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Das Geistliche Wort | 25.11. 2018 | 08:35 Uhr

Gedenket der Toten

„Gedenket der Toten – 100 Jahre nach dem Ersten Weltkrieg“

Guten Morgen!

Am 11. November 1918, nach mehr als vier Jahren ging der erste Weltkrieg zu Ende.

Vertreter des Deutschen Reiches, Frankreichs und Großbritanniens unterzeichneten in einem Eisenbahn-Salonwagen im Wald von Compiègne ein Waffenstillstandsabkommen. Das lang ersehnte Ende dieses schrecklichen Krieges war da: Schätzungsweise 17 Millionen Soldaten und Zivilisten hatte der Krieg das Leben gekostet und großes Leid über Europa und die Welt gebracht. Mit dem Waffenstillstand und später mit dem Friedensvertrag von Versailles war aber zunächst nur ein sehr brüchiger Friede verbunden. Papst Benedikt XV. hatte bereits 1917 daran erinnert, dass ohne einen gerechten Frieden das Gemetzel des Ersten Weltkrieges nicht wirklich beendet sei, sondern auf Dauer neue Konflikte heraufbeschwören würde. Er sollte Recht behalten. Drei Jahre später, im Jahr 1920 mahnt derselbe Papst, dass „die Keime der alten Feindseligkeiten nicht ausgerottet“ seien und „geheime Feindschaften und eifersüchtige Spannungen unter den Völkern“ fortdauern . Eine stabile Staatenordnung in Europa herzustellen, das gelang damals nicht.

Musik I: Benjamin Britten – aus dem „War Requiem“

Der Erste Weltkrieg hatte großes Leid und Schrecken über die Bevölkerung Europas gebracht: Der Einsatz von Giftgas ebenso wie die zähen Stellungskriege hatten viele Spuren in den Seelen der Menschen hinterlassen. Die seelischen Wunden heilten schlecht oder gar nicht.

Und auch nach dem Ende dauerte die Not an: Hunger und viel Elend bestimmten den Alltag – gerade auch in Deutschland. 1923 besetzten französische Truppen das Ruhrgebiet. Hohe Reparationszahlungen und andere Leistungen machten es zudem Deutschland unmöglich, wieder wirtschaftlich auf die Beine zu kommen. Die politische Lage blieb im Deutschen Reich völlig unruhig. Regierungen wechselten einander ab, und trotz kultureller Aufschwünge stieg die Arbeitslosigkeit. Die Not war riesengroß.

Der Erste Weltkrieg warf einen weiten Schatten: Unzählige Tote waren zu betrauern. Noch heute sind in vielen Städten und Dörfern die Kriegerdenkmäler für die Gefallenen des Ersten Weltkrieges zu sehen, denen später die des Zweiten Weltkriegs hinzugefügt wurden.

In vielen Ländern Europas wird am 11. November dem Endes des Ersten Weltkrieges mit seinen vielen Toten gedacht. Bei uns in Deutschland geschah das am vergangenen Sonntag, dem Volkstrauertag und geschieht auch heute noch am Totensonntag. Ein Gedanke dabei ist, all` diejenigen nicht zu vergessen, die ihr Leben in einem brutalen Krieg hingegeben haben. Ein anderer Gedanke ist noch wichtiger: All` die vielen Toten sind Mahnung, alles für den Frieden zu tun, denn Friede ist nicht selbstverständlich. Und: Friede ist mehr als die Abwesenheit von Gewalt und Krieg. Friede ist Wohlwollen, zeigt sich in der Rücksicht auf mein Gegenüber und im Gemeinwohl. Als Bischof und Christ ist es für mich wichtig, sowohl der Toten zu gedenken, als auch für den Frieden zu beten. Ich halte mich dabei an Jesus, der sich und seiner Botschaft vom Frieden bis in den Tod hinein unbedingt treu geblieben ist, indem er sogar für seine Feinde gebetet hat, die ihn unschuldig hingerichtet haben. Das provoziert mich immer wieder. Ein solches Gebet kann zum Frieden führen. Davon bin ich überzeugt, im Kleinen wie im Großen.

Musik II: Benjamin Britten – aus dem „War Requiem“

Nicht nach dem Ersten, sondern erst nach dem Zweiten Weltkrieg mit seinen über 60 Millionen Toten, mit den über 6 Millionen brutal ermordeten Juden, Sinti, Roma, Homosexuellen und vielen anderen gelang es, zumindest in weiten Teilen Europas, dauerhaften Frieden zu schaffen. Die Länder Europas, deren Soldaten sich zuvor in den Schützengräben gegenübergestanden hatten, wuchsen mehr und mehr zu einem gemeinsamen Wirtschafts- und Kulturraum zusammen. Die Idee der europäischen Integration wurde geboren als Friedensprojekt. Aus einstigen Feinden sind Verbündete und enge Freunde geworden, was sich etwa in der deutsch-französischen oder der deutsch-polnischen Freundschaft ausdrückt in Austauschprogrammen und gegenseitiger Verständigung. So wird Friede konkret: durch die Begegnung von Menschen, durch das Knüpfen von Kontakten, durch das gemeinsame Band von Vertrauen, gegenseitiger Hilfe und Stärkung.

Dieser in Europa schon Jahrzehnte währende Friede erscheint vielen heute selbstverständlich. Die Generation der Kriegsteilnehmer wird immer kleiner. Kaum noch jemand weiß zum Glück um kriegsbedingte Leiden und Schmerzen, die so gut wie alles Nichtbehagen und alle Unzufriedenheit heutiger Tage bei weitem in den Schatten stellen würden. Dennoch gilt es, nicht die Augen zu verschließen vor den heutigen Kriegsgebieten der Welt in Afghanistan, im Nahen und Mittleren Osten, in Syrien, im Norden Afrikas, in Mali und auf dem Balkan.

Das Gedenken an das Ende des Ersten Weltkrieges vor 100 Jahren mahnt, sich nicht in trügerischer Sicherheit zu wiegen, kriegerische Konflikte zu verharmlosen und dem hohen Wert des Friedens seine Bedeutung abzusprechen. Genau aus diesem Grund stimmen mich so manche Debatten und aktuelle Auseinandersetzungen so nachdenklich, vor allem aber die Art und Weise, wie sie geführt werden. Vielfach verroht die Sprache, viele Menschen drohen abzustumpfen. Ein allgemeiner Vertrauensverlust in die demokratischen Institutionen greift um sich. Nationalismus und Populismus flammen auf. Und so verschwindet die Begeisterung für das europäische Projekt.

Frieden zu schaffen und ihn zu bewahren, das bedeutet aber, überzogenem Nationalismus entschieden entgegenzutreten. Konkret vor Ort und mit allen in Europa müssen wir neu darüber nachdenken, was uns zusammenhält. Eigeninteressen müssen hinter dem gesamtgesellschaftlichen Wohl zurücktreten, gesellschaftliche Solidarität gestärkt und alles getan werden, um die Menschenwürde und die Menschenrechte für alle zu sichern. Nur so können Frieden und Sicherheit und damit letztlich Wohlstand dauerhaft gewahrt werden.

Musik III: Heinrich Schütz – „Verleih uns Frieden“

Um sich heute für Frieden und Verständigung einzusetzen, braucht es konkrete Friedensprojekte. Für mich ist Europa so ein Friedensprojekt. Es zeigt sich durch die Reisefreiheit, den offenen Handel, durch den wachsenden Schüler- und Studentenaustausch. Wer hätte vor 100 Jahren am Ende des ersten Weltkrieges gedacht, dass so etwas einmal möglich wird?

Aber der Friede in Europa ist nicht selbstverständlich. Es gibt Ängste und Verzagtheiten vieler Menschen, die ernst zu nehmen sind. Daher gilt es, am Frieden weiter mitzuwirken, indem Gerechtigkeit und Solidarität geübt werden, im Großen wie im Kleinen: Neben den konkreten politischen und gesellschaftlich relevanten Projekten gehört dazu ein ethisch verantwortetes, alltäglich selbstbestimmtes Handeln für den Frieden.

Dafür braucht es das gebildete Gewissen. Gerade für den Frieden ist die Gewissensbildung eine lebenslange Aufgabe, die hilft, die eigene Urteilsfähigkeit zu schulen, um Frieden im Alltag zu stützen wie zu erhalten.

Hinzu kommt die Fähigkeit, Vertrauen zu schenken und Vertrauen zu gewähren. Ohne eine Kultur des Vertrauens werden Gerechtigkeit und Solidarität niemals helfen, Frieden zu sichern und Frieden zu schaffen. Denn Menschen können ohne Vertrauen nicht miteinander leben. Wo das Vertrauen fehlt, klafft ein Abgrund zwischen ihnen und trennt sie oftmals noch tiefer als der Krieg. Vertrauen zu verlieren, geht schnell. Neues zu schaffen, dauert lange, besonders dann, wenn es nicht nur leichtfertig verspielt, sondern womöglich mutwillig und systematisch zerstört worden ist. Vertrauen wächst auch nicht einfach von allein. Man muss viel dafür tun. Dazu zählen Mut und Wahrhaftigkeit, Geduld und Augenmaß, Takt und Mitgefühl. Echte vertrauensbildende Maßnahmen sind schließlich mehr als eine bloße Strategie. Sie müssen aus einer ehrlichen Haltung heraus erfolgen, dass ich es ernst und gut mit meinem Gegenüber meine.

Musik IV: Benjamin Britten – aus der „Sinfonia da requiem“

Wenn in diesen Tagen Menschen in ganz Europa der unzähligen Toten des Ersten Weltkrieges und aller anderen Kriege gedenken und für sie beten, dann ist das ein erster Schritt echter Praxis von Frieden. Ich bin froh über die vielen Menschen, die wichtige Vertrauensdienste tun, indem sie anderen Tag für Tag helfen und beistehen, sich einsetzen für die Wahrung der Menschenrechte und gegen Extremisten, Populismen und Demokratieverachtung einstehen.

Das Gedenken an die Toten und das Gebet für sie, ist und bleibt zugleich eine echte Mahnung: Frieden entsteht durch Gerechtigkeit und Solidarität.

Zur ureigensten Aufgabe der Christen gehört es, durch ihr Leben zu bezeugen, dass sie dabei auf den großen Halt setzen, dem sie vertrauen, nämlich auf Gott. Für mich gibt es dafür keinen besseren Ausdruck als ein Gebet, das dem Heiligen Franziskus von Assisi zugeschrieben wird, aller Wahrscheinlichkeit nach aber wenige Jahre vor dem Ersten Weltkrieg verfasst wurde. Es heißt: „Herr, mach mich zu einem Werkzeug deines Friedens.“

Musik V: Felix Mendelssohn Bartholdy – P 115

Es grüßt Sie Franz-Josef Overbeck, Bischof von Essen und katholischer Militärbischof für die Deutsche Bundeswehr.

* Papst Benedikt XV., Enzyklika „Pacem, Dei Munus pulcherrimum“.

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