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Das Geistliche Wort | 30.05.2021 | 08:40 Uhr

(Wie) handelt Gott?

Dieser Beitrag enthält Musik, daher finden Sie hier aus rechtlichen Gründen kein Audio zum Nachhören.

  

Autor: Ein Pfarrer geht durch die Gemeinde und kommt an einem Haus mit einem wunderschönen Garten vorbei. Er spricht die Frau an, die gerade im Garten arbeitet: „Gute Frau, da hat der liebe Gott Ihnen aber ein echtes Paradies geschenkt!“ Die Frau wischt sich die Stirn und sagt: „Ja, Herr Pfarrer, aber Sie hätten das Paradies mal sehen sollen, als der liebe Gott sich noch ganz allein darum gekümmert hat!“

 

Wie handelt Gott in der Welt? Hat er diese Welt geschaffen und sie dann sich selbst überlassen – und das war’s dann? Oder kümmert er sich, greift er irgendwie in diese Welt ein? Oder handelt er durch Menschen, wie hier durch diese fleißige Frau, die den Garten so schön macht? Früher haben Menschen Gott in allem mehr oder weniger direkt am Werk gesehen: wenn die Sonne scheint oder wenn es regnet, in Blitz und Donner und Vulkanausbrüchen, in Krieg und Frieden, in Gesundheit und Krankheit: in all dem hat man Gott selbst handeln sehen, all das war Geschenk oder Strafe, Prüfung oder Zeichen. Wir sehen da heute manches anders. Wir wissen, wie Stürme oder Tsunamis entstehen. Wir wissen, dass da kein Gott seine zornigen Blitze vom Himmel schickt, sondern dass es da ganz natürliche, physikalische Ursachen gibt. Wir wissen, wie eine Pandemie entsteht, und dass auch Kriege nicht einfach „ausbrechen“ oder „gesandt werden“. Sondern dass es Menschen gibt, die sie planen, vorbereiten, an ihnen verdienen. Auch im Blick auf die Corona-Krise ist die Versuchung groß, zu deuten. Manche sagen: „Vielleicht ist Corona ja ein Fingerzeig Gottes, dass wir nicht so weitermachen können und dürfen wie bisher.“ Oder: „Vielleicht ist Corona das Immunsystem unserer Erde. Mit der sie sich gegen all die Bedrohungen und Verletzungen wehrt, die wir ihr zufügen.“ Für manche ist es verlockend, diese Krise so oder so zu deuten. Einen Sinn dahinter zu suchen. Aber es ist auch gefährlich. Denn Corona ist, was es ist: ein gefährliches Virus, ein Stück Natur – nicht mehr und nicht weniger.

Vieles, was früher Gott zugeschrieben wurde, sehen wir heute als von der Natur oder von Menschen verursacht. Und da stellt sich die Frage noch mal neu: Handelt Gott in dieser Welt?

 

Musik: Get lucky

Titel: Get Lucky; Komponist: Mark Knopfler; Interpret: Mark Knopfler; Album: Get Lucky (Bonus Track Edition); Label: 2009 Mercury Records Limited; LC: unbekannt.

 

Autor: Handelt Gott in dieser Welt? Wie kommen Menschen überhaupt dazu, an irgendeiner Stelle zu sagen: Gott hat gehandelt? Das ist ja nicht eindeutig und für alle sonnenklar. Es läuft doch so: Menschen erleben etwas. Und dann deuten sie dieses Erlebnis als eine Erfahrung mit Gott. Oder eben auch nicht. Wenn wir von Gottes Handeln oder von Gotteserfahrungen sprechen, reden wir nicht von Tatsachen, sondern von unseren Deutungen bestimmter Ereignisse.

 

Es gibt da diese Geschichte mit dem chinesischen Bauern: Dem Bauern läuft das Pferd weg, das einzige, das er hat. Das ist natürlich nicht schön – und die Leute deuten das entsprechend: Der arme Kerl ist irgendwie von Gott gestraft worden. Kurz darauf kommt das Pferd wieder und bringt noch andere mit – das ist natürlich super! Und auch das wird gleich gedeutet: Mensch, das muss ein Geschenk Gottes sein! Was ist der Mann gesegnet! Der Bauer sagt einfach nur: „Wer weiß...“ Dann macht sich der Sohn daran, die Wildpferde zuzureiten. Er stürzt schwer und bricht sich ein Bein. Wieder heißt es: Was für ein Unglück! Gott hat den Sohn gestraft. Bald aber werden alle Männer zu den Waffen rufen, weil Krieg ist. Nur nicht der junge Mann mit seinem verletzten Bein.

Spannend finde ich, wie der Bauer reagiert. Er sagt immer nur: „Wer weiß, was das bedeutet.“ Ich höre da erstens eine große Zurückhaltung heraus: Wir wissen einfach nicht sicher, was Gott mit dieser oder jener Situation zu tun hat. Und noch was steckt in der Antwort des Bauern: Wir sehen jetzt nur dieses schöne oder schlimme Ereignis. Aber wer weiß, was noch daraus wird! Das überschauen wir jetzt noch gar nicht. Ich denke an die evangelischen Pfarrkollegen Anfang der 1930-er Jahre, die Adolf Hitler als einen Gesandten Gottes gesehen haben. Die waren ernsthaft der Meinung, dass Gott in dieser Welt gehandelt hat, indem er Adolf Hitler schickte! Allein das lässt mich bis heute sehr vorsichtig damit sein, in einem politischen Ereignis unmittelbar Gottes Handeln zu sehen. Hätten diese Pfarrer damals doch genau wie der Bauer gesagt: „Wer weiß!“ Und kritisch hingeschaut, wie sich das entwickelt. Und vielleicht noch mal mit Hilfe der Bibel gefragt, wem sie eigentlich vertrauen und wem sie folgen sollen.

 

Musik: Trouble

Titel: Trouble (Apple Music Home Session); Komponist: Guy Rupert Berryman, Jonathan Mark Buckland, William Champion & Christopher Anthony John Martin; Interpret: James Bay; 2020 Republic Records, a division of UMG Recordings, Inc.; LC: 57251.

 

Wie handelt Gott in unserer Welt und in unserem Leben? Ich möchte diese Frage mal durchspielen an drei Beispielen. Das erste: Ich bin mit einem Freund auf dem Rückweg von Südtirol. Wir fahren fröhlich über die Autobahn. Plötzlich sehen wir hinter einer langgezogenen Kurve, dass einige Autos ineinander gefahren sind und kreuz und quer auf der Autobahn stehen. Mein Freund tritt auf die Bremse, reißt das Steuer hin und her und wir kommen in einer Slalomfahrt wie durch ein Wunder unversehrt durch diesen Unfall hindurch. Einen halben Kilometer weiter kommen wir erst mal auf dem Standstreifen zu stehen. Unser Herz rast. Wir sehen, dass die Polizei schon kommt. Und danken Gott auf Knien, dass uns nichts passiert ist.

Hat Gott in dieser Situation gehandelt? Und wenn ja, wie? Hat er quasi den Wagen gelenkt? Wir haben es fast so empfunden. Wir fühlten uns bewahrt. Und waren unglaublich dankbar dafür. Aber man muss doch dann weiterfragen: Wenn Gott uns bewahrt hat: Was ist mit denen, die nicht heil da rausgekommen sind?

 

Die zweite Situation: der ehemalige anglikanische Bischof von Newark, New Jersey, John Shelby Spong, schreibt in einem seiner Bücher von einer Erfahrung, die ihn sehr nachdenklich gemacht hat. Seine Frau war schwer an Krebs erkrankt. Und die Gemeinden in der ganzen Stadt hörten davon und beteten intensiv für sie. Die Fürbitte für Frau Spong wurde regelrecht organisiert. Sie wurde zwar nicht geheilt, aber sie lebte mit ihrer Erkrankung noch sieben Jahre. Die Spongs waren von Herzen dankbar: für jeden guten Tag, für die geschenkte Zeit, für die intensive und treue Fürbitte so vieler Menschen. Und mancher in der Gemeinde sagte: „Gott hat unsere Gebete erhört. Intensive Fürbitte ist eine Kraft, die mit Gottes Hilfe viel bewirken kann.“ Bischof Spong selbst war bei solchen Sätzen hin und hergerissen. Ein Teil von ihm konnte da von Herzen zustimmen. Aber ein anderer Teil fragte weiter: Was ist denn mit anderen, zum Beispiel mit der alten Frau, die weder Familie noch Freunde hat? Für deren Gesundheit niemand betet? Was ist mit den Menschen, gerade auch jüngeren Menschen, die krank werden und es nicht überleben? Obwohl für sie gebetet wurde? Hat Gott da nicht gehandelt? Hat er die Gebete nicht erhört? Oder waren es zu wenige Gebete? Oder waren sie nicht ernsthaft genug? Ab wie vielen Beterinnen und Betern reagiert Gott? – Schon entstehen ziemlich verrückte Gedankenketten. Natürlich kann ich Gott danken und ihn um Klarheit und Einsicht bitten. Er ist immer die Adresse für alles, was mich erfüllt und beschäftigt. Das bleibt. Auch wenn ich nicht sagen kann, was genau er mit diesem oder jenem Ereignis zu tun hat.

 

Drittes Beispiel: Eine Freundin erzählt mir davon, wie sie über lange Zeit dienstlich und auch persönlich sehr gefordert war. Sie sagt: „Ich habe gedacht, jetzt bist Du echt am Ende Deiner Kraft, jetzt kannst Du nicht mehr weiter. Und plötzlich spüre ich, wie Kraft in mich hereinströmt und mir in einer ganz wichtigen Situation weiterhilft. Und ich spüre genau: diese Kraft kommt nicht von mir.“ Ich selbst habe das auch schon erlebt. Und bin persönlich überzeugt: da hat Gott gehandelt. Oder: jemand erzählt mir im Gespräch, dass er mitten in einer ganz beängstigenden und kritischen gesundheitlichen Situation plötzlich das Gefühl hatte: Du wirst getragen. Egal was passiert, Du bist in guten Händen. Hier geht es nicht darum, dass jemand sicher bewahrt wird bei einem Unfall oder in einer Krankheit. Hier glauben Menschen: ich werde getragen oder ich bekomme Kraft – egal, wie es ausgeht.

 

Musik: Shawn Mendes, Mercy

Titel: Mercy; Komponist: Shawn Mendes, Teddy Geiger, Danny Parker & Ilsey Juber; Interpret: Shawn Mendes; Album: Illuminate (Deluxe); Label: Island (Universal Music); LC: 00407.

 

Handelt Gott in unserer Welt oder in unserem Leben? Ich glaube nicht, dass Gott in die Natur oder in äußere Ereignisse eingreift – quasi von oben herab. Aber ich glaube fest, dass er in den Herzen von Menschen etwas bewegen und verwandeln kann. Und dass diese Menschen dann wiederum bei sich selbst oder in der äußeren Welt etwas bewegen können. Auch in der politischen Welt. Der Ort, an dem Gott handelt, ist vor allem das menschliche Herz. Diese Erfahrung haben die Menschen der Bibel gemacht. Wenn etwa das Wort eines Propheten sie berührt oder aufgeweckt hat. Und gerade in der Begegnung mit Jesus müssen Menschen sehr deutlich gespürt haben: In diesem Menschen handelt Gott selbst. Der ist erfüllt von Gott. Wenn wir ihn hören, dann hören wir Gott. Wenn wir ihn Menschen heilen sehen, dann sehen wir Gott beim Heilen zu. Wenn wir erleben, wie er mit Menschen umgeht, dann sehen wir Gott am Werk. Er ist die wichtigste und klarste Antwort auf die Frage, wie Gott handelt. Diese Erfahrung wird am Ostermorgen noch einmal deutlich bestätigt. Durch die Kreuzigung Jesu schien ja alles widerlegt zu sein. In diesem Menschen handelt Gott? Eine Illusion, ein großer Irrtum. Und plötzlich begegnen die Jüngerinnen und Jünger Jesu dem lebendigen Jesus. Und sie haben keine Ahnung, wie das geht, genauso wie wir. Aber ihnen wird durch diese Begegnung völlig klar: Gott hat gehandelt! Das ist der Grund, warum die Jünger sich nicht in alle Himmelsrichtungen zerstreuen. Warum sie plötzlich angefangen, mutig und öffentlich genau davon zu erzählen. Das ist der Grund, warum sich bis heute Menschen von diesem Jesus von Nazareth bewegen und verändern lassen und selber offen werden für Gott und seinen Geist. Und das möchte ich gerne: Offen sein für Gott. Einen Gott, der nicht einfach in die äußeren Verhältnisse eingreift, auch wenn wir uns das oft so sehr wünschen. Aber der menschliche Herzen berührt und verändert und heilt.

Für die Coronakrise bedeutet das in meinen Augen: Es geht nicht darum, einem schlimmen Ereignis einen tieferen Sinn zu geben. Es geht darum, miteinander auszuhalten, dass die Dinge so sind wie sie sind. Das Leid auszuhalten, das viele Menschen jetzt unmittelbar betrifft. Die Einsamkeit, die Isolation, die Existenzängste miteinander zu teilen und zu lindern, so gut es geht. Und dabei offen zu bleiben für Gott, der uns berührt und verändert. Der in uns das Vertrauen weckt, dass diese schöne und verrückte Welt trotz allem in guten Händen steht. Und uns aus diesem Vertrauen heraus zu Werkzeugen seines Friedens machen kann. Bei allen kritischen Fragen: Das möchte ich gerne zulassen. Immer wieder.

 

Musik: Belief

Titel: Belief; Komposition: John Mayer; Interpret; John Mayer; Album: Continuum; Label: 2006 Aware Records LLC; LC. Unbekannt

  

 

Redaktion: Landespfarrer Dr. Titus Reinmuth 

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