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Das Geistliche Wort | 29.11.2020 | 08:40 Uhr

Warten worauf?

Na, wer wartet schon gerne? Ich jedenfalls nicht! Ob im Stau auf der Autobahn, an der Supermarktkasse, am Bahnsteig oder im Wartezimmer beim Arzt. Es fängt schon damit an, eine Nummer zu ziehen, wie vor einiger Zeit im Einwohnermeldeamt, wo ich nur meinen Personalausweis neu beantragen wollte. Ich stierte auf die Nummernanzeige, und es dauerte und dauerte, bis ich an der Reihe war. Und immer höher stieg mein Ärger: Warum kann man das nicht besser organisieren? Können hier nicht mehr Leute arbeiten? Was hat das mit Bürgerservice zu tun? Ich hätte laut losschreien können. Habe ich natürlich nicht. Das passiert eher beim Stau im Auto, wenn ich alleine bin. Warten ist nicht meine Stärke. Dabei gehört Warten zum Menschsein dazu, weil nicht alles immer jetzt und gleich zu haben ist. Warten hat mit Geduld zu tun und ist immer auf ein Ziel gerichtet – es fragt sich nur, auf welches.

Guten Morgen!

Warten an sich ist kein Selbstzweck. Es ist auf ein Ziel gerichtet, das ich erreichen will. Und so gibt es die unterschiedlichsten Ziele, die wie Verheißungen sind von etwas, was noch nicht da ist: Ich warte auf eine Bestellung, die mich erfreuen soll, oder auf einen Arzttermin, damit mir geholfen wird. Ich warte auf meinen Personalausweis oder auf den nächsten Urlaub. Aktuell wartet wohl die ganze Menschheit auf den Einsatz eines Impfstoffes gegen das Corona-Virus, damit wieder normaleres Leben möglich wird. Werdende Eltern warten auf die Geburt ihres Kindes, alte oder kranke Menschen warten vielleicht sogar auf den Tod. Ich muss da an meinen Onkel denken, der im Alter zusehends erblindete und dessen Lebensradius immer kleiner wurde. Als er freiwillig ins Altenheim ging, weil er nach dem plötzlichen Tod seiner Lebenspartnerin nicht mehr alleine zurechtkam, verblasste auch sein Lebenswille: Er wartete auf sein Lebensende, damit es ihm letztlich besser gehen möge.

Egal, was es auch ist: Beim Warten steht immer ein Ziel vor Augen. Wenn das Ziel etwas ist, das mich erfreut, dann erlebe ich Warten als Vorfreude, ganz positiv. Wenn das Ziel mich aber beängstigt, etwa eine lebensgefährliche Operation, dann kann Warten zur Qual werden. In beiden Fällen gilt allerdings: Warten verlangt Geduld.

Aber, so frage ich mich, warum wächst eigentlich der Ärger bei längerem Warten, warum steigen die Aggressionen auf, je länger es dauert, ans Ziel zu kommen und die Erfüllung einer Verheißung zu erlangen? Warum fällt es mir so schwer abzuwarten, auch wenn das Ziel durchaus erfreulich ist, auf das ich warte?

Ich erkläre mir das folgendermaßen: Warten zeigt Ohnmacht. Mit dem Warten auf ein bestimmtes Ereignis – ob positiv oder negativ – wird mir mehr oder weniger bewusst, wie begrenzt und auch wie verletzlich ich bin. Ich kann eben den Stau nicht beenden, in dem ich stecke. Ich kann die Produktion eines Impfstoffs nicht beschleunigen. Ich kann eine ersehnte Begegnung nicht erzwingen. Und – das ist vielleicht noch viel bedrückender: Ich kann manchen Ereignissen nicht ausweichen, wie dem zu erwartenden Tod. Kurz: Beim Warten erfahre ich meine Ohnmacht.

Es ist letztlich das Gefühl, ausgeliefert und fremdbestimmt zu sein. Gerade die Erfahrung der eigenen Ohnmacht bei Einschränkungen trifft ja umso härter, je mehr ich es gewohnt bin, mein Leben selbst zu bestimmen. Und da bin ich – Jahrgang 1963 – in unserem Kulturkreis bisher sehr verwöhnt worden und konnte viele Freiheiten wie selbstverständlich genießen: Ich konnte unbeschwert aufwachsen, mich frei entfalten und musste nicht unter den Entbehrungen eines Krieges oder einer Verfolgung leiden. Ich lebe in einem politischen System, das Meinungsfreiheit sehr hoch schätzt und nicht sofort verfolgt, wenn es systemkritisch wird. Ich konnte meinen Beruf selbst wählen, genieße Reisefreiheiten usw. Massive Zwänge, die mein Leben außergewöhnlich einschränken, kenne ich eigentlich nicht aus eigenem Erleben.

Wenn dann aber Einschränkungen geschehen, wenn persönliche Freiheiten beschnitten werden, wie jetzt durch den zweiten Lockdown, die zum Warten auf bessere Zeiten zwingen, dann kann das Warten einem zusetzen oder sogar krank machen. Bei manchen führt das Warten bis zur nicht tolerierbaren Aggressivität. Einschränkungen ausgeliefert zu sein, eigene Grenzen zu erfahren, Ohnmacht zu spüren, das kann zermürben – und das fängt schon bei den vielen kleinen und unbedeutenderen Erfahrungen an wie etwa dem Warten im Stau.

Übrigens steht der Ohnmacht beim Warten auch die Macht des Warten-Lassens gegenüber. Der Vorgesetzte, der mich trotz abgesprochenen Termins unnötig warten lässt, lässt mich damit auch spüren, dass er wichtig ist und ich unwichtig bin. Kommunikation auf Augenhöhe fängt eigentlich anders an. Kein Wunder, dass beim Warten in den Vorzimmern Ängste wie Aggressionen entstehen.

Warten und warten lassen. Das erzeugt nicht selten Ängste, Aggressionen gar, Frustrationen aufgrund erfahrener Ohnmacht. Aber bin ich dem einfach nur ausgeliefert? Lässt sich das Warten auch gestalten, lässt sich Ohnmacht umwandeln, gar überwinden? Ich bin kein Psychologe, der Tipps geben kann, wie ich eigene Grenzen besser akzeptieren kann, um aus Angst, Aggression und Frustration herauszukommen angesichts erfahrener Ohnmacht. Aber ich bin christlicher Theologe und Ordensmann, der religionsgeschichtlich auf das Warten schaut. Und da gibt es in der jüdisch-christlichen Tradition viel zu entdecken und vielleicht auch etwas zu lernen im Umgang mit dem Warten.

Warten ist wohl ein Kennzeichen von Religion, weil Religion immer auch etwas verheißt, was noch nicht da ist. Und damit ist man beim Warten – solange, bis eine Verheißung sich erfüllt.

Schon das Alte Testament ist voller Verheißungen und damit voller Geschichten, bei denen es ums Warten geht. Noah in der Arche war verheißen worden, die Sintflut zu überleben und so musste er warten, bis das Wasser nach dem Regenfall zurückgeht. Abraham waren zahlreiche Nachkommen verheißen worden, und er musste lange auf einen Sohn warten. Das Volk Israel war der Auszug aus Ägypten verheißen worden, um in ein Land zu gelangen, wo Milch und Honig fließen. Das Volk zog los. Und wie es erzählt wird, dauerte die Wanderung vierzig Jahre und ging durch die Wüste, wo das Volk immer wieder rebellierte und sich aggressiv gegen Gott stellte, bis es schließlich im verheißenen Land ankam. Jahrhunderte später geschah eine Verschleppung der Israeliten nach Babylon, wo auch eine Rückkehr verheißen wurde. Das Volk musste Generationen warten, bevor es später nach Israel zurückkehrte.

Schließlich wurde angesichts der immer wiederkehrenden Unterdrückung des Volkes die Geburt eines Retters verheißen, eines Messias. Der sollte als König kommen, um das Volk Israel zu befreien. Bis heute wartet das jüdische Volk auf diesen Messias.

Und das Christentum sagt, dass das Warten auf den Messias bereits zu einem Ende gekommen ist in der Gestalt des Jesus von Nazareth. Der Wiederum hat verheißen, dass er einmal wiederkommen wird am Ende der Zeiten. Und darauf warten die Christen bis heute. Manche Theologen sagen, dass bei der zweiten Ankunft Jesu sich die Verheißung für beide Religionen, für das Judentum und das Christentum gemeinsam erfüllen wird. Wer weiß? Auch darauf wird man warten müssen.

Wie sieht es aus, das Warten auf die Wiederkunft Christi am Ende der Zeiten? Löst dieses Warten noch eine Unruhe aus? Fühlen sich die Christen deswegen ohnmächtig, werden aggressiv oder sind gar frustriert? Ich habe eher den Eindruck, dass dieser Gedanke der Wiederkunft Christi ganz, ganz weit weggeschoben wird. Eigentlich spielt er keine Rolle – auch nicht in der heute beginnenden Adventszeit. Da steht im Vordergrund das Warten auf Weihnachten – also auf das erste Kommen Christi. Dazu wird trotz Corona-bedingten Einschränkungen einiges möglich sein: Angefangen von Kerzenschein über Plätzchenbacken und -essen sowie Geschenkekauf. Dieses Warten hat ja etwas Heimeliges. Und das ist gut und wichtig – gerade in diesen Zeiten. Aber die eigentliche Adventsidee im Christentum ist dadurch etwas zu überzuckert – so scheint mir. Immerhin klingt da auch noch das ernstere Thema an: Wiederkunft Christi, Ende der Zeiten. Aber wie damit umgehen?

Wenn überhaupt an ein Ende der Zeiten gedacht wird, dann doch eher in endzeitlichen Szenarien, bedingt durch Klimawandel und Umweltkatastrophen, von Menschen beeinflusst, oder hervorgerufen durch Pandemien. Und kein Wunder: Ein solches Ende zu erwarten, das berührt wieder die eigene Ohnmacht und löst Aggressionen und Frustrationen aus. Manche Menschen retten sich mit dem Gedanken, dass der Mensch durch Forschung, Entwicklung und Technik in der Lage sein wird, die Probleme, die er geschaffen hat und die anstehen, selbst zu lösen. Was aber, wenn der Wettlauf mit den Problemen scheitert, die Menschen mehr Probleme erzeugen, als sie lösen können, und damit die Welt selbst an ein Ende geführt wird?

Ich weiß, das sind schwierige Themen und Fragen. Und es gibt auch keine einfachen Lösungen und Antworten. Aber eines macht mir das Warten auch auf das Ende der Zeiten sehr bewusst, gerade jetzt im Advent mit der Erfahrung des Lockdowns: Ich muss lernen, meine Endlichkeit anzunehmen. Und ich muss akzeptieren, dass ich Grenzen habe, was ja auch befreiend ist: Denn weil ich begrenzt bin, kann ich auch nicht für alles verantwortlich sein. Wichtig allerdings sind mir dabei zwei Gedanken aus christlicher Perspektive:

1.    Ich glaube an einen Gott, der selbst Mensch geworden ist. Dessen erstes Kommen an Weihnachten wird jetzt im Advent ja erwartet. Und dieser Gottmensch Jesus Christus kennt auch das Warten und hat auch Grenzerfahrungen gemacht. Auch er hat seine Ohnmacht gespürt und wurde aggressiv, als er merkte, dass die Leute nichts von seiner Botschaft verstanden. Auch er hat seine Ohnmacht erfahren, als er auf seinen Tod wartete: angefangen beim Abendmahl über das Beten im Garten Getsemani vor seiner Gefangennahme bis zu den letzten Stunden am Kreuz. Gott, so denke ich, ist bis heute ein mit-wartender Gott.

2.    Und ein zweiter Gedanke, der sich daraus ergibt: Gott wartet auch jetzt noch, und zwar auf mich, d.h. auf jeden Menschen. Gott wartet – vielleicht ungeduldig, ohnmächtig und aggressiv oder frustriert. Aber er wartet noch, er erwartet mich. Und das lässt mich vielleicht etwas ruhiger werden, wenn ich über letzte Dinge nachdenke, zum Beispiel dann, wenn ich warten muss, oder auch jetzt im Advent.


Vielleicht gelingt es ja jetzt im Advent, das Warten neu zu entdecken – mit all seinen Schattierungen. Jedenfalls wünsche ich Ihnen ein Ziel, für das es sich zu warten lohnt. Aus Duisburg- Hamborn grüßt sie Pater Philipp Reichling.

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