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Kirche in WDR 4 | 24.04.2020 | 08:55 Uhr

Uns blüht das Leben

Guten Morgen!

Der Eintrag in meinem Kalender überrascht mich, morgens beim Blick auf den Tag. Ein paar Jahre ist das jetzt her. Ein mir unbekannter Name, partout fällt mir nichts ein dazu, ein Besuch zum Geburtstag, vor Wochen eingetragen. Und jetzt steht das da. Und bringt mich ins Grübeln. Hinter dem Namen nämlich diese Zahl, die mich aufmerken lässt: 103!

Vermutlich eine hinfällige Tante, denke ich, die man hochbetagt mit über 100 nun, weil’s anders nicht mehr geht, hier aufgenommen hat. Sicher kann sie nicht mehr allein sein und braucht Pflege, stelle ich mir vor, oder doch mindestens Aufsicht, 103, was soll man erwarten.

Das schwarzgraue Sakko scheint die passende Wahl. Ich mache mich auf den Weg, eingestellt auf eine Art Krankenbesuch, wenn nicht gar Schlimmeres. Ich rechne mit allem.

Auf mein Klingeln öffnet der Hausherr und grüßt: Na, da wird sie sich aber freuen. Erleichtert registriere ich: Offenbar komm ich noch rechtzeitig …

Man führt mich ins Wohnzimmer. Und ich muss mich sortieren.

Die alte Dame, gekleidet in ein lindgrünes Kostüm, sitzt vor Kopf der festlich gedeckten Tafel. Die ersten acht Gäste erwarten mich schon. Zu meiner Begrüßung erhebt sie sich flugs von ihrem Platz, meine abwehrende Geste ignoriert sie geflissentlich. Aufrecht stehend stellt sie sich vor, freut sich sehr, schüttelt mir fest die Hand, strahlt über das ganze Gesicht und lädt mich ein, doch neben ihr Platz zu nehmen. Mir verschlägt es die Sprache, schon da. Im weiteren Verlauf besteht sie drauf - selbstverständlich im Stehen - eine Tischrede zu halten. Für jeden Gast gibt’s persönliche Worte. Am Ende erhebt sie das Sektglas, spricht einen Toast auf die Gesellschaft aus, rezitiert Gedichte mal - von Goethe, mal von sich selbst, besteht auf gemeinsames Singen, lacht Dreiviertel des Morgens und genießt das Ganze in vollen Zügen.

Mit anderen Worten: Mehr Leben war nie bei einem Besuch. Nur ICH war an dem Morgen irgendwie auf dem Weg ins Krankenhaus, wenn nicht gar zum Friedhof unterwegs gewesen… Nur wegen der Zahl...

Manchmal gehe ich der Macht des Todes geistlos auf den Leim. Überlasse ihm kampflos das Feld. Rechne gar nicht erst mit dem Leben, mit seiner unbändigen Kraft, mit dem Geist, der uns lebendig macht. Manchmal kapituliere ich vor der Zeit, ohne Grund.

Ich habe die Jubilarin in der Zeit danach des Öfteren noch besucht. Mit Blick auf ihr Alter pflegte sie gern etwas bekümmert zu sagen: „Der liebe Gott hat mich vergessen.“

Bei meinem letzten Besuch, kurz vor ihrem Sterben, lächelte sie. Und sagte: „Jetzt holt er mich dann doch nach Hause.“

Ja, zugestanden: am Ende bleibt der Tod eine Macht, früher oder später entgeht man ihr nicht.

Und doch macht es einen Unterschied: Schon gleich dem Tod das Feld zu überlassen, wie ich insgeheim an dem Morgen – oder, wenn möglich, bis zur letzten Sekunde das Leben lieb zu haben.

Mit dem Leben rechnen, das uns allen blüht. Und damit weit vor dem Tod zum Leben auferstehen. Manchmal 105 Jahre lang.


Einen gesegneten Tag wünscht Ihnen, Ulf Schlüter, Bielefeld.




Redaktion: Landespfarrerin Petra Schulze


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