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Das Geistliche Wort | 24.02. 2019 | 08:35 Uhr

„Von wegen - Schäfchen"

Lieber Schaf oder lieber Löwe zu sein? Diese Wahl fällt nicht schwer!

„Lieber ein Jahr wie ein Löwe als 100 Jahre wie ein Schaf!“, sagt ein italienisches Sprichwort. Keine Frage: Es klingt verheißungsvoller, ein Löwe zu sein. Immerhin: der Löwe ist der König der Tiere, hat eine stolze Mähne, ist prächtig und mächtig, eben ein gern gesehenes Wappentier. Mal ehrlich: Wer hat schon Mal einen Schafskopf in einem Wappen gesehen?

Liebe Hörerinnen und Hörer,

Löwe – klingt nach Durchsetzungskraft, Stärke, Selbstbewusstsein. Kann man heutzutage alles gut gebrauchen. Schön wär’s also. Als Christin oder Christ aber gehört man zu den Schäfchen, das ist mal sicher. Als Christ hat man schließlich immer nur mit Schafen zu tun. Das fängt schon in der Bibel an:

Von Löwen hört man vielleicht noch ein bisschen im Alten Testament. Da wird Juda – einer der zwölf Söhne Jakobs – Löwe genannt (vgl. Gen 49,9). Und Simson, der starke Richter Israels, zerreißt einen gefährlichen Löwen (Ri 14,5f). Und viel mehr gibt es da dann auch nicht. Kein Löwe als Symbol für die Stärke des Glaubens des Volkes Israel, kein König, der einem Löwen gleicht. Stattdessen viel, viel mehr Schafe. Zunächst mal sind von Abel über Abraham bis hin zu Mose alle Männer der Urgeschichte Israels Schafhirten oder haben zumindest große Schafherden. Danach wird in den Gesetzen Israels viel von Schafen als Opfertieren gesprochen. Und schließlich ist es eine Herde von Schafen, die in den Psalmen und bei den Propheten als Bild dafür dienen, wie oft sich die Menschen verlaufen – also von Gott abwenden –, um dann wieder von Gott gefunden und neu geleitet zu werden. Kennt man ja auch aus dem Neuen Testament: Jesus als der gute Hirt, der auch das letzte Schäfchen sucht, damit es bei ihm in Sicherheit ist. Die Israeliten wie auch die Christen – alles nur Schäfchen.

Musik: Quadro Nuevo – Hopp, mei Schimmerl (0:00 – 0:45)

Das mit den Christen als Schäfchen, das reicht von der Bibel bis in die Gegenwart hinein: Der Herr Pastor – lateinisch: der Hirte – hält die Schäfchen seiner Gemeinde zusammen, sagt ihnen, wo es in Sachen des Glaubens lang geht, und überhaupt sollte man als Christin und Christ ja schön nett zu allen anderen sein, von wegen Nächsten- und Feindesliebe. Christen sind halt keine Löwen. Und falls das noch eines Beweises bedarf mit dem Nett-Sein als liebes Schaf, muss man nur mal in die Evangelien schauen. Und den Spruch kennt wirklich jeder (Lk 6,29f):

„Dem, der dich auf die eine Wange schlägt, halte auch die andere hin, und dem, der dir den Mantel wegnimmt, lass auch das Hemd. Gib jedem, der dich bittet, und wenn dir jemand etwas wegnimmt, verlang es nicht zurück.“

Ja, das ist die christliche Lehre. Immer schön lieb sein, niemanden weh tun, fromm wie ein Lamm mit sich alles geschehen lassen und alles hergeben. Nicht, dass die Christen in 2000 Jahren immer so gehandelt hätten, sicher nicht. Da wurde auch viel weggenommen, geraubt und im Namen Gottes geplündert. Aber offiziell ist die christliche Ethik ja eine lammfromme, in der man sich nicht wehrt, sogar dem ärgsten Feind noch entgegen kommt. Ja, die Zeile findet sich da nämlich auch (Lk 6,35):

„Ihr aber sollt eure Feinde lieben und sollt Gutes tun und leihen, auch wo ihr nichts dafür erhoffen könnt. Dann wird euer Lohn groß sein.“

Also nicht nur, dass Christen etwas nicht zurückfordern sollen, was sich jemand geliehen hat, es wird noch ärger: Leihen soll man auch dann, wenn man schon ahnt, dass da wohl nichts mehr zurückkommen wird. Klingt danach, sehenden Auges in den eigenen Bankrott zu gehen. Es geht Jesus offensichtlich nicht darum, wie man seinen Reichtum sichert. Aber – er zeigt auch keinen Weg auf, schnellstmöglich bankrott zu gehen. Es geht ihm um nichts weniger als die Veränderung der Welt – damals wie heute.

Musik: Le Vent du Nord & De Temps Antan – La houlette / Binilin Dm (3:42-4:22)

Jesus geht es um die Veränderung der Welt. Aber was bestimmt denn diese Welt? Da sehe ich folgendes: Jedes Vierteljahr wieder der bange Blick auf die Zahlen: Wächst die Wirtschaft oder nicht? Alles andere als ein mehrprozentiges Wachstum wird als Niederlage angesehen. Der Reichtum muss größer werden. Und ähnlich geht es vermutlich den meisten Menschen, den meisten Haushalten in Deutschland auch: Es geht darum, mehr zu besitzen, mehr für sich, mehr für die eigene Familie, mehr für die eigene Firma oder Organisation. Und dabei ist wohl auch bewusst, dass es an anderer Stelle ein „weniger“ gibt, dass es andere gibt, die für sich, ihre Familie, ihr Dorf oder was auch immer weniger – manchmal zu wenig haben – hier oder anderswo in der Welt. Und das ist nicht gerecht.

Das Evangelium setzt daher auf Ausgleich. Dabei geht es nicht um Sozialismus, dass jede und jeder das Gleiche bekommt, es geht darum, mit dem eigenen Guthaben großzügig und barmherzig umzugehen, niemanden als Schuldner von sich abhängig zu machen, vielmehr denen zu geben, die es brauchen. Klingt einfach? Ist aber letzten Endes ein völliger Richtungswechsel. Ich häufe nicht das an, was ich mir – aus welchen Gründen auch immer – verdient habe, nein, ich behalte nur das, was ich wirklich brauche. Und damit bin ich wieder bei der Eingangsfrage, ob ich lieber Löwe oder Schaf sein will.

Man sollte dem Löwen kein Unrecht tun, aber der Ruf eines Löwen ist der, ein aggressives, raubendes und mächtiges Tier zu sein, das in seiner Umwelt mindestens respektvoll geachtet, eher aber gefürchtet wird. Und dieser Ruf wird nur zu gerne auf die menschliche Welt, übertragen. Nicht umsonst sichert man sich bei einem Geschäft sprichwörtlich den Löwenanteil, ist ein erfolgreicher Baulöwe oder ein umtriebiger Salonlöwe. Und daher wundert es nicht, dass der Löwe gerne in Wappen als Zeichen der Herrschenden vorkommt.

Der Ruf des Schafs ist dem völlig entgegengesetzt. Es ist das Opfer, das dem Löwen, Wolf, Bären oder sonstigem Raubtier weitgehend wehrlos ausgeliefert ist. Aber diese Beschreibung wird ihm nicht einmal ansatzweise gerecht. Schafe – so zeigen wissenschaftliche Studien – führen ein äußerst komplexes Sozialleben, besitzen ein gutes Gedächtnis und die Fähigkeit, Fehlentscheidungen zu korrigieren. So finden sich Schafe erstaunlich gut in Irrgärten zurecht und können sich an Wege noch nach Monaten erinnern, ebenso wie sie Farben, Formen und Gesichter unterscheiden und wiedererkennen können, selbst wenn sie ihnen vorher noch fremd waren. Eine Fähigkeit, die sonst nur Menschen und Primaten haben. Das Wichtigste bei Schafen aber ist, wie Forscher der Universität von Cambridge herausfanden: „Sie leben in einer ausgeprägten sozialen Hierarchie mit hoher Bindung, weil sie sich nur als Gruppe vor Räubern schützen können. Sie brauchen hoch entwickelte Gehirne, weil auch ihr soziales Zusammenspiel hoch entwickelt ist.“[1]

Schafe als intelligente, soziale Wesen, die gleichzeitig in ihrem Anspruch an Kost und Logis genügsam sind. Vielleicht sind sie der Bibel deshalb so wichtig, insbesondere den Evangelien, weil es Lebewesen sind, mit denen man eben nicht Macht und Stärke verbindet. Und wie die Schafe sollen Christinnen und Christen eben der Gewalt in dieser Welt nicht entgegen treten, indem sie selbst zurückschlagen. Denn das ist die schlichte, auf Dominanz beruhende Antwort auf Gewalt: Gegengewalt. Die intelligente, langfristigere Antwort ist, die Gewalt entgegenzunehmen, ihr nicht auszuweichen, aber sich von ihr auch nicht in der eigenen Lebensweise beeindrucken zu lassen. Mahatma Gandhi hat das erkannt und sehr erfolgreich in seinem gewaltlosen Widerstand betrieben.

Musik: Le Vent du Nord & De Temps Antan – 500 Hommes / Moonbeams (ab 3:06)

Gewalt, wie Jesus sie sieht, wird aber auch mit Geld ausgeübt: Menschen werden durch Geld unterworfen und versklavt. Und auch hier wieder: Die schlichte Antwort darauf, dass durch Geld Macht ausgeübt wird, ist selbst Geld und damit Macht anzuhäufen und in diesem Spiel mitzuspielen. Die intelligente und langfristige Antwort aber ist, aus diesem Wettbewerb auszusteigen, die Bedeutung des Geldes als Zeichen von Reichtum abzuwerten und es zu verleihen, zu verschenken und sich damit Freunde zu machen, wie es an anderer Stelle im Evangelium heißt. Dann, so verspricht Jesus, wird Folgendes passieren (Lk 6,37f):

„Erlasst einander die Schuld, dann wird auch euch die Schuld erlassen werden. Gebt, dann wird auch euch gegeben werde. In reichem, vollem, überfließendem Maß wird man euch beschenken.“

Hier geht es zwar noch um Geld – aber auch schon um viel mehr. Wer nicht mehr auf Besitz, Reichtum und Abhängigkeit durch Schulden setzt, der wird erst wirklich erfahren, was Geschenk ist – eben nicht Verdienst.

Mit Blick auf den Zustand der Welt, Gottes Schöpfung, die von uns Menschen nicht nur wie ein Garten gepflegt und genutzt wurde, sondern auch ausgeraubt und geplündert wird: Es ist höchste Zeit nach intelligenten und langfristigen Strategien zu suchen. Wie können ökonomische und militärische Machtentfaltung begrenzt werden, wie kann man sich Aggressivität, Diebstahl und Enteignung entgegen stemmen, wie kann man dem galoppierenden Konsum unserer Gesellschaft entgegen treten? Die Zukunft soll besser werden. Deswegen müssen Antworten auf diese Fragen her.

Ein letzter Blick noch einmal auf die Worte Jesu (Lk 6,35):

„Ihr aber sollt eure Feinde lieben und sollt Gutes tun. Und leihen, auch wenn ihr nichts dafür erhoffen könnt.“

So intelligent, so weit, so müsste man Christ sein: Weniger Löwe, mehr Schaf.

Herzlich grüßt sie aus Krefeld Christoph Buysch

Musik: Trio Dhoore – Gepetto/Pinocchio (ab 0:00)


[1] Zitiert nach Röhrlich, Dagmar, Der schärfste Verstand auf dem Bauernhof, auf: https://www.deutschlandfunk.de/der-schaerfste-verstand-auf-dem-bauernhof.676.de.html?dram:article_id=28208, zuletzt abgerufen am 17.02.2019.

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