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Kirche in WDR 5 | 13.09.2021 | 06:55 Uhr

Wasser auf die Seile

Wer schon mal eine Führung über den Petersplatz in Rom gemacht hat, kennt wahrscheinlich die Geschichte von dem Seemann aus Ligurien. Sie hat sich an einem Septembertag zugetragen, im Jahr 1586. Damals war ganz Rom auf den Beinen. Holztribünen wurden auf dem Platz vor dem Petersdom aufgebaut und alle starrten auf die Mitte. Dort lag er: Der Vatikanische Obelisk. Kaiser Caligula hatte den aus Ägypten her schiffen lassen und dann stand er lange auf der Mittelmauer von jenem Circus, in dem der Apostel Petrus seinen Tod fand. Der Obelisk war also so etwas wie ein stummer Augenzeuge des Martyriums von Petrus. Dann aber: jener Septembermorgen des Jahres 1586. Papst Sixtus V. will diesen Obelisken an einer neuen Stelle aufrichten: vor dem neugebauten Riesen-Dom, dem Petrus-Grab. Aber: Seit der Antike hatte das keiner mehr gemacht, so einen riesen Stein unfallfrei aufzurichten. Das Vorhaben muss unbedingt gelingen: Der Mega-Obelisk soll von Rom aus auch ein Signal an die Protestanten schicken: Seht her, wir haben den besten Draht zu Gott. Wir bekommen das hin – mit Gottes Hilfe.

Und so erlässt Papst Sixtus ein Verbot an alle Schaulustigen: Muxmäuschenstill muss es sein. Zwischenrufe sind bei Todesstrafe untersagt. Und so ist der Petersplatz an jenem Septembermorgen zwar gerammelt voll, aber still. Und das Schauspiel nimmt seinen Lauf: 220 Meter lang sind die Seile, um den 25 Meter hohen und 300 Tonnen schweren Koloss aufrecht zu setzen. 40 Flaschenzüge und Winden sind im Einsatz. 900 Männer am Werk. Dann erschallt das verabredete Trompetensignal. Pferde ziehen, die Winden ächzen, die Seile sind auf Spannung. Und plötzlich: ein Schrei: „Wasser auf die Seile!!!“ Ein Seemann aus Ligurien sieht, was sicher viele auf dem Platz auch feststellten: Dass die Seile verdächtig qualmen durch die erzeugte Reibung. Aber: Von allen Beteiligten ist der Seemann der einzige, dem es zu viel wird. Er setzt sich über das Verbot hinweg und nimmt die Todesstrafe in Kauf. „Wasser auf die Seile“ – will sagen: kühlt die Taue, sonst fangen die an zu brennen und das Ding kippt um.

Sofort wird Wasser geholt, die Seile halten, der Obelisk steht bis heute. Und der Seemann aus Ligurien? Wurde keinen Kopf kürzer gemacht. Mehr noch: Seine Familie behielt bis zum 2. Vatikanum das Privileg, als „päpstlicher Hoflieferant“ die Zweige für die Palmprozession zu stellen.

Vielleicht haben Sie schon einmal diese Geschichte gehört, als Sie am Peterplatz standen – mir erging es so, als ich als Jugendlicher meine erste Romwallfahrt gemacht habe.

Und was jetzt noch kommen muss, ist natürlich die Moral von der Geschichte. Nun ja, das ist ja offensichtlich: der Seemann aus Ligurien hatte eine Lösung parat. Er konnte nicht mitansehen, wie dieses Projekt scheitert. Und so setzt er sich über ein Verbot hinweg, um größeren Schaden zu vermeiden. Güterabwägung nennt man das. Der Seemann hat ja nicht aus Lust am Geschrei seinen Mund aufgemacht, sondern aus Not.

Heute, im Jahr 2021 frage ich mich, wer wohl der Seemann aus Ligurien dieser Tage ist. Wer macht seinen Mund auf, um zu zeigen, dass in der katholischen Kirche gehörig etwas droht zu kippen. Und wissen Sie was? Ich dachte zuerst nicht an einen Mann, sondern an die Frauen von Maria 2.0. An eine Frau wie Sr. Corda aus Köln – eine tapfere Ordensfrau, die bis ins hohe Alter die hiesige Liebfrauenschule geleitet hat. Sie ist über 90 – sicher davor gefeit, Krawall schlagen zu wollen. Aber sie macht um ihrer Kirche willen den Mund auf in dieser Frauen-Bewegung, die lautstark von der Kirche fordert, dass sie sich bewegt: in Sachen Gleichberechtigung, in Sachen Gerechtigkeit für die Missbrauchsopfer, in Sachen Diskriminierung von Homosexuellen. Bei all den Zwischenrufen dieser Frauen, höre ich jedes Mal dieses „Wasser auf die Seile“ mit, das einst auf dem Petersplatz zu hören war.

Sicher: die Frauen von Maria 2.0 riskieren nicht die Todesstrafe. Aber ich ahne: die Männer in der Kirche riskieren viel, wenn sie sich noch länger leisten, diese Zwischenrufe als störend zu überhören.

Kommen Sie gut in diese Woche! Aus Köln grüßt Sie, Klaus Nelißen      

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