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Sonntagskirche | 28.04.2019 | 08:55 Uhr

Zweifel ist der Bruder des Glaubens

Damals standen wir beide vor dem Kindergarten. Valentin und ich. Wir wollten unsere Kinder abholen. Doch Valentin wirkte so in sich gekehrt. „Was ist los?“ fragte ich. - „Mein Vater ist gestorben. Gestern. Ganz plötzlich.“ Betretenes Schweigen. Dann fügte er hinzu: „Der war immer für mich da.“ Wieder Pause. Darauf folgte ein knapper Satz: „Wenn ich doch wenigstens einen Glauben hätte, so wie Du.“

Ich erschrak. Klar, ich war Pastor. Aber hatte ich meinen Glauben wie einen Besitz, den ich vorzeigen könnte – so, wie ein Guthaben auf dem Konto? Ich war doch selber nicht frei von Zweifeln, dafür hatte ich viel zu oft mit verzagten und verzweifelten Menschen zu tun. Wie mit den Eltern, deren Baby plötzlich tot in der Wiege gelegen hatte. Nicht vollmundige Antworten wollten die Eltern von mir, sondern mein schlichtes Dabeibleiben in ihrem Schmerz.

In solchen Augenblicken erlebte ich, wie richtig das ist, was Erich Fried in diese Worte fasste:

Sprecherin:

Zweifle nicht an dem, der dir sagt, er hat Angst.
Aber hab Angst vor dem, der dir sagt, er kennt keinen Zweifel (1)

Merkwürdigerweise wächst mein Glaube mit den Zweifeln der Frauen und Männer, die sich damals um Jesus geschart hatten. Ihre Zweifel machen sie für mich glaubwürdig.

Großes hatten sie mit Jesus erlebt und noch viel Größeres erwartet. Und dann war er grandios gescheitert: Am Kreuz. Und nun widerfuhr ihnen Ostern: Der Gekreuzigte lebt, ist auferstanden von den Toten. Sie machen gar keinen Hehl daraus, wie diese Botschaft sie überrumpelte. Und wie Angst und Zweifel sie quälen.
Einer von ihnen, Thomas, auch Zwilling genannt, treibt’s auf die Spitze. „Ich kann’s nicht glauben, sagt er, „es sei denn, ich lege meinen Finger in Jesu Wunden.“

An Thomas habe ich gelernt: Zweifel ist nicht Unglaube, Zweifel ist geradezu der Zwillingsbruder des Glaubens. Ohne Zweifel ist der Glaube gar nicht zu haben. Der Zweifel zwingt mich, nachzufragen, nicht leichtfertig, nicht ohne Vernunft zu glauben. Das deutsche Wort drückt trefflich aus, was Zweifeln meint: Zwiespältig, hin-und hergerissen sein. Nur durch Zweifel hindurch kann sich eine Gewissheit entwickeln, die trägt.

Glauben ist ja nicht Fürwahrhalten. Glauben ist Vertrauen.

Auch das lerne ich von Thomas: Als acht Tage nach Ostern der auferstandene Christus mitten unter seine Jünger tritt, sagt der: „Friede sei mit euch!“ Und dann zu Thomas: Lege deine Finger in meine Wunden.
Doch ist das dem Thomas jetzt gar nicht mehr wichtig. Vertrauen ist ihm direkt ins Herz gefallen - allein schon, als Christus ihn anredete. Und Thomas stammelt und spricht aus, was vor ihm noch kein Mensch gesagt hat zu Christus: „Mein Herr und mein Gott.“

Ja: „Zweifle nicht an dem, der dir sagt, er hat Angst. Aber hab Angst vor dem, der dir sagt, er kennt keinen Zweifel.“

(1) Angst und Zweifel, in: 100 Gedichte ohne Vaterland, Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 1979, ISBN 10: 3-8031-2044-6

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