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Das Geistliche Wort | 22.03.2020 | 08:40 Uhr

Mitgefühl

Neulich war ich mit meiner Familie in der Stadt. Samstag. Es war rappelvoll, unglaublich viele Menschen. Und mitten in diesem Getümmel sehe ich eine kleine Szene, die mich tief berührt: ein kleines Mädchen im Arm seines Vaters. Offenbar ist das Kind gerade gefallen und hat sich ziemlich am Knie wehgetan. Die Kleine weint bitterlich. Und der Vater hält sie einfach mit geschlossenen Augen fest in seinem Arm. Und streichelt vorsichtig ihr Knie, das so weh tut. Ich schaue einen Moment auf die beiden. Der Vater sagt nichts. Er sagt nicht: „Komm, ist doch nicht so schlimm“ oder: „Wird schon wieder“. Er nimmt den Schmerz seiner kleinen Tochter sehr ernst und hält sie einfach. Nach dem Motto: „Ich ahne, wie weh Dir das tut. Und ich kann Dir diesen Schmerz nicht wegnehmen. Aber ich bin da. Voll und ganz!“ Was für ein schöner, kostbarer Moment!

Ich glaube, das meinen wir, wenn wir von Mitgefühl oder Empathie sprechen. Mitgefühl ist ja noch mal was anderes als Mitleid. Mitfühlen bedeutet nicht, dass man sagt: „Boah, was bist Du für‘n armer Kerl, Du tust mir echt leid.“ Das richtet einen anderen Menschen nicht auf, sondern macht ihn eher noch kleiner. Mitfühlen bedeutet: sich in einen anderen Menschen hineinversetzen, seinen Schmerz mitfühlen, ohne diesen Schmerz zum eigenen zu machen, einfach nur fühlen und verstehen, was den oder die andere bewegt. Das gehört zum Schönsten und Kostbarsten, wozu wir Menschen fähig sind. Es ist ein ganz wichtiger Teil unseres Wesens.

Musik: Joy and Sorrow, Interpret: Julian & Roman Wasserfuhr, Komponist: Julian Wasserfuhr & Roman Wasserfuhr, CD: Running, Track 13, Label: ACT Music+Vision, LC-Nr.: 07644.

Mitgefühl – wie geht das? In der Bibel sind die Worte „Mitgefühl“ und „Empathie“ zwar nicht zu finden. Aber es gibt andere Worte, die genau das zum Ausdruck bringen. Zum Beispiel der Satz: „Und es jammerte ihn.“ Eine wunderschöne Formulierung. Das wird im Neuen Testament oft gesagt, wenn Jesus Menschen in tiefer Not begegnet, zum Beispiel einer Frau, die gerade ihren einzigen Sohn verloren hat. Oder einem Mann, der unter seinem Aussatz leidet und dadurch völlig isoliert ist. Das griechische Wort dahinter heißt splangchnizetai und bedeutet wörtlich: bis in die „Eingeweide“ hinein berührt sein. Also nicht nur im Kopf etwas verstehen, sondern bis in die Tiefe nachempfinden. Und dieses Wort begegnet auch immer wieder in Geschichten, die Jesus erzählt: wenn der barmherzige Samariter den unter die Räuber gefallenen Mann da am Boden liegen sieht. Oder der Vater, der mittags vor die Haustür geht und plötzlich seinen verlorenen geglaubten Sohn da abgerissen über den Hügel kommen sieht, ziemlich heruntergekommen und zerzaust. „Und als er ihn sah, jammerte es ihn!“ In all diesen Momenten zeigt Jesus tiefes Mitgefühl. Und macht damit deutlich: Gott ist voller Mitgefühl! Gott ist barmherzig. Noch so ein schönes altes Wort. Da erbarmt sich einer und es geht ihm etwas zu Herzen. In dem Wort Barmherzigkeit schwingt Mitgefühl mit. Darum kommt Gott auf die Welt: um uns nahe zu sein und sein Mitgefühl zu zeigen und diese Welt zu heilen. Er wird ein Kind, um etwa in uns anzusprechen. Etwas, das in uns allen lebt und darauf wartet, gestärkt zu werden: unser Mitgefühl und unsere Fähigkeit, füreinander da zu sein. Und der erwachsene Jesus wird seinen Zuhörern immer wieder sagen: „Lasst Euch Gottes Barmherzigkeit schenken! Lasst zu, dass er für Euch da ist und Euch heilt! Denn er lässt seine Sonne nicht nur über die aufgehen, bei denen schon alles in Ordnung und super und moralisch einwandfrei und so weiter ist! Sondern über uns allen. Lasst Euch von ihm beschenken! Und dann seid selbst barmherzig, wie Euer Vater im Himmel barmherzig ist!“

Musik: Country, Interpret: Nils Landgren & Jan Lundgren, Komponist: Keith Jarrett, CD: Kristallen, Track 3, Label: ACT Music+Vision, LC-Nr.: 07644.

Wie „macht“ man das? Barmherzig werden? Wie wird man ein empathischer, mitfühlender Mensch? Da gibt es kein Rezept und kein schlichtes Zehn-Schritte-Programm. Aber ein paar Dinge kann man vielleicht doch sagen.

Das Eine: die Möglichkeit, empathisch und mitfühlend zu sein, liegt in uns allen. Aber sie ist nicht die einzige Möglichkeit. Menschen können auch ganz anders sein: wir können hartherzig und egoistisch sein und um uns selber kreisen und nur noch uns selber sehen. Beide Möglichkeiten stecken in jedem Menschen. Die Frage ist: welche Möglichkeit trainieren wir? Welche der beiden pflegen und ernähren wir? Sie kennen vielleicht die indianische Geschichte von den zwei Wölfen: Da sagt ein Indianer zu einem anderen: „Mensch, es kommt mir vor, als ob in meiner Seele zwei Wölfe miteinander kämpfen. Der eine ist liebevoll und gelassen und mitfühlend, der andere ist hart und brutal und böse. Welcher von den beiden wird gewinnen?“ Der andere antwortet: „Gewinnen wird der, den Du fütterst.“ Die Frage ist also: Welche Eigenschaften in uns entwickeln und stärken wir? Welchen geben wir Nahrung? Bringen wir unseren Kindern bei, dass sie ihre Interessen durchsetzen und ihre Ellbogen benutzen und am besten vom Kita-Alter an die Besten und Stärksten sind? Oder bringen wir ihnen bei, wie man zuhört, wie man auf andere eingeht, wie man sich in andere hineinversetzt und Kompromisse schließt?

Mitgefühl ist eine anspruchsvolle Gemeinschaftssportart. Sie braucht gute Ernährung und Training. In Dänemark gibt es seit längerem ein Schulfach, in dem Empathie trainiert wird! Einmal die Woche tun die Schülerinnen und Schüler in einer Unterrichtsstunde nichts anderes, als miteinander zu reden, Probleme zu besprechen, sich zuzuhören und zu verstehen. Angeleitet von einer Lehrerin oder einem Lehrer, der genau das vormacht. Und das ist kein nettes gruppendynamisches Anhängsel. Sondern diese Stunde hat das gleiche Gewicht wie Mathe und Technik, Bio und Deutsch. Ich bin sicher: das tut nicht nur den Kindern und Lehrern und der Schule gut. Und wenn ich mir manche Diskussion auf Facebook oder auch in der Politik anschaue, dann denke ich: wie sehr brauchen wir gerade jetzt Menschen, die Empathie entwickeln! Wir hören Sprüche und Töne, die wir im öffentlichen Raum vor wenigen Jahren noch nicht für möglich gehalten hätten. Wir erleben Diskussionen, in denen keiner mehr der Gegenseite zuhört, sondern in denen nur noch Zorn ausgegossen und verurteilt wird. Wie gut täte uns das, wenn wir wieder einfühlsamer und sachlicher miteinander reden könnten! Ich wünsche mir viele Menschen, die diesen guten Wolf Empathie in sich füttern. Ich wünsche mir eine Kultur des Mitgefühls auf allen Ebenen, wenn wir die großen Probleme dieser Welt lösen wollen.

Musik: Bachelor, Interpret: Julian & Roman Wasserfuhr, Komponist: Julian Wasserfuhr & Roman Wasserfuhr, CD: Running, Track 2, Label: ACT Music+Vision, LC-Nr.: 07644.

Mitgefühl. Es gibt Vorbilder dafür, und wir können es lernen. Es ist in uns und wir können es stärken. Allerdings: Mit einem anderen Menschen zu fühlen bedeutet nicht, seine Probleme zu den eigenen zu machen. Mitgefühl bedeutet: ich fühle den Schmerz eines anderen Menschen mit, aber ich weiß, dass es nicht mein eigener ist. Nur dann kann ich dem anderen auch wirklich helfen und für ihn da sein. Bei Beerdigungen wird mir das immer wieder ganz deutlich: Wenn ich als Pfarrer im Schmerz der Angehörigen versinken würde, wäre ich nie in der Lage, die Trauerfeier zu halten. Und noch etwas habe ich gelernt: Ich kann nicht jederzeit mit jedem Menschen mitfühlen. Unsere seelische Ausstattung ist für das Zusammenleben in kleinen Gruppen oder Dörfern gemacht. Ich kann die Freude und das Leid eines Dorfes teilen. Ich kann aber nie gleichzeitig und echt mit allen Menschen auf der Welt fühlen, von deren Leid ich durch die Medien erfahre.

All das kann man übrigens an der Geschichte vom barmherzigen Samariter lernen. Der Samariter trifft unterwegs auf diesen schwer verletzten Mann, der unter die Räuber gefallen ist. Und als er ihn sieht, jammert es ihn, er fühlt mit ihm – völlig unabhängig davon, dass dieser Mann ein Jude ist, also für einen Samariter ein Fremder, fast so etwas wie ein Feind. All diese Grenzen, die es sonst zwischen diesen Männern gibt, werden durch das Mitgefühl des Samariters überwunden. Auch der Samariter wird nicht ständig alles Leid seiner Welt mitleiden und sich um alle Menschen kümmern, von denen er jemals hört. Das kann er gar nicht. Aber von diesem einen Menschen lässt er sich berühren. Und für den ist er jetzt da und kümmert sich. Er sagt nicht: „Boah, wie schrecklich, das macht mich völlig fertig“, sondern er bleibt handlungsfähig: Er leistet erste Hilfe, packt den Mann auf seinen Esel und bringt ihn zum nächsten Gasthaus. Und da lässt er den Verletzten auch wieder los. Und delegiert die Verantwortung quasi an einen Profi für gute Versorgung, an den Gastwirt. Mit Menschen fühlen und sie begleiten bedeutet nicht, ein Leben lang für sie zuständig zu sein. Und sie vielleicht sogar abhängig zu machen. Es bedeutet: eine Weile mit ihnen unterwegs zu sein – und dann auch wieder loszulassen. Wir sind nicht für alle Zeiten für alles Leid der Welt zuständig. Aber das, was Gott uns vor die Hände und Füße legt, das können und sollen wir anpacken. Und da sind wir gefragt, mitzufühlen und zu begleiten.

Musik: Värmlandsvisan, Interpret: Nils Landgren & Jan Lundgren, Komponist: Traditional, CD: Kristallen, Track 12, Label: ACT Music+Vision, LC-Nr.: 07644.

Da ist noch etwas: Ich glaube, Mitgefühl und Barmherzigkeit können in unseren Herzen nur wachsen und gedeihen, wenn wir bei uns selbst damit anfangen. Wenn wir beginnen, barmherzig mit uns selber umzugehen. Ich kenne Menschen, die zumindest nach außen freundlich und mitfühlend anderen gegenüber sind – und hart und unbarmherzig gegen sich selbst. Das kann nicht gut gehen – und das kann nicht wirklich echt sein. Wir sind manchmal so streng und unbarmherzig mit unseren eigenen Fehlern und Macken. Wie sollen wir dann wirklich barmherzig mit anderen sein? Wenn Gott barmherzig ist, wenn Gott Mensch geworden ist, um uns Menschen sein Mitgefühl zu zeigen, dann dürfen wir es erst mal selbst annehmen und auspacken und es uns gönnen. Von ganzem Herzen! Gott kommt auch, um uns von unserer Unbarmherzigkeit zu erlösen. „Seid barmherzig, wie Euer Vater im Himmel barmherzig ist“ – das gilt auch für unseren Umgang mit uns selbst. Und ich glaube, dass sich alles andere dann fast von selbst ergibt.

Zum Schluss noch eine schöne kleine Geschichte: Papst Franziskus erzählt von einem Priester, den er in Buenos Aires kennengelernt hat. Dieser Priester ist ein außerordentlich beliebter Beichtvater. Die Leute kommen gerne zu ihm, weil er gut zuhören kann, viel Verständnis hat und großzügig die Absolution erteilt. Dieser Priester tut das auch gerne. Aber manchmal hat er Skrupel, ob er nicht hier und da den Leuten zu schnell vergibt. Franziskus fragt ihn: „Was machst Du denn, wenn solche Skrupel kommen?“ Der Priester antwortet: „Ich gehe in unsere kleine Kapelle … und sage zu Jesus: `Herr, vergib mir, wenn ich zu viel vergeben habe. Aber schließlich warst es ja du, der mir dieses schlechte Beispiel gegeben hat.´“ Papst Franziskus sagt dazu: „Das werde ich nie vergessen. Wenn ein Priester die Barmherzigkeit auf diese Weise an sich selbst übt, dann kann er sie auch anderen schenken.“ Und das gilt nicht nur für Pfarrerinnen und Priester. Sondern für uns alle.

Ich wünsche Ihnen einen schönen und gesegneten Sonntag! Ihr Pfarrer Joachim Römelt von der Evangelischen Kirchengemeinde Solingen-Dorp.

Musik: Värmlandsvisan, Interpret: Nils Landgren & Jan Lundgren, Komponist: Traditional, CD: Kristallen, Track 12, Label: ACT Music+Vision, LC-Nr.: 07644. 

 

Quellenangabe:
Papst Franziskus: Der Name Gottes ist Barmherzigkeit, München 2016, 33

 

Redaktion: Landespfarrer Dr. Titus Reinmuth

 

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