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Kirche in WDR 3 | 26.11. 2018 | 07:50 Uhr

Entwicklung abwarten

Diese Frage versteht heute kein Kind mehr: Wieso dauert es eigentlich solange, bis man ein Foto sehen kann, das man mit einer Kamera gemacht hat? Vor 70 Jahren ist das noch eine echte Frage gewesen. Warum kann man das Bild, das man aufnimmt, nicht sofort ansehen? Die Tochter von Edwin Land soll in den 1940er Jahren ihrem Vater genau diese Frage gestellt haben. Und die Legende will es, dass die Frage dem US-Physiker Lang den Anstoß gab, eine neue Kameratechnik zu erfinden. Heute vor 70 Jahren dann kam in Boston die erste Polaroid-Kamera auf den Markt. Das Besondere: Die Bilder mussten nicht aufwändig in der Dunkelkammer entwickelt werden. Der Film für die Kamera war von vornherein so beschaffen, dass er in nur ein paar Minuten aus dem belichteten Negativ ein Positiv entstehen lässt.

In den 1970er Jahren, als ich Kind war, war die Polaroid immer noch was Besonderes - die Filme waren teuer - und was Faszinierendes zu gleich.

Als dann die Digitalfotografie aufgekommen ist, und erst recht, seit jeder mit dem Smartphone alles jederzeit fotografisch festhalten UND sofort angucken kann, waren die entsprechenden Fotoapparate und auch die Firma in der Versenkung verschwunden. Aber nach ein paar Jahren Pause ist Polaroid sogar wieder hip. Heute laufen Kinder auf Hochzeiten und Geburtstagen mit den Sofortbildkameras herum und warten sehnsüchtig auf das Resultat ihres Schnappschusses, wie ich das damals als Kind machte.

Und gerade junge Leute, die schon nur noch mit Digitalkameras aufgewachsen sind, und deren Vorteile nun wirklich genießen konnten, finden das toll und reisen mit den neuen Sofortbildkameras durch die Welt und machen ganz sparsam - die Filme sind immer noch teuer - ein paar wenige Fotos. 6 Wochen Schulaustausch am anderen Ende der Welt: 4 Polaroid-Fotos. Familienurlaub in Frankreich: Die Kamera wird mitgeschleppt für ein einziges Foto vom Eiffelturm. Auf dem Bild kann man ihn nicht mal so richtig gut sehen. Das ist auf dem Handyfoto viel besser. Egal. Die kleinen Fotos mit dem charakteristischen weißen Rand sind Kult. Sie landen im Notizbuch oder an der Pinnwand. Wenn ich Polaroids sehe, bringen sie mich zurück in die Zeit, als es noch eine kleine Weile dauerte, bis wir das Bild, das wir uns von der Welt machten, auf unserem Handydisplay sehen konnten.

Ich find interessant, wie die Geschichte dieser Fotos mit dem weißen Rand von 70 Jahre Seh- und Fotografiergewohnheiten erzählt. Und auch wenn ich selber die Digitalfotografie mir ihren Möglichkeiten liebe: Ein Polaroid-Foto in der Hand zu halten und zu schütteln und gespannt zu warten, was aus dem Weiß des Materials langsam an Bild auftaucht, das hat etwas – für mich als Hobbyfotografin und als Theologin. Denn das erinnert an Worte des Apostel Paulus. Der hat an die Gemeinde in Korinth geschrieben:

„Jetzt sehen wir nur rätselhafte Umrisse,

dann aber schauen wir von Angesicht zu Angesicht.

Jetzt ist mein Erkennen Stückwerk,

dann aber werde ich durch und durch erkennen,

so wie ich auch durch und durch erkannt worden bin (1Kor 13,12)“

Paulus schrieb das nicht in Bezug auf ein Polaroid-Foto. Klar. Er beschrieb damit das Warten auf das, was Theologinnen und Theologen gerne das „Reich Gottes“ nennen: ein Zustand von völliger Einsicht in die innersten Zusammenhänge der Welt. Auch 2.000 Jahre nachdem Paulus das geschrieben hat, müssen Christen damit leben, dass das mit dem „Reich Gottes“ noch immer nicht klar zu sehen ist. Viele würden sogar sagen, das ist eher noch unklar. Fakt ist, das geht nicht auf Knopfdruck. Das geht wie ein Polaroid. Und es braucht dazu eine Übung: Entwicklungen abwarten.

Einen guten Tag, mit hoffentlich nur angenehmem Warten wünscht, Susanne Moll aus Aachen.

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