Aktuelles

Beiträge auf wdr3 

evangelisch

Choralandacht | 09.05.2020 | 07:50 Uhr

Wachet auf, ruft uns die Stimme (eg 147)

Musik 1: Klavier instrumental. Titel: Wachet auf, ruft uns die Stimme, Komponist: Johann Sebastian Bach, Bearbeitung: Ferruccio Busoni, Interpret: Claudius Tanski, CD: Werke von Schubert, Schumann, Liszt und Bach|Busonie, Track 4, LC: Z2323,  WDR-Archiv-Nummer: 5023384104. (0:00-0:45)

Autor: Es ist März. Erst ein paar Wochen ist es her. Ich sitze in meinem Arbeitszimmer und schaue aus dem Fenster in meinen Garten. Die Sonne scheint. Schon verrückt. Die Welt draußen lockt mit schönstem Frühlingswetter, und ich bin im Haus. So geht es fast allen zu der Zeit. „Abstand halten“ ist die Losung der Tage.
Noch verrückter sind die Nachrichten. Ich sehe erwachsene Menschen, die sich um Klopapier streiten. In meinem Supermarkt um die Ecke sind die Regale auch leer. Hamsterkäufe sind schuld. Die einen schauen, dass sie ihre Vorräte möglichst üppig auffüllen. Andere gehen leer aus.

Vorräte haben. Sich vorbereiten. In der Bibel gibt es diese Geschichte. Matthäus hat sie in seinem Evangelium aufgeschrieben.

In einem Dorf steht eine Hochzeit an. Alles für das Fest ist vorbereitet. Und alle warten auf den Bräutigam. Zehn Jungfrauen werden geschickt, um ihn zu empfangen; jede mit einer Öllampe. Das war wohl so üblich. Andere Länder, andere Sitten. Als es immer später wird, schlafen die Frauen ein. Die Lampen gehen aus. Dann ruft einer: „Der Bräutigam kommt!“ Fünf der Jungfrauen haben vorausgedacht und zusätzliches Öl mitgebracht. Sie zünden ihre Lampen wieder an. Die anderen haben keinen Vorrat. Sie müssen erst Nachschub besorgen.

Sprecherin: Und als sie hingingen zu kaufen, kam der Bräutigam; und die bereit waren, gingen mit ihm hinein zur Hochzeit, und die Tür wurde verschlossen. Später kamen auch die andern Jungfrauen und sprachen: Herr, Herr, tu uns auf! Er antwortete aber und sprach: Wahrlich, ich sage euch: Ich kenne euch nicht. Darum wachet! Denn ihr wisst weder Tag noch Stunde. (Mt 25,10–13)

Autor: Ich muss schmunzeln. Wer hamstert ist also am Ende der Gewinner. Die anderen gehen leer aus. Da steht es also schwarz auf weiß, sogar in der Bibel. Aber stimmt das?

Musik 2: Choral 1. Strophe: Titel: Wachet auf, ruft uns die Stimme, Track 2, CD: Lob, Ehr und Preis sei Gott, Interpreten: Vocal Concert Dresden, Leitung: Peter Kopp, Orgel: Sebastian Knebel, Hersteller: Edel Germany GmbH, Label: BERLIN Classics, LC-Nr.: 06203.

Sprecherin (overvoice):  „Wachet auf,“ ruft uns die Stimme. Der Wächter sehr hoch auf der Zinne, „Wach auf du Stadt Jerusalem! Mitternacht heißt diese Stunde!“ Sie rufen uns mit hellem Munde: „Wo seid ihr klugen Jungfrauen? Wohlauf, der Bräut’gam kommt, Steht auf, die Lampen nehmt! Halleluja! Macht euch bereit zu der Hochzeit; Ihr müsset ihm entgegengehn!“ (2:07-3:15)

Autor: Der Pfarrer und Hofprediger Philipp Nicolai dichtet und komponiert zur Geschichte der Jungfrauen 1599 diesen Choral. Er schreibt das Lied zu einer Zeit, in der eine große Pest-Epidemie wütet. Als Pfarrer im westfälischen Unna muss er täglich bis zu 30 Menschen bestatten. 1400 Gemeindemitglieder sterben an der Pest; darunter auch die beiden Schwestern von Philipp Nicolai. Angesichts von so viel Schmerz und Leid, schreibt er ein Wächterlied vom Ende der Welt. Den Fokus setzt der Lieddichter ganz auf die klugen Jungfrauen. Mitten in Pest und Tod ist seine Botschaft deutlich: Haltet euch bereit!

Musik 2: Choral 2. Strophe.

Sprecherin (overvoice):  Zion hört die Wächter singen. Das Herz tut ihr vor Freude springen. Sie wachet und steht eilend auf. Ihr Freund kommt vom Himmel prächtig, von Gnaden stark, von Wahrheit mächtig; Ihr Licht wird hell, ihr Stern geht auf. Nun komm, du werte Kron, Herr Jesu, Gottes Sohn! Hosianna! Wir folgen all zum Freudensaal und halten mit das Abendmahl.(3:59-5:10)

Autor: So langsam wird auch mir in meinem Arbeitszimmer an diesem sonnigen Frühlingstag klar, dass es hier nicht um Hamsterkäufe geht. Eher um einen Vorrat an Vertrauen oder an Hoffnung, wenn die Zeiten ernst sind.

Jesus liebte Vergleiche in seinen Geschichten. Wer ist der Bräutigam, wer sind die Jungfrauen? Wofür steht das Öl, das die einen haben und die anderen nicht? Philipp Nicolai löst eines der Bilder aus dem Gleichnis direkt auf.

„Nun komm, du werte Kron, Herr Jesu, Gottes Sohn“. Derjenige, der kommt, auf den alle warten, der Bräutigam, ist Jesus Christus, der Sohn Gottes. Auf ihn warten die Jungfrauen. Auf ihn sollen sie vorbereitet sein. „Hosianna“ lässt Nicolai sie rufen. Als Jesus an Palmsonntag, fünf Tage vor der Kreuzigung, auf einem Esel nach Jerusalem hineinreitet, rufen die Menschen: „Hosianna dem Sohn Davids! Gelobt sei, der da kommt in dem Namen des Herrn! Hosianna in der Höhe!“ (Mt 21,9).

„Wir folgen all zum Freudensaal und halten mit das Abendmahl,“ dichtet Philipp Nicolai. Die Gemeinde, die den Choral im Gottesdienst singt, darf sich bei den klugen Jungfrauen einreihen und mit hineingehen zur Hochzeit im Freudensaal.

Musik 3: Choral 3. Strophe, Titel: Wachet auf, ruft uns die Stimme, Komponist: Philipp Nicolai, Text: Philipp Nicolai, Interpret: Solistenensemble, Leitung: Gerhard Schnitter, CD: Was Gott tut das ist wohlgetan, Track 14, Verlag: Hänssler, Label: SCM Hänssler, LC: 07224.

Sprecherin (overvoice): Gloria sei dir gesungen, mit Menschen- und mit Engelzungen, mit Harfen und mit Zimbeln schön. Von zwölf Perlen sind die Tore, an deiner Stadt; wir stehn im Chore. Der Engel hoch um deinen Thron. Kein Aug hat je gespürt, kein Ohr hat mehr gehört, solche Freude. Des jauchzen wir und singen dir das Halleluja für und für. (6:32-7:59)

Autor: „Gloria sei dir gesungen“. Das Gloria, der Gesang der Engel, den ich auch aus der Weihnachtsgeschichte kenne, wird nun von Menschen und Engeln gemeinsam gesungen. Menschen und Engel, Himmel und Erde sind vereint.

Zurück in meinem Arbeitszimmer bin ich in Gedanken wieder bei den Jungfrauen. Philipp Nicolai hat mich in seinem Choral erst auf die Seite der klugen Jungfrauen geholt und später hinein in den himmlischen Chor mit den Engeln. Und doch hänge ich noch bei den Törichten. Den anderen Jungfrauen, die keine Vorräte hatten und außen vor geblieben sind. Mir geht es doch im Leben immer wieder auch wie ihnen. Wenn ich eine Gelegenheit verpasse; wenn ich sehe, dass immer andere schneller sind als ich; wenn ich im Supermarkt vor leeren Regalen stehe und denke, das Hamstern vielleicht doch die bessere Entscheidung gewesen wäre.

„Darum wachet!“ sagt Jesus im Matthäusevangelium. Das Gleichnis und der Choral zeigen mir, dass es um etwas völlig anderes geht. Einen wachen Geist soll ich haben. Empfindsam sein für den Bräutigam, für Jesus Christus, der mir in der Welt auf so unterschiedliche Weise begegnen kann: In Geschichten und Liedern, in einem anderen Menschen, in Liebe und in Solidarität. 

„Darum wachet!“ Wenn die Zeiten ernst sind, habt einen Vorrat an Vertrauen und an Hoffnung!

Musik 1: Klavier instrumental  (8:54-9:40)

Quellen:

Thust, Karl Christian: Die Lieder des Evangelischen Gesangbuchs. Band I: Kirchenjahr und Gottesdienst (EG 1–269). Kommentar zu Entstehung, Text und Musik. Kassel 2012. Art. 147 Wachet auf, ruft uns die Stimme. S. 258–262.

 

Redaktion: Landespfarrer Dr. Titus Reinmuth

 

evangelisch
Abspielen
evangelisch
Abspielen
evangelisch
Abspielen
evangelisch
Abspielen
evangelisch
Abspielen
katholisch
Abspielen
katholisch
Abspielen
katholisch
Abspielen
katholisch
Abspielen
katholisch
Abspielen
katholisch
Abspielen
evangelisch
Abspielen
evangelisch
Abspielen
evangelisch
Abspielen
evangelisch
Abspielen
evangelisch
Abspielen
evangelisch
Abspielen
katholisch
Abspielen
katholisch
Abspielen
katholisch
Abspielen
katholisch
Abspielen
katholisch
Abspielen
katholisch
Abspielen
evangelisch
Abspielen
evangelisch
Abspielen
evangelisch
Abspielen
evangelisch
Abspielen
evangelisch
Abspielen
katholisch
Abspielen
katholisch
Abspielen