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Das Geistliche Wort | 06.09.2015 | 08:40 Uhr

Ein Leben auf der Grenze: Bärbel Wartenberg-Potter

Autorin: „Die Grenze ist der eigentlich fruchtbare Ort der Erkenntnis.“ So hat es der deutsche Theologe Paul Tillich Mitte des 20. Jahrhunderts in einem Buch geschrieben. Dieser Satz wurde zur Lebensphilosophie der Theologin Bärbel Wartenberg-Potter. Acht Jahre lang (2001-2008) war sie Bischöfin der Nordelbischen Evangelischen-Kirche für den Sprengel Holstein-Lübeck. Als Bischöfin wurde sie damals einer größeren Öffentlichkeit bekannt. Ein Vorbild war sie für viele aber schon früher.

Musik 1: Track 8 "Solo le pido a Dios" von CD "The Best of Mercedes Sosa", Interpretin: Mercedes Sosa, Text: León Gieco, Edit. Sadaic unter Mitarbeit von León Gieco (1982) PolyGram Discos S.A. 1997, LC 0268.

Autorin: Guten Morgen, mein Name ist Kerstin Söderblom, ich bin Pfarrerin und Studienleiterin im Evangelischen Studienwerk in Villigst, einem Begabtenförderungswerk der Evangelischen Kirche in Deutschland.

Zum ersten Mal gesehen habe ich Bärbel Wartenberg-Potter in Porto Alegre in Brasilien im Jahr 2006. Es war während der Vollversammlung des Ökumenischen Rats der Kirchen.

Zehn Tage hatten über 1000 Delegierte und über 3000 Kirchengesandte ganz verschiedener christlicher Konfessionen und Nationalitäten miteinander über theologische und kirchenpolitische Fragen debattiert. Sie haben miteinander gesungen, gefeiert und Gottesdienst gehalten.

Nach dem Schlussgottesdienst verabschiedeten sich viele Würdenträger zielstrebig aus dem Gottesdienstzelt und verschwanden. Anders Bischöfin Bärbel Wartenberg-Potter und ihr Mann Philipp Potter: Sie tanzten zu brasilianischen Sambarhythmen; direkt neben mir, mitten drin im Gewühl von singenden Menschen: schwarz, weiß, jung, alt, orthodox, lutherisch, reformiert, anglikanisch, methodistisch, mit oder ohne Rollstuhl, Hauptsache dabei.

Musik 2 = Musik 1

Autorin: Beim Tanzen lachte Bärbel Wartenberg-Potter Menschen um sich herum an, zwinkerte ihnen zu, sang mit - laut und herzlich - tanzte und tanzte. Diese Energie, die an dem Tag von ihr ausging, ließ mich erahnen, wie zäh sie ist und mit wie viel Herzblut sie ihre Anliegen verfolgt.

Beeindruckend wie bescheiden sich die Bischöfin inmitten der Ökumene-Basis bewegte.

Eine Grenzgängerin. Auf der Grenze zwischen Kirchenleitungsgeschäften und geistlichem Amt. Zwischen Lübeck und der weltweiten Ökumene. Zwischen weiblicher Führungsrolle und den zumeist männlichen Kirchenleitungskollegen.

Musik 3: Track 1 "Todo cambia" von CD "The Best of Mercedes Sosa", Interpretin: Mercedes Sosa, Text, Julio Numhauser, Edit. Warner Chappell Music Argentina (1984), PolyGram Discos S.A. 1997, LC 0268.

Autorin: Vor zwei Jahren begegnete mir Bärbel Wartenberg-Potter wieder. Es war auf einer Vorbereitungstagung für die deutschen Teilnehmenden der nächsten Vollversammlung des Ökumenischen Rats der Kirchen. Sie hat im November 2013 in Busan in Südkorea stattgefunden. Wartenberg-Potter hielt eine flammende Rede für die internationale ökumenische Gemeinschaft:

Sprecherin: "Ich weiß, dass die Verhandlungen mühsam sind. Die Einhaltung von Menschenrechten in den Kirchen weltweit ist nicht selbstverständlich. Die Ordination und das Bischofsamt von Frauen sind nach wie vor umstritten. Die Gleichstellung von Lesben und Schwulen ist in vielen Kirchen noch ein Tabu. Klimawandel, Solidarität mit indigenen Völkern, die kritische Aufarbeitung von christlicher Mission... Die Liste der Baustellen und Herausforderungen ist lang. Und trotzdem ist es die Sache wert! Denn wenn sich Menschen aus verschiedenen Ländern, Kontinenten und Glaubensrichtungen begegnen, sich ihre Geschichten erzählen, miteinander diskutieren, feiern, beten und Gottesdienst halten, dann können sie voneinander lernen. Dann besteht Hoffnung, dass Menschen friedlich miteinander leben können!" (Zitiert aus den Aufzeichnungen der Autorin)

Autorin: Da war sie wieder: ihre Energie und ihre Art, kritisch zu ermutigen. Kämpferisch, authentisch, glaubwürdig, so habe ich Bärbel Wartenberg-Potter erlebt. Ich konnte nur zu gut verstehen, warum sie in den achtziger Jahren als Direktorin der Abteilung "Frau in Kirche und Gesellschaft" des Ökumenischen Rats der Kirchen in Genf gearbeitet hat.

Sie war die richtige Frau am richtigen Ort. Trotzdem. Es war keine leichte Aufgabe. Ein Schritt vor und zwei zurück. Es war nicht einfach, die zumeist männlichen Kirchenoberen weltweit von der Gleichberechtigung der Frauen zu überzeugen, sexualisierte Gewalt anzuprangern und die Veränderung von Machtstrukturen zu fordern. Ohne langen Atem, Humor und eine gehörige Portion Frustrationstoleranz ging da gar nichts. Aber sie blieb dran, verbündete sich mit Frauen und Männern aus Nord und Süd, Ost und West, knüpfte Netzwerke, um weiter zu kommen.

Sie engagierte sich aber nicht nur für die Frauenfrage, sondern vor allem für das Antirassismusprogramm des Weltkirchenrats. Damit machte sie sich viele Feinde in den weißen Kirchen Europas. Aber sie ließ nicht locker. Wer Gerechtigkeit und Nächstenliebe predigt, der muss sich gegen jede Form von Unrecht und Unterdrückung aufgrund von Geschlecht, Hautfarbe und Religion wehren. Das war und ist ihre Überzeugung. Das war und ist aktuell.

Wieder bewegte sie sich auf der Grenze. Als Grenzgängerin zwischen Männern und Frauen, Weißen und Schwarzen, zwischen den Kirchen des globalen Südens und des Nordens.

Musik 4 = Musik 3

Autorin: Letztes Jahr habe ich die Autobiografie von Bärbel Wartenberg-Potter gelesen.

Sie heißt "Anfängerin". Beim Lesen habe ich noch viel mehr Facetten ihres Lebens erfahren. Am meisten hat mich erstaunt, dass sie ihr Buch "Anfängerin" genannt hat. Sie, die mutige Frau mit so viel Lebenserfahrung. Sie selbst sieht das so: Jeder Neuanfang umschließt die Möglichkeit, aktiv zu werden, zu gestalten, initiativ zu sein. In diesem Sinn ist ihr Leben eine Aneinanderreihung von ganz unterschiedlichen Anfängen, Brüchen, Grenzwegen, Umwegen, Irrwegen und Neuanfängen. Hauptsache aktiv und energisch.

Bei ihren Aktivitäten hat ihr von Anfang an ihr christlicher Glaube geholfen. Der ist tief in ihrem Leben verwurzelt. Als Kind schon hatte ihre Mutter sie jeden Morgen mit einem Lied und einem Gebet geweckt. Es war ein Ritual, fest eingeschrieben in ihren Alltag.

Ihr Leben auf der Grenze begann mit einem geografischen Grenzgang. Bärbel Wartenberg-Potter wuchs auf in einem Dorf an der deutsch-französischen Grenze in der Pfalz. Den Zweiten Weltkrieg hat sie als Kind erlebt. Prägende Erinnerungen. Nach dem Krieg konnte sie die Grenze nach Frankreich überqueren. Mit Pass zwar aber immerhin. Hin und her. Diesseits und jenseits.

Diese Grenzgänge haben sie geprägt und neugierig gemacht auf die andere Seite, auf Perspektivwechsel, andere Länder, andere Kulturen. Sie haben ihr eine offene Haltung zum Leben geschenkt.

Musik 5 = Musik 3

Autorin: Mit Anfang 30 hatte sie ihre schwerste Bewährungsprobe zu meistern. Sie brachte innerhalb von wenigen Jahren zwei Jungen auf die Welt. Der eine starb schon nach wenigen Tagen, der andere starb nach einigen Monaten. Beide litten an einem angeborenen Immundefekt. Bärbel Wartenberg-Potter und ihr erster Mann blieben am Boden zerstört zurück. Sie hatten um ihre Söhne gekämpft, aber konnten ihnen nicht helfen. Ihre Verzweiflung und Trauer konnten sie zwar miteinander teilen. Ihre Beziehung hielt den doppelten Verlust trotzdem nicht aus.

Sie ließen sich scheiden und gingen getrennte Wege. Wartenberg-Potter konnte diese Grenzsituation nur mit ihrem tiefen Glauben, mit ihren Liedern und Gebeten überstehen. Und bis heute engagiert sie sich für Verwaiste Eltern, also für Eltern, die ihre Kinder verloren haben.

Die Grenze zwischen Leben und Tod hat Bärbel Wartenberg-Potter als Mutter mehrfach vermessen und durchlitten. Die Verzweiflung, die Trauer und das Grauen waren ihre Begleiter. Der Verlust ihrer beiden Söhne prägte von da an ihr Leben.

Mühsam arbeitete sie sich aus der Lebenskrise und kämpfte von nun an für andere Kinder. Diejenigen, die unter Armut, Gewalt und Rassismus litten. Für sie setzte sie sich ein. Denn sie wusste und weiß, wie zerbrechlich das Leben ist.

"Mitleidenschaft" nennt Bärbel Wartenberg-Potter diese engagierte Haltung. Mitgefühl und Solidarität sind dafür Voraussetzungen. Sie hat sich berühren lassen von Menschen, die Unrecht und Gewalt erlebt haben. Sie hörte ihnen zu, nahm sie ernst und überlegte strategisch, was zu tun sei. Ihre Kinder sind von da an all diejenigen gewesen, die ihre Unterstützung brauchten. Sie kämpfte für gerechte Lebensbedingungen von Kindern im damaligen Apartheidstaat Südafrika, für HIV infizierte Babies in Uganda, für vergewaltigte Frauen in der Karibik. Es war und ist ein Kampf gegen Unrecht und Diskriminierung der Schwächsten. Sie hatte ihr Lebensthema gefunden.

Musik 6: Track 5 "Gracias a la vida" von CD "The Best of Mercedes Sosa", Interpretin: Mercedes Sosa, Text: Violeta Parra, Edit. Warner Chappell Music Argentina (1982), PolyGram Discos S.A. 1997, LC 0268.

Autorin: Ab 1980 hat Bärbel Wartenberg-Potter im Weltkirchenrat in Genf gearbeitet. Dort lernte sie ihren zweiten Ehemann Philipp Potter kennen und lieben. Potter war als Sekretär des Christlichen Studentenweltbundes nach Genf zum Weltkirchenrat gekommen und wurde dort später Generalsekretär. 1984 haben die beiden geheiratet. Die weiße Theologin aus der Pfalz und der schwarze methodistische Pastor aus der Dominikanischen Republik. Er war 22 Jahre älter als sie. Nicht alle in ihrem Umfeld fanden das gut. Aber die Mehrheit freute sich mit ihnen.

Gemeinsam gingen sie ein Jahr später nach Kingston, der Hauptstadt von Jamaika. Wieder war das Leben auf der Grenze dran. Die Weiße aus einem Dorf in der Pfalz wanderte aus in die schwarze Hauptstadt Jamaikas. Eine Europäerin in der Karibik. Die Theologin, die als Dozentin an einem theologischen College in Kingston lehrt. Fünf Jahre blieb das Paar in Kingston.

Bärbel Wartenberg-Potter fremdelte mit der Kultur. Sie kämpfte mit dem tropischen Klima und einer männerdominierten Welt. Und dennoch setzte sie sich in ihren Seminaren und im Alltag weiterhin für ihre Anliegen ein. Dafür erhielt sie in ihrer neuen Heimat Achtung und Respekt. Sie bestand ihre Reifeprüfung.

Im Februar 2015 ist ihr Mann Philipp Potter im Alter von 93 Jahren gestorben.

Bärbel Wartenberg-Potter hat ihn bis zum Schluss gepflegt und begleitet.

Ihnen beiden war der Glaube gewiss, dass der Tod nicht das letzte Wort hat.

Ich werde das Bild von der tanzenden Bischöfin, dem tanzenden Ehepaar Wartenberg-Potter in Porto Alegre jedenfalls nie vergessen. Es macht mir Mut und inspiriert mich für meine eigene Arbeit an der Grenze von Kirche und Gesellschaft. Vielleicht nehmen Sie auch dieses Bild mit in Ihren Alltag. Es grüßt Sie aus Villigst in Westfalen Pfarrerin Kerstin Söderblom.

Musik 7 = Musik 6

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