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Das Geistliche Wort | 22.12.2019 | 08:40 Uhr

Warteschleife


Warten.

Hören Sie mir bloß auf damit: Warten gehört zu den Dingen, die mir nicht liegen.

Trotzdem bin ich manchmal zum Warten verdammt.

Die mit dem ungewissen „Warten“ ausgefüllte Zeit wird für mich klebrig und zäh wie Kaugummi.

Gerade wenn ich nicht weiß, was mich erwartet, kann das – bei mir – in körperliches Unwohlsein umschlagen. Dann beschleicht es mich: Ein flaues Gefühl, das aus der Magengrube und über meinen Rücken in mir hochsteigt: Angst und Anspannung.

Die Angst im Nacken. Der Ungewissheit ausgeliefert.

Warten ... Auf das erlösende Wort am Ende der mir auferlegten Warteschleife, die Stimme eines Arztes, die mir etwas mitteilen wird. Eine mögliche Diagnose zwischen existenzieller Bedrohung und einem erlösenden „Alles in Ordnung! Was haben Sie sich denn so verrückt gemacht?“.

Aber diese Zeit bis dahin ...

Mein Name ist Mathias Albracht und ich bin nicht so gut im Warten. Heute ist der vierte Adventssonntag. Es beginnen für viele Christinnen und Christen die letzten Tage der Warteschleife auf Weihnachten hin. 

Wie gesagt: Ich bin nicht gut im Warten.

Wer ist das schon? Und wenn’s schon sein muss, dann bin ich eher der Typ, der versucht sich abzulenken.

Ich denke, für Menschen wie mich fing man an, zum Beispiel Zeitschriften in Wartezimmern auszulegen.

Ich mag das Unverbindliche an den Zeitschriften. Seichte Berieselung mit Informationen ... Das lenkt mich ab.

Und ich mag es, wenn im Warten meine Gedanken und Sorgen sich zerstreuen können. Weg vom Warten und der bleiernen Schwere meiner Gedanken, Sehnsüchte und Befürchtungen. Weg vom ängstlichen „Was wäre, wenn...“. Weg von den Warteschleifen des Lebens. Ob im Wartezimmer, am Telefon, oder sonst wo...

Ich bin froh, das zu können. Und es ist auch in Ordnung, Ablenkung zu suchen. Nur muss mir klar sein: Mein Realitätsflucht bleibt was sie ist: Ausweichbewegung.

Und ich weiß mittlerweile sogar auch, bei allem Schönen und Erleichternden meiner gedanklichen Ablenkungsmanöver: Das Warten kann gut sein – und mir gut tun!

Bewusst wahrgenommenes Warten, das Aushalten in der Warteschleife kann mir sogar eine Schule sein.

Eine Schule und Vorbereitung auf die Unausweichlichkeiten meines Lebens.

Auf die harten Fakten, jenseits fröhlicher bunter Ablenkungen und Impressionen.

Heute ist der 22. Dezember.

Es geht auf Weihnachten und das Ende des Jahres zu. Menschen warten.

Vor allem auf Weihnachten, vielleicht aber auch auf einen guten Abschluss ihres Jahres, Test- oder Untersuchungsergebnisse, auf ein Wiedersehen mit vermissten Freunden und Verwandten, und sicherlich sehr viele vor allem auf Eines: Pause und Ruhe.

In den Kirchen: Vierter Advent. Die finale Runde im Warten auf Weihnachten.

Vier Wochen zelebrierte Warteschleife. Und das seit Jahrhunderten.

In der Liturgie der Kirche bedeutet das: Gemeinsames Warten und Meditieren uralter Schriften, der Verheißungen und Prophetien des Glaubens, die in der religiösen Warteschleife vor allem eins geben wollen:

Halt und Hoffnung. Hoffnung auf die letzte Antwort hin: Auf Gott selbst.

Der bewusst begangene Advent ist eine Schule des Wartens.

Die Musik einer Warteschleife, an deren Ende Gott sein Wort erhebt.

Und – wie es bei Johannes heißt: Dieses Wort wird Fleisch, wird Mensch. Ganz konkret. Das ist Weihnachten.

Und aus dem Advent wird so in dieser Perspektive eine Schule des Wartens.

Gott kommt den Menschen entgegen. Um meines Friedens willen.

Wie vielen Menschen, hilft es mir, für manche Dinge Vorbilder zu haben. Auch in Sachen Warten. Vorbilder machen mir Mut, Schritte auf meinem eigenen Weg zu gehen.

Wenn es um das adventliche Warten geht, ist mir der Jesuit und Märtyrer Alfred Delp ein Vorbild. Als Mitglied des Kreisauer Kreises im Widerstand gegen Hitler wurde Delp im Februar 1945 in Berlin-Plötzensee hingerichtet. Im Gestapogefängnis von Tegel schrieb er – wartend und im Advent seines letzten Jahres – die folgenden Sätze in einer Art geistliches Tagebuch:

 "Advent ist eine Zeit der Erschütterung, in der der Mensch wach werden soll zu sich selbst. Das erschütterte Erwachen gehört durchaus in den Gedanken und das Erlebnis des Advents. Aber zugleich gehört viel mehr dazu. Das macht ja die heimliche Seligkeit dieser Zeiten aus und zündet das innere Licht in den Herzen an, dass der Advent gesegnet ist mit den Verheißungen des Herrn. Gerade in der Herbheit des Aufwachens, in der Hilflosigkeit des Zusichselbstkommens, in der Erbärmlichkeit des Grenzerlebnisses erreichen den Menschen die goldenen Fäden, die in diesen Zeiten zwischen Himmel und Erde gehen und der Welt eine Ahnung von Fülle geben, zu der sie gerufen und fähig ist."[1]

Für mich sind das extrem dichte, bedeutungsvolle Sätze, deren Dramatik und innere Spannung sich aus dem Umstand erklären, dass Delp sie im Angesicht seines eigenen Todes schreibt.

In seiner letzten Warteschleife. Seinem Advent.

Angetrieben von der Hoffnung, dass am Ende eine Stimme das Schweigen und Warten durchbricht und die Ungerechtigkeit und der Terror dieser Welt nicht das allerletzte Wort haben werden.

Sein Advent: Wach werden und aufmerksam werden.

Delp schreibt über den Advent im Angesicht seines eigenen Todes. Sie gehen mir durch Mark und Bein. Gerade wegen ihrer Zuversicht. Ein mutiger Advent.

Mir helfen seine Worte, das Warten neu und positiv zu verstehen, gerade dann, wenn ich der Ungewissheit, den Bedrohlichkeiten der Welt nicht mehr aus dem Weg gehen kann, wie ich es vielleicht sonst lieber täte.

Alfred Delp ermutigt mich, ein Suchender und Betrachtender zu bleiben und mehr noch: Ein Staunender zu werden. Nicht mehr stehen zu bleiben, bei den eigenen Kümmernissen, sondern nach den „goldenen Fäden“ zu suchen, die mehr verheißen als alles hier und jetzt.

Und auch, wenn meine großen und kleinen Bedrängnisse zu seinem Schicksal in kaum einem Verhältnis stehen:

Ich will mich von seiner sicheren Hoffnung leiten und inspirieren lassen. Denn es gibt sie, diese Fäden, in Delps eigenen Worten „die goldenen Fäden“, zwischen Himmel und Erde und sie spannen sich quer durch meinen Alltag. Ich muss sie nur erkennen.

Was auch immer diese Fäden sind: Konkrete Personen, Menschen – die mir zuhören und nachfragen, kleine Aufmerksamkeiten, einfache, ehrliche Worte, andere Blickwinkel, Bilder und Klänge. – Sie weisen für mich über das Unausweichliche, über die Warteschleife hinaus – auf Gott, der vor und nach allem war, ist, und sein wird.

Ich muss nicht immer der Mutigste zu sein, wenn ich die Hoffnung in mir trage, dass die zähen Warteschleifen meines Lebens nicht das letzte Wort haben werden.

Der Schrecken des Wartens, er hat in Gottes Welt nicht das letzte Wort. Das letzte Wort hat Gott und das letzte Wort ist Gott. Und er will mir in den goldenen Fäden des Advents entgegenkommen. Damit ich durch sie Mut und Hoffnung für meinen Lebensweg sammeln kann: Eine Art geistlicher Proviant.

Auch wenn ich den Warteschleifen nicht entkommen kann: Ich will in ihnen etwas tun, das ich gut kann. Ausschau halten und hinhören, nach kleinen Gesten und Worten, nach Menschen, die mir guttun. Nach meinen goldenen Fäden zwischen Himmel und Erde, die mir Kraft geben, weiter zu machen. Und das Warten auszuhalten

Und ich will von diesen, meinen goldenen Fäden reden. Damit auch andere den Blick heben können und ihre eigenen Fäden suchen und finden können. Damit auch andere Menschen mit mir glauben können: Gott kommt uns Wartenden entgegen. Er hilft uns, die Warteschleifen des Lebens zu durchstehen. Gerade wenn er weiß, und gerade weil er weiß, dass ich, dass viele von uns nicht gut im Warten sind.

Gerade deswegen will er selbst meine Perspektive sein.

Er ist das goldene Licht, aufdass die goldenen Fäden Delps hinauslaufen und aus dem sie in diese Welt hinein wehen.

Und so sagt es Alfred Delp noch einmal: „Die Welt ist mehr als ihre Last und das Leben mehr als die Summe seiner grauen Tage. Die goldenen Fäden der echten Wirklichkeit schlagen schon überall durch.“[2]

Besonders jetzt, in den letzten Tagen des Advents und dieses Jahres, wünsche ich Ihnen, liebe Hörerinnen und Hörer, offene Ohren, Augen und wache Sinne, dass auch Sie mit mir goldene Fäden in den dunklen Tagen erkennen mögen.

Die im Warten und Hoffen der Welt himmelwärts zeigen.

Machen wir uns gemeinsam auf die Suche.

Kommen Sie gut durch diese Tage.

Ihr Mathias Albracht aus Münster

 

[1] A. Delp: Im Angesicht des Todes. Herausgegeben von Andreas R. Batlogg und Richard Müller (= Ignatianische Impulse 21). Würzburg 2007, 17f.

[2] R. Bleistein (Hg.): Alfred Delp, Gesammelte Schriften. Band IV: Aus dem Gefängnis. Frankfurt 1982-1988, 154f.

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