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Kirche in WDR 2 | 28.04.2020 | 05:55 Uhr

Verirrte finden

Wie weit kann ich jemandem nachlaufen, wenn ich ihn nicht sehen kann? Diese Frage stelle ich mir gerade als Lehrer. Das war schon in normalen Zeiten schwierig genug, die ganze Oberstufenklasse zusammen zu halten, also irgendwie dafür zu sorgen, dass alle soweit miteinander auskommen, dass die Leistungen halbwegs stimmen, dass niemand sitzen bleibt. Dafür musste ich schauen, dass ich gut erkläre, dass ich die richtigen Lernmaterialien bereitstelle und ein gutes Klassenklima herrscht, in dem alles zur Sprache kommen kann. Vertrauen ist da ganz wichtig. Und an einem Berufskolleg gibt es den realistischen Minimalkonsens, dass zumindest alle zur Schule kommen. Und als dann die Schulen im März zugemacht hatten, hatte ich damit echt ein Problem. Tja. Klar, einige hatten sich schnell fit gemacht in Sachen digitales Lernen, andere musste ich da etwas an die Hand nehmen, dritte wurden mit geringen Mitteln selbst aktiv, kommunizierten und lernten mittels eines halb geschrotteten Handys. Aber es gab auch die, die abgetaucht waren. Keine Reaktion. Keine Mail, keine bearbeiteten Aufgaben, keiner geht ans Telefon.

Wenn in normalen Zeiten ein Schüler nicht zur Schule kommt, kann ich immer noch mal zu Hause klingeln oder andere in der Schule fragen, was da los ist. Fiel jetzt auch weg. Was kann ich dann noch tun?

Deshalb erinnert mich das derzeit noch ein bisschen mehr als sonst an das berühmte Gleichnis Jesu aus der Bibel vom verlorenen Schaf: Ein Hirt hat 100 Schafe und plötzlich ist eins weg. Hat sich verirrt. Jetzt könnte er meinen: 99 sind ja auch noch genug. Aber nein: Er lässt die 99 zurück und geht dem einzelnen, verirrten Schaf hinterher, bis er es findet. Tolle Sache! Geht aber in dieser Welt gerade nicht, weil der Hirte eben nicht überall herumlaufen darf.

Vielleicht ist das etwas vermessen, mich mit dem Hirten zu vergleichen. Aber: Meine Schüler sind mir ja nicht egal. Und gerade die Wackelkandidatinnen und -kandidaten, das sind die, für die ich oft weiter gehe als gedacht. Diese Zeiten sind daher echt ’ne Herausforderung. Schluss mit Hinterherlaufen. Trotzdem: Ich finde das Beispiel Jesu aber gut, dass grundsätzlich niemand verirrt allein gelassen werden sollte. Und vielleicht kann ich ja einen Deal machen: Ich muss mich um ein paar Schafe kümmern, um die sich sonst andere kümmern. Und umgekehrt darauf vertrauen, dass jemand sich um meine abgetauchten Schafe kümmert.

Konkret: Ich hoffe einfach, dass vielleicht ein Nachbar mal über den Balkon eine Schülerin von mir fragt, wie es denn so mit der Schule läuft. Vielleicht passiert dann da etwas. Und ich nehme mir dafür mal mehr Zeit am Gartenzaun für den 80-jährigen Nachbarn, dessen Kinder und Enkel momentan nicht zu Besuch kommen können. Oder gebe dem Bettler an der Kirche etwas, dem die Spenden der Gottesdienstbesucher fehlen. Oder kaufe ein virtuelles Bierchen daheim bei einem meiner Lieblingslokale. Oder oder. Wenn ich eins aus den letzten Wochen gelernt habe, dann ist es, dass sich viele Leute darum kümmern, dass möglichst Vieles weiter laufen und existieren kann. Großartig, dass viele in diesen Zeiten ihre Hirten-Qualitäten entdecken und sich kümmern – vielleicht auch um Schafe, denen sie sich sonst nicht gegenüber verpflichtet gesehen hätten. Und da kann ich mitmachen. Und dann vertrauen, dass auch jemand an meine verirrten Schüler denkt.

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