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Sonntagskirche | 11.11. 2018 | 08:55 Uhr

Pogromnacht (80. Gedenktag)

Vier Jahre ist er alt, als er in seiner Heimatstadt Leer/Ostfriesland die Synagoge brennen sieht, das Gotteshaus der jüdischen Gemeinde. Achtzig Jahre ist das nun her. Es ist die Nacht vom 9. November 1938. Sie wird als Reichspogromnacht in die Geschichte eingehen.

Vor Jahren traf ich ihn in der Synagoge Hagen. Nun war er evangelischer Religionslehrer. Obwohl Christ, hatte er längst einen festen Ehrenplatz im jüdischen Gottesdienst.

Und er erzählte mir, was sich damals in Leer zugetragen hatte, unserer gemeinsamen Heimatstadt.

Denn nie hatte er vergessen, was er zeitlebens nicht fassen konnte: Nicht die Fackel in der Hand des Bürgermeisters, die die Vorhänge vor den heiligen Tafeln der Synagoge in Brand setzte, nicht die berstenden Fensterscheiben der umliegenden Häuser. Immer noch hörte er die Angstschreie der aus dem Schlaf gerissenen Menschen, die beleidigt, gestoßen, geschlagen, getreten, weggeschleift wurden. Während aus ihren Häusern die dumpfen Schläge der Zertrümmerung widerhallten. Auch das Johlen, Klatschen und höhnische Lachen der gaffenden Menge blieb ihm für immer in den Ohren.

Hier erlebte ein kleines Kind mit bleibendem Entsetzen, was erst der Anfang war der Shoa, des systematisch geplanten Völkermordes an den Juden.

Eines von Abermillionen Opfern der Shoa war Elie Wiesel, der spätere Schriftsteller und Publizist, in Rumänien geboren. Als Sechzehnjähriger wurde er mit seiner Familie von den Nazis nach Auschwitz deportiert. Später kam er in das KZ Buchenwald. Daraus befreiten ihn die Amerikaner im April 1945.

Im Rückblick schreibt er:

Sprecher/in: Im Lager dreht sich alles um diese Fragen: „Wird die Tagesration Brot einen Zentimeter dicker oder dünner sein? Wird es Margarine oder Marmelade dazu geben? ... Der SS-Mann führt sich auf wie ein unantastbarer, allmächtiger „Gott“. Es gibt ihn und es gibt uns: Er hat alle Rechte, wir kein einziges. ... Mit einer einzigen Handbewegung schickt er uns in den Tod oder gibt uns zu essen. Wir haben nicht das Recht, ihn anzusehen. Jeder, der (diesem) „Gott“ ins Auge sieht, stirbt. (1)

Was Elie Wiesel im KZ erleben sollte, brannte sich in der Pogromnacht schon dem Vierjährigen ein: Hier wurden Menschen nicht nur aller Habe beraubt, ihrer Heimat, ihrer Angehörigen, ihres Lebens– man wollte sie auch ihrer Würde entkleiden. Als seien sie niemand und nichts. Als hätten sie kein menschliches Antlitz.

Achtzig Jahre danach steht dieser Ungeist wieder auf. In aller Öffentlichkeit wird der Hitlergruß gezeigt, auch Nazisymbole sind wieder da.

Was kommt dagegen an? Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn. So steht’s auf der ersten Seite der Bibel, unsere jüdischen Vorfahren schrieben es auf. Ebenbild Gottes ist der Mensch. Da ist nicht Herrenmensch und Untermensch. Jeder hat Hoheit und Würde. Was Gott dir mitgegeben hat, das kannst du nicht verlieren. Du nicht und dein Mitmensch nicht, woher immer er kommt. Aus jedem menschlichen Gesicht blickt Gott dich an.

So wünsche ich Ihnen einen gesegneten Sonntag.

(1)Aus: Elie Wiesel, Alle Flüsse fließen ins Meer, Hamburg, 1994, S. 116.

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