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Kirche in WDR 5 | 25.09.2019 | 06:55 Uhr

Von Bäumen: Der Kirschbaum

Guten Morgen! 

Die Lücke im Garten ist traurig.

Der Kirschbaum ist weg. 

Dieser schöne, hohe Baum mit der Schaukel. Als Kind saß sie immer darin.

Dann wurde die Schaukel zu einer Kletterhilfe.

Ihr Opa hatte ihr beigebracht, wie man darüber auf den Baum steigt. Er hat unten gestanden und hat ihr zugerufen, wie sie auf einen hohen Ast klettern kann.

Wenn der erste dicke Ast erreicht ist, ist es ganz einfach. Von da aus kommt sie mühelos so hoch sie will und setzt sich auf eine starke Astgabel.

Es macht sie jedes Mal glücklich, von hier oben einen anderen Blick auf die Welt zu haben.

Was waren ihre Eltern geschockt, als sie ihre Tochter da oben im Baum sitzen sahen.

Opa beruhigte alle: Wir machen das schon.

Seitdem ist der Baum ihr Zufluchtsort:

Abstand kriegen, alles von oben beobachten.

Mit den Amseln auf demselben Ast sitzen oder Ameisen auf der dunklen Rinde beobachten.

Oder Nachbarn erschrecken, die nicht mit einer Stimme aus dem Baum rechnen.

Hier oben ist Zeit zum Nachdenken, ohne dass jemand einem reinredet.

Hier muss sie nichts erklären, nicht Rede und Antwort stehen.

Kopfhörer rein und Musik hören.

Wenn es in der Schule gar nicht gut läuft und sie nicht darüber reden kann:  

In den Kirschbaum klettern und abhängen, das hilft.

Alles von oben sehen.

Warten bis es besser wird, überlegen, was sie tun kann.

Musik hören.

Solange auf dem Kirschbaum sitzen bis der Ärger verdampft ist. 

Wie beim König David, von dem sie im Religionsunterricht gehört hat. Zu ihm sagt der Prophet Samuel einmal: „Wenn du hörst, wie das Rauschen in den Wipfeln der Bakabäume einhergeht, so eile; denn dann ist Gott ausgezogen vor dir her.“ (2. Samuel 5,24)

Was ist richtig? Was kann ich tun? Darauf hoffen, dass Gott meinen Weg begleitet.

Zeit haben zum Hinhören, um von oben auf das Geschehene zu blicken.

Warten, bis aus dem Rauschen der Blätter eine Entscheidung fällig wird.

Irgendwann wird es wieder besser in der Schule und dann wird es Herbst.

In einer Sturmnacht kracht es im Garten. Der Kirschbaum ist morscher, als man von außen sehen konnte. Er liegt quer im Garten. Die Lücke im Garten ist für alle traurig.

Im Winter wird er zu Brennholz in ofenlange Stücke gesägt. In der Küche hängt jetzt ein Foto von ihr. Wie sie ganz oben im blühenden Kirschbaum sitzt. Ihr Opa hat darunter ein Gedicht der bekannten Dichterin Hilde Domin abgedruckt:

Sprecher/in:

„Du musst mit dem Obstbaum reden.

Erfinde eine neue Sprache,

die Kirschblütensprache,

Apfelblütenworte,

rosa und weiße Worte,

die der Wind

lautlos

davonträgt.

 

Vertraue dich dem Obstbaum an

Wenn dir ein Unrecht geschieht.

Lerne zu schweigen

In der rosa

Und weißen Sprache.“ (1)

Hilde Domins Worte tun allen gut. Natürlich kann ein Kirschbaum nicht reden. Alle spüren aber: Bäume verbinden uns mit Gottes Schöpfung. Wenn wir sie genau betrachten, merken wir: Uns verbindet der Geist Gottes, der uns und die Bäume geschaffen hat.

Im November pflanzt sie mit Opa einen neuen Kirschbaum und sagt:

„Wir brauchen doch einen, mit dem wir ohne Worte reden können.“


Blätterrauschen und Zeit zum Nachdenken wünscht Ihnen Ihre Viktoria Keil, Pastorin in Barntrup und Sonneborn.

Redaktion: Landespfarrerin Petra Schulze

( 1 ) Hilde Domin, Gesammelte Gedichte, S. Fischer, 2. Auflage 1987, Seite 174. 


 

 

 

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