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Das Geistliche Wort | 16.05.2016 | 08:35 Uhr

„Mit dem Geist Jesu überspringen wir alle Mauern“

Guten Morgen,

bestens erinnere ich mich noch wie heute: Mein ungläubiges Staunen und die Faszination, als die Mauer fiel, damals am Abend des 9. Novembers 1989 – ich war gerade zum Priester geweiht und studierte noch in Rom. Damals brauchte ich einige Zeit, um zu begreifen, was da gerade vor sich ging. Nach den Wochen und Monaten der Auseinandersetzungen in der damaligen „DDR“ war nun die Mauer offen, der Eiserne Vorhang gefallen. Unglaublich! Die Trabbis, die an den Grenzstationen standen, die Menschen, die strahlend, lachend, weinend vor Freude, sich in die Arme fielen: All das werde ich mein Lebtag nicht vergessen, auch wenn ich es nur im Fernsehen und aus der Ferne mitverfolgte.

I. Musik

Die Tage nach dem Mauerfall waren in Deutschland und in Europa von einer unvorstellbaren Stimmung: neben Heiterkeit ungläubiges Erstaunen, dass so etwas Wirklichkeit werden konnte; neben größter Freude die Frage, was denn nun komme. Die Transparente, die die Menschen zuvor durch die Straßen der damaligen „DDR“ trugen, hatten eine eindeutige Botschaft: „Wir sind das Volk! Wir sind ein Volk!“ Das Zusammengehörigkeitsgefühl jener Tage war unglaublich. Was der damalige Sekretär der Kommunistischen Partei der Sowjetunion Gorbatschow sagt, ist zu einem geflügelten Wort geworden: „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben!“ Ich erinnere mich aber auch an manche Ängste und Unsicherheiten, die sich mit der Freude mischten. Keiner wusste genau, was kommen wird; viele ahnten: Die Welt in Deutschland – nein – in ganz Europa wird sich verändern, wird neu.

Mit den offenen Grenzen nach dem Mauerfall kommen Menschen aus Ländern zueinander, denen dies vorher nicht möglich war. Die Entdeckerfreude ist groß; die Lust zu reisen, Neues kennen zu lernen, sich Lebensgeschichten zu erzählen, bleibt lange ungebrochen. „Jetzt wächst zusammen, was zusammen gehört“, sagte der frühere Bundeskanzler Willy Brandt zu diesem historischen Geschehen. Er hatte Recht, aber dieser Prozess des Zusammenwachsens dauert immer noch an. Schon damals, direkt nach dem Mauerfall, konnte man es unmittelbar sehen und erleben: Unzählige Gesichter von Menschen aus Ost und West, Nord und Süd, bestimmten das Straßenbild. Und es war deutlich zu spüren: Es herrscht ein guter Geist, große Offenheit, Neugier und die Überzeugung, dass das, was an Schrecken gewesen ist, sich nie wiederholen soll.

II. Musik

Durch die Bewegungsfreiheit und das Reisen, durch die Kontakte und Gespräche haben viele Menschen seit 1989 mehr denn je verstanden, was Europa ist. Nicht nur ein Kontinent, zu dem bestimmte Länder gehören, sondern eine Gemeinschaft von Menschen, die sich mit der Idee den Weg nach vorne suchen, dass Freiheit, Wohlstand und Menschenrechte für alle gelten. Ich weiß noch, dass ich in den ersten Jahren nach dem Mauerfall, als ich als Kaplan in Haltern tätig war, Kontakte knüpfte und Begegnungen zwischen Ost und West ermöglichte. Bei einem Ferienlager mit Jugendlichen aus meiner damaligen Gemeinde in den neuen Bundesländern staunten viele. Angefangen bei der Art des Häuserbaus, über die Straßen bis hin zum Lebensstandard. Aber über allem lag etwas hier in den neuen Bundesländern in der Luft: der Wille zur Veränderung!

Genau so stelle ich mir Pfingsten vor, das Fest, das Christen in diesen Tagen feiern. Es ist das Fest der Veränderung! Es ist das Fest des guten Geistes Gottes, wo sich Menschen einander ohne Angst in den Armen liegen, wo Männer und Frauen mit viel Fantasie Brücken zueinander schlagen und neue Projekte in Angriff nehmen, wo Kinder und Jugendliche erleben, welche Chancen sie haben und nutzen können. So muss das auch am ersten Pfingstfest gewesen sein, als die Jünger Jesu aus ihren Ängsten herausgeholt und befreit wurden. Sie waren auch wie eingemauert. Jetzt aber sind sie frei und gehen mit ihrer Botschaft zu allen Menschen!

III. Musik

Pfingsten: Veränderung liegt in der Luft und wird ergriffen, damals vor 2000 Jahren genauso wie beim Mauerfall! Was aber erlebe ich im zurückliegenden Jahr? Da kommen viele Migranten, Asylbewerber und Flüchtlinge zu uns nach Deutschland und Europa. Eine Welle der Hilfsbereitschaft rollt durch unser Land, aber auch Ängste und Unsicherheiten nehmen zu. Der größte Teil packt an und hilft. Ich bin stolz auf diejenigen, die gastfreundlich sind, die Menschen nach traumatisierten Erlebnissen eine neue Heimat bieten und hier willkommen heißen.

Nüchtern genug weiß ich aber auch, dass Menschen sich deswegen abschotten. Politiker anderer Länder errichten Zäune, wollen niemanden hereinlassen, rufen nach Identität, fürchten um ihre Sicherheit. Hier erlebe ich einen anderen Geist, den Geist von Angst, Skepsis, Sorge. Es gibt kaum jemanden, der mich in diesen Wochen und Monaten nicht darauf angesprochen hat. Dabei ist es doch gar nicht verwunderlich, was seit dem letzten Sommer und Herbst offensichtlich wird. Weitsichtige Menschen wissen seit Jahrzehnten: Die fatalen wirtschaftlichen, politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen in Asien, Afrika und im Orient lassen viele Menschen angesichts des Reichtums in Europa glauben, dass hier das Paradies sei. Kein Wunder: Die Medien und die globale Vernetzung sorgen dafür, dass noch im hintersten Winkel der Welt Nachrichten aller Art empfangen werden können. Die Welt ist klein geworden und Europa ist schnell erreicht. Die meisten Menschen, die hierher kommen, sehen in diesem Weg die einzige Option zum Leben und zum Überleben. Ihr Leid, die Korruption, die schwachen politischen Strukturen in ihrer Heimat, die Armut, Verfolgung und Perspektivlosigkeit sind einfach ungeheuer drückend.

Mich erschreckt, wie viele Menschen das Sterben der Flüchtlinge im Mittelmeer soweit irgendmöglich politisch ignorieren, obwohl doch bereits 2013 Papst Franziskus nachdrücklich darauf hinwies, als er auf die italienische Insel Lampedusa fuhr. Gott sei Dank fragen inzwischen Viele intensiver nach, wie mit den Wirtschaftsflüchtlingen umgegangen werden muss, wie mit den politisch Verfolgten, wie mit denen, die sprichwörtlich um Leib und Leben fürchten.

IV. Musik

Die Flüchtlingsproblematik ist sehr kompliziert! Es gibt keine einfachen Lösungen und schon gar keine, wo es nur Gewinner gibt. Wir können in unserem Land seit Monaten davon ein Lied singen: Wer darf bleiben? Wer erhält bei uns eine Lebensperspektive? Wer muss wieder gehen? Dabei ist immer wieder zu bedenken: Wohin sollen diejenigen gehen, die weggeschickt werden, und was erwartet sie dann. Heute weht zum Glück bei immer mehr Menschen eben auch dieser Geist der Nachdenklichkeit angesichts der weltweiten Vernetzung, angesichts der Vielen, die zu uns kommen, angesichts der Frage, wie ein Zusammenleben in der Global Village, im Weltendorf, gelingen kann: Wie weit werden sich unsere Lebensgewohnheiten ändern, und wie sehr müssen sich die Lebensgewohnheiten der Flüchtlinge in unserem Land ändern?

Neben dem wunderbar freundlichen Gesicht unserer Gesellschaft und ihrer Willkommenskultur gibt es eben leider auch die Fratze der Polterer und Protestierer, deren Identität sich durch die Abqualifizierung anderer speist. In manchen Kreisen stehen vereinfachende Parolen in hohem Kurs, die aber keine wirkliche Lösung bringen. In der Ruhrregion denke ich zum Beispiel dabei ganz oft, dass sich hier Menschen immer wieder verändert haben, sowohl diejenigen, die aus den vielen Nachbarländern kamen, als auch die, die hier schon lebten: Das Ruhrgebiet ist seit 150 Jahren ein kultureller Schmelzofen. Das ist gut so! Und das sollte auch so bleiben!

Denn genau hier weht wieder der gute Geist, den wir brauchen. Nicht weniger Europa ist dabei die Lösung, sondern mehr Europa! Nationaler Egoismus als vermeintliche Sicherung der eigenen Identität greift da zu kurz. Es geht bei Europa um mehr, als um Wirtschaft und um Politik und den je eigenen Vorteil. Es geht um Frieden, Gerechtigkeit, Menschenwürde, Wohlstand und um soziale Verantwortung – für alle. Der gute Geist, der auch heute in Vielen atmet, ist ein Beweis dafür, dass das nicht bloß schöne Worte sind. Ich sehe an vielen Stellen in unserer Gesellschaft ganz konkrete Einsätze, wo Menschen füreinander einstehen: Da sind die Nachbarn, die einer Flüchtlingsfamilie Kleidung und Möbel zur Verfügung stellen; da sind die Mitschülerinnen und Mitschüler, die ihren neuen Schulkumpanen helfen, die deutsche Sprache zu erlernen; da sind die Vielen, die ehrenamtlich in Kleiderkammern arbeiten, die anderen beim Gang auf die Ämter helfen, kurz: es gibt unendlich viel Solidarität und echten guten Geist. Gott sei Dank!

V. Musik

Wo Menschen füreinander einstehen, da weht ein guter Geist, und da ist für mich Pfingsten. Es ist das Fest von Gottes kreativem Geist, der praktisch wird, der Menschen willkommen heißt, der Sorgen und Nöte ernst nimmt, der für Recht und Gerechtigkeit sorgt, wo die Menschenwürde verletzt wird, der niemanden ausgrenzt. Der Geist von Pfingsten macht Mut, hilft ganz selbstverständlich, selbstbewusster Glauben zu leben. Denn es geht nicht darum, wie manche parolenmäßig wiederholen, das christliche Abendland zu retten, sondern das Christliche im Abendland zu leben. Das ist unsere Aufgabe im Alltag als Christen eines christlichen Abendlandes. Und das heißt auch, neu aushalten zu lernen, dass die Welt sehr differenziert ist. Ich bin davon überzeugt: unser Glaube kann helfen, gut und kreativ mit Vielfalt zu leben.

Europa ist ohne das Christentum nicht zu verstehen. Und Europa ist ohne unseren Glauben nicht zu leben. Heute ist es daran, zu zeigen, dass wir Christen mit dem Geist Jesu alle Mauern überspringen können. Dass wir das gemeinsam schaffen, in einer neuen Welt mit einem neuen guten Geist zu leben.

Die Jünger Jesu empfingen an Pfingsten Gottes guten Geist, den sie nicht erwartet hatten. Sie wurden beschenkt, ohne etwas dafür zu tun. So lernten sie, zu geben, ohne etwas dafür zu verlangen. Das ist das eigentliche Wunder von Pfingsten: Es entsteht Einheit und wächst Verstehen, wo vorher Fremdheit und Angst herrschten. Heiliger Geist bricht Mauern auf und beseelt Menschen, so dass sich verschlossene Türen auftun und eine Ahnung von dem wächst, was Frieden ist. Und dieses Wunder von Pfingsten geschieht auch noch heute, wenn wir Mauern überspringen und, wo nötig, abbauen.

VI. Musik

Ich wünsche Ihnen, Ihren Familien und allen, die zu Ihnen gehören, ein geistreiches Pfingstfest und einen von Gottes gutem Geist beseelten Alltag.

Ihr Bischof Franz-Josef Overbeck aus Essen.

Copyright Vorschaubild: Thomas Kohle CCBY 2.0 flickr.

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