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Kirche in WDR 3 | 14.11. 2018 | 07:50 Uhr

„Die größere Gerechtigkeit“

Auge für Auge, Zahn für Zahn.“ Das ist die einfachste Methode, es jemandem heimzuzahlen. Wie du mir, so ich dir. Dann sind wir quitt. Ich gebe zu: Im Geheimen kommen auch mir manchmal solche Gedanken. Wenn man mir übel mitspielt, dann möchte ich mich wehren. „Auge für Auge, Zahn für Zahn“, das ist das alte Talionsgesetz. Von lateinisch talio, die Vergeltung, und ius, das Recht. Also ein Vergeltungsrecht. Religionsgeschichtlich war das ein riesiger Fortschritt. Denn vorher herrschte nur das Gesetz der Rache. Unrecht wurde mit noch größerem Unrecht vergolten. Die Spirale der Gewalt nahm kein Ende. Da war das altorientalische „Auge für Auge, Zahn für Zahn“ schon ein großer Gewinn. Ab jetzt wurde nur noch Gleiches mit Gleichem vergolten. Das war berechenbar, das erschien gerecht.

Als Christ glaube ich an Jesus, der die Spirale der Gewalt durchbricht. Und zwar durch Liebe. Das hört sich erstmal provozierend an, ja beinahe unmöglich, vielleicht sogar ein bisschen naiv. Aber es funktioniert! In der Bergpredigt lese ich von der größeren Gerechtigkeit. Und die besteht darin, es niemandem heimzuzahlen. Sondern lieber auszuhalten. Nicht vergelten, sondern standhalten, notfalls sogar im Leiden. Und dann darauf zu hoffen, dass der Täter sich gerade dadurch verändert. Unrecht erleiden ist jedenfalls besser als Unrecht tun.

Konkret hört sich das so an: „Ihr habt gehört, dass gesagt worden ist: Auge für Auge und Zahn für Zahn. Ich aber sage euch: Leistet dem, der euch etwas Böses antut, keinen Widerstand, sondern wenn dich einer auf die rechte Wange schlägt, dann halt ihm auch die andere hin“ (Mt 5,38-39). Wenn ich das lese, regt sich erstmal Widerstand.

Doch ich stelle mir das so vor: Wer mich auf die eine Wange schlägt, muss schon einiges an Aggression aufbringen. Er muss seine natürliche Abneigung gegen Gewalt überwinden. Und mir ins Gesicht schlagen. Wenn ich dann noch die andere Wange hinhalte, schlägt er vielleicht nicht mehr zu. Weil ihn sein Gewissen beißt, weil ein Rest von Menschlichkeit ihn am nochmaligen Zuschlagen hindert. Leider gab es und gibt es einige Menschen, die keine Hemmungen mehr haben; Täter und Attentäter, die ihre Macht und Gewalt geradezu genießen. Es gibt Folterer und Menschenschlächter, die an Brutalität nichts, aber auch gar nichts auslassen. Aber im Allgemeinen sind die Menschen nicht so. Normalerweise ist ein Täter schockiert, wenn sein Opfer sich nicht wehrt. Er ist verdutzt und denkt vielleicht nach.

Ich habe es ausprobiert, es geht. Ein Mensch lässt keine Gelegenheit aus, mir Knüppel zwischen die Beine zu werfen. Vordergründig geht es um sachliche Argumente. Aber eigentlich ist es ein Machtspielchen. Jemand benutzt seine Intelligenz, um mir eins auszuwischen. Ich ärgere mich darüber. Eigentlich möchte ich ihm so richtig die Meinung geigen. Denn ich vermute hinter seinem dreisten Ego ein ganz kleines, anerkennungsbedürftiges Menschlein, das sich aufbläht, um größer zu wirken als es ist. Ich meine: Wer nur als Sieger existieren kann, hat menschlich schon verloren.

Ich hätte große Lust, dieses Machtspielchen mitzumachen. Zum Beispiel durch ironische Bemerkungen, durch kleine Nadelstiche, gepiekt mit der Nadel, die ich im Heuhaufen seiner Fehler finde. Nicht „Auge für Auge, Zahn für Zahn“. Aber vielleicht „Wort für Wort, Bemerkung für Bemerkung“. Das aber tue ich einfach mal nicht. Denn die größere Gerechtigkeit besteht darin, dass ich freundlich bleibe. Ich halte ihn aus. Selbstverständlich wird mein Leben dadurch nicht einfacher. Aber ich lasse mich nicht zur Gewalt hinreißen, auch nicht mit Worten. Und wenn ich ihn nicht tragen kann, nicht ertragen, dann bete ich für ihn. Ein Mensch, für den ich gebetet habe, wird nicht mehr mein Feind sein.

Entwaffnung durch Gewaltlosigkeit, das ist die größere Gerechtigkeit. Ihre Meisterdisziplin ist die Feindesliebe. Dass diese Liebe auch Ihr Leben verändert wünscht Ihnen Pfarrer Stefan Jürgens aus Münster.

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