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Kirche in WDR 3 | 14.07.2020 | 07:50 Uhr

Wörter wirken

Guten Morgen. Wörter wirken. Worte sind mächtig. Sie können mich verletzen, wenn sie wie Pfeile geschleudert werden, sie können mich für dumm erklären, wenn sie komplizierte Zusammenhänge plump vereinfachen, aber sie können auch unendlich guttun. Die richtigen Wörter zur rechten Zeit teilen Freude und Leid. Sie trösten und regen an, sie streicheln und ermutigen.


Auch dann, wenn Corona Hände lahmlegt. Einfach nur die Hand ausstrecken und die Bekannte damit begrüßen, geht seit Mitte März nicht mehr. Die Hand leicht heben und der Trauernden zum Trost auf die Schulter legen, geht nicht mehr. Eine Scheibe Brot anbieten, ein Liedblatt weitergeben, eine Sprudelflasche reichen und dadurch Kontakt herstellen – im Moment geht das nur mit den Menschen, mit denen ich zusammenwohne.

Meine Hände könnten Viren transportieren, auch wenn ich mich ganz gesund fühle.


Ein kurzes Gedicht von Rose Ausländer fiel mir im März in die leeren Hände:

Erbarme dich

Herr

meiner Leere.


Schenk

mir

das Wort
das eine Welt

erschafft. (1)


Ein Wort, das eine Welt erschafft, das spricht Gott einmal. Zur wüsten und leeren Erde spricht Gott: Es werde Licht! Und es ward Licht. (1. Mose 1,3) Ein Wort, das das Unheil abwendet, spricht Jesus, als ein zerstörerischer Sturm Wellen im See Genezareth aufwühlt. Sie bedrohen das Fischerboot. Da sagt Jesus zum Wind: Schweig! Verstumme! Und der Wind legt sich. (Markus 4,39) Ein heilsames Wort spricht Jesus zu dem Lahmen, der von seinen Freunden auf seinem Bett zu ihm gebracht wird. Jesus sagt: Steh auf, nimm dein Bett und geh heim! Und der Mann steht auf und nimmt sogleich sein Bett und geht hinaus. (Markus 2,11f.)

Rose Ausländer hat beim Dichten unter ihrer Leere gelitten. Das kenne ich: Ich will einen Beileidsbrief schreiben, ein Geschenk gestalten, einen Arbeitsauftrag im Homeoffice bewältigen, ein neues Spiel mit den Kindern ausprobieren, eine Andacht entwerfen, ein Meisterstück bauen, doch die zündende Idee bleibt aus. Nur Leere.
Da kommt Gott zum Tragen, hofft die Dichterin Rose Ausländer und bittet: Schenk mir das Wort, das eine Welt erschafft. Sie hat an vielen Orten gelebt, hat Polnisch, Deutsch und Englisch gesprochen, hat Todesnot im Konzentrationslager überlebt. Am Lebensende dichtet sie nur noch auf Deutsch. Findet ein Wort, von dem Energie ausgeht, fügt ein nächstes hinzu und eine Zeile entsteht. Sie streicht ein Wort aus und füllt die Lücke mit einem anderen, lässt weißen Raum für Stille, die spricht.

Viel kann aus Leere wachsen. Mit Gottes Hilfe. Und wenn ich aufmerksam wahrnehme, was mein Gegenüber sagt, wie sie die Worte ausspricht.

Wenn ich darauf im richtigen Rhythmus mit Worten reagiere, kann wie durch ein Wunder Nähe entstehen. Bewusster als sonst sage ich seit Mitte März im Gespräch: Ich freue mich mit dir. Ich spüre, dass du traurig bist. Ich bete für Sie.

Und wie gut tut es mir selbst, wenn ich Augen über einer Schutzmaske aufblitzen sehe und jemand mich fragt: Wie geht es Ihnen heute? Oder: Pass auf dich auf.

Das passende Wort für heute, das wünsche ich Ihnen.


(Ende WDR 4, Verabschiedung für WDR 3 und 5: )

Ich bin Pfarrerin Kathrin Koppe-Bäumer aus Meschede.




( 1 ) Raimund Hoghe: Wenn keiner singt, ist es still. Porträts, Rezensionen und andere Texte (1979-2019), Verlag: Theater der Zeit, 2019, ISBN-10: 3957492599.





Redaktion: Landespfarrerin Petra Schulze

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