnot. Also doch ins Krankenhaus. Zehn Tage war sie da. Ich weiß die Einzelheiten nicht, aber ich weiß noch, was mein Freund mir am Anfang erzählt hat, völlig durcheinander. Die beiden haben geweint. Sie haben plötzlich Dinge organisiert. Wo sind die wichtigsten Unterlagen? Wen rufen wir zuerst an? Wo ist nochmal die Mappe von der Lebensversicherung? Und wer sind eigentlich die Freunde, die jetzt da sind, wenn es ernst wird? Dann wieder Tränen. Ist das nicht verrückt? fragt mein Freund.

Jetzt ist sie wieder zuhause. Endlich. Ein Taxi, zwei Geschichten. Und ich denke nur: Trauer ist Liebe. Tränen sind Glück. Alles ist richtig so. Das Verrückte ist normal.

 

 

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