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Kirche in WDR 5 | 20.06.2020 | 06:55 Uhr

Weltflüchtlingstag

Guten Morgen!

Wie ernst es ist, haben wir erst begriffen, als die Bilder von den Toten kamen. Vorher war das alles weit weg und ging uns nichts an – dachten wir, wenn wir überhaupt daran dachten. Aber dann kamen die Berichte aus Italien, und wir sahen die grauenhaften Aufnahmen von dort: Sarg an Sarg, ganze Alleen von Särgen. Und in jeder dieser Holzkisten, die eine wie die andere aussahen, lagen unverwechselbare Menschen mit einer unverwechselbaren Geschichte. Sie waren gestorben, waren erstickt, einsam, ohne Beistand. Ihre Angehörigen konnten nicht bei ihnen sein. Und jetzt konnten sie ihnen nicht einmal das letzte Geleit geben.

Man kann sie nicht wieder lebendig machen, so gern man möchte. Aber wenn diese vielen Toten in Italien eines vermocht haben durch ihr Sterben, dann einen heilsamen Schock auslösen. Sie haben uns aus unserer Gleichgültigkeit geholt. Es ist bitter, dass es oft erst Tote braucht und drastische Bilder, um zu verstehen, was nötig ist. Nicht nur einige, die man Gutmenschen nennt, haben es verstanden, sondern die Politik, quer durch alle Parteien, hat begriffen: Wir müssen handeln. Es geht um Leben und Tod. So etwas können, so etwas wollen wir in Europa nicht zulassen.

Hätte irgendjemand gedacht, dass das möglich sein würde, dass die Politik sich ganz auf eines konzentriert: Menschenleben retten, ohne Wenn und Aber. Alles tun für den Schutz der Schwachen. Was war da los, als jemand meinte, Leben sei relativ und die Toten wären über kurz oder lang sowieso gestorben.

Hätte irgendjemand gedacht, dass die Interessen der Wirtschaft auf einmal und unmissverständlich nicht mehr zählten, sogar um den Preis einer riesigen Rezession.

Hätte irgendjemand gedacht, dass die Produktion in den Fabriken umgestellt würde auf die Güter, die jetzt gebraucht würden, dass Gebäude, Zelte, Betten quasi aus dem Nichts beschafft würden.

Hätte irgendjemand gedacht, dass in den Krankenhäusern Operationen verschoben würden und Betten geräumt, um Platz für die Rettung der Opfer zu schaffen?

Hätte irgendjemand gedacht, dass für sie andere Grundrechte, die Gewerbefreiheit, die Bewegungsfreiheit, die Versammlungsfreiheit, ausgesetzt würden?


Und vor allem: Hätte irgendjemand es im Entferntesten für möglich gehalten, dass die Politiker, die so etwas tun, dafür regelrecht geliebt werden, dass ihre Umfragewerte explodieren.

Hätte irgendjemand gedacht, dass die Kirchen sogar ihre Gottesdienste ausfallen lassen, dass sie sich voll und ganz den Schutzmaßnahmen verpflichten und dass alle das gut finden und fast keiner meckert.

Hätte irgendjemand gedacht, dass eine ganze Gesellschaft sich einig ist: Wir dürfen die Schwachen und Gefährdeten nicht im Stich lassen. Wir verzichten auf viel, wenn nur eines geschieht: dass das Sterben aufhört, dass Leben gerettet werden, dass wir nie wieder so viele Särge sehen, hier, mitten in Europa. Nie wieder.


Manchmal sind die schlichtesten Sätze die überzeugendsten: Es geht um Menschenleben. Es geht um Leben und Tod. Jedes Leben zählt. Man kann viel, wenn man nur will.


Hätte irgendjemand gedacht, dass diese Erkenntnis so eine Rettungslawine auslösen würde?

Nein, gewiss nicht.

Und es ist auch nicht passiert. Damals, 2013, als die Sargalleen mit den Körpern der Ertrunkenen im italienischen Lampedusa aufgereiht standen und Europa schockierten. Aber nur für einen kleinen Moment.


Das macht mich nachdenklich, heute am Weltflüchtlingstag.


Einen gesegneten Tag wünscht Ihnen Pfarrerin Silke Niemeyer aus Lüdinghausen.




Redaktion: Landespfarrerin Petra Schulze

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