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Das Geistliche Wort | 14.10.2018 | 08:35 Uhr

„Un – möglich?!“

Guten Morgen!

„Das ist ja absolut unter Deinem Niveau“, „Das passt doch überhaupt nicht zu Dir“. So etwas bekommt der ein der andere schon mal an den Kopf geworfen. Und das hat damit zu tun, dass Menschen oft nicht sehen, was sie für einen Wert haben und welches Potenzial in ihnen steckt. Ich habe diesen Satz gehört in meinem Theologiestudium. Es damals im Leoninum, in einem Gespräch mit meinem Geistlichen Begleiter. Und eigentlich ging es um etwas ganz anderes. Ich wollte nämlich wissen: Was ist eigentlich Sünde?

Und seine Antwort hat sich mir tief eingeprägt und mir einen neuen Horizont erschlossen. Er sagte mir: „Weißt Du, Sünde, das heißt: unter seinem Niveau leben.“ Dieser Satz hat mich weggeführt von einseitigen Fixierungen auf Moral und Moralisieren, weggeführt vom Aufzählen des eigenen Versagens: Was? Wie oft?, so, wie man es noch in alten Beichtspiegeln nachlesen kann. Dieser Satz hat mir eine andere Perspektive eröffnet, die mir als Priester und Seelsorger sehr wichtig geworden ist. Er lädt mich ein, auf meine Möglichkeiten zu schauen. Ich weiß mich ermutigt, auf das zu schauen, was Gott mir zutraut, meinen Weg zu suchen und zu gehen.

Wo ist mein Platz? Was ist meine Aufgabe? Was ist meine Berufung, könnte ich auch sagen. Auf welchem Niveau kann und möchte ich leben? Welches Niveau traut Gott mir zu oder mutet er mir auch zu? Diese Frage kann ich nur ganz persönlich beantworten. Das kann niemand an meiner Stelle.

Was ist für mich möglich oder was ist für mich vielleicht auch unmöglich zu tun, zu leben?

Musik I (Ulla van Daelen, Sunflower, CD, Nr.1)

Was ist für mich möglich und was unmöglich zu tun oder zu leben? Genau das ist auch die Frage, die ein reicher Mann Jesus stellt in dem Text, der am heutigen Sonntag in den katholischen Gottesdiensten verlesen wird. Da heißt es im Markusevangelium (Mk 10,17): „Guter Lehrer, was muss ich tun, um das ewige Leben zu bekommen?“

Jesu Antwort lautet (vgl. Mk 10,19): „Ewiges Leben gewinnst du dann, wenn du die Gebote Gottes hältst. Die kennst du doch. Du sollst nicht töten, nicht die Ehe brechen, nicht stehlen, nicht lügen, nicht betrügen und du sollst deine Eltern ehren.“

Jesu Botschaft ist eindeutig: Gutes, erfülltes, geglücktes Leben hast du dann, wenn du den Weisungen Gottes folgst. Und der reiche Mann erwidert noch (Mk 10,20): „An all das habe ich mich von Jugend an gehalten.“ Also, könnten wir jetzt sagen: Dann ist ja alles klar. Die Frage des reichen Mannes wird eindeutig beantwortet. Und damit Ende!

Aber nichts ist damit zu Ende. Für diesen Mann fängt es erst an dieser Stelle richtig an. Und das sieht Jesus nur allzu gut. Er sieht, dass der Mann ganz andere Möglichkeiten hat, um nicht unter seinem Niveau zu bleiben, um es mit den Worten meines geistlichen Begleiters zu sagen. Jesus sieht, dass dieser Mann mehr will. Der Mann trägt eine Sehnsucht im Herzen, die größer ist als die Erfüllung der Gebote und Weisungen.

Und daher sagt Jesus ihm (Mk 10,21): „Etwas fehlt dir noch. Verkaufe alles, was du hast und gib das Geld den Armen. Damit wirst du im Himmel einen Reichtum gewinnen, der niemals verloren geht. Und dann komm und folge mir nach.“

Ich finde das sehr bemerkenswert: Jesus sagt diesen Satz erst als er merkt, dieser Mann will mehr. Dieser Mann trägt eine Sehnsucht in sich, die gelebt werden will. Dieser Mann lebt im Moment noch nicht auf dem Niveau, das eigentlich sein Niveau ist. Für ihn ist es selbstverständlich die Gebote zu erfüllen, aber das wird seiner Sehnsucht nach einem erfüllten, geglückten Leben noch nicht gerecht. Er will mehr. Und erst jetzt, nachdem der reiche Mann zu erkennen gegeben hat, da ist noch mehr in seinem Leben möglich – erst jetzt geht Jesus einen Schritt weiter. Er bietet ihm eine Lebensmöglichkeit an, die in Gesetzen und Geboten nicht mehr auszudrücken ist. Mit anderen Worten: Jesus gibt kein neues Gebot, sondern macht ein An-Gebot für den, der mehr will als ein Leben nach den Geboten.

Musik II (Ulla van Daelen, CD Sunflower, Caravanne, Nr.5)

Jesus sieht die Sehnsucht des reichen Mannes und sieht, dass er mehr will. Und deshalb lädt er ihn ein, das, was er besitzt, loszulassen, um mehr er selbst zu sein.

Aber: „Über diese Forderung war der Mann tief betroffen. Traurig ging er weg, denn er war sehr reich“, heißt es (Mk 10, 22).

Jesu Angebot ist für ihn unmöglich – jedenfalls jetzt, im Augenblick.

Aber warum ist es dem reichen Mann unmöglich? Mir kommt in den Sinn, dass es etwas mit dem Reichtum zu tun hat und mit der Sicherheit, die mit dem Reichtum scheinbar verbunden ist. Angestoßen dazu hat mich ein Gedanke eines Theologen, der meint:

Wir Menschen wissen zutiefst um die Ungesichertheit des Lebens. Vielleicht ist es uns gar nicht so bewusst, aber es prägt unser Unterbewusstsein. Wir tun viel, um mit dieser Ungesichertheit fertig zu werden, um unsere Lebensängste zu beruhigen und hoffen, dass die Kalkulation aufgeht, dass die Absicherung gelingt. Man muss ja gar nicht übertrieben ängstlich sein. Wir brauchen Sicherheit. Aber wo nehme ich die her?

Das ist die entscheidende Frage: Woher nehme ich meine Sicherheit? Auf was setze ich? Kann ich mir Sicherheit letztlich kaufen? Die Antwort Jesu ist radikal und befreiend zugleich: Die Sicherheit gibt Gott, nicht der Reichtum!

Und Reichtum kann viel umfassen: Das können alle möglichen Arten von Besitz sein: materiell wie geistig, Einfluss und Erfolg, Tüchtigkeit und Macht. All das sind Spielarten des Reichtums.

Aber lassen sich damit Unsicherheiten und Ängste wirklich beruhigen? Es scheint vordergründig vielleicht so – aber es schafft in Wirklichkeit nur neue Unsicherheiten und Ängste. Denn reicht das, was ich einmal erreicht habe, aus? Muss ich nicht immer mehr und mehr und mehr haben, damit ich mich sicher fühle? Wir werden nicht glücklicher – je mehr wir haben. Nur unruhiger – denn je mehr wir haben, desto mehr können wir auch verlieren.

Dieses Evangelium bleibt für mich beunruhigend. Vielleicht deshalb, weil der reiche Mann so viele Geschwister hat – eben auch mich. Was stelle ich nicht alles an, um meine tief verborgenen Unsicherheiten und Lebensängste zu beruhigen?

Mit dem reichen Mann frage ich: Was muss ich tun, um das ewige Leben zu gewinnen – also geglücktes, erfülltes Leben? Und ich höre Jesu verblüffende Antwort: „Nichts musst du tun. Du musst etwas lassen. Ich verstehe, dass du Sicherheit brauchst. Du brauchst etwas gegen die Angst. Nur musst du aufhören, auf das Verkehrte zu setzen. Suche die Lösung nicht in dem, was du hast, sondern in dem, was du bist.“

Es geht nicht um Haben, sondern um Sein!

Musik III (Piano Poesie, Hymn for the Child inside, CD 1, Nr.6)

Nicht Haben, sondern Sein!

Und was heißt das konkret? Es geht sicher nicht darum, aus der Krankenkasse auszutreten oder das Monatsgehalt an die Caritas zu überweisen. Meine Unsicherheiten und Ängste werde ich nicht dadurch los, dass ich auf das setze, was ich habe, sondern durch das, was ich bin.

Und das bedeutet für mich: Ich kann mir Gottes Zuwendung nicht verdienen. Gott liebt mich nicht erst dann, wenn ich mir seine Liebe durch moralisches, religiöses oder kirchliches Wohlverhalten verdient habe. Er liebt mich nicht, weil ich diese oder jene Fähigkeit habe. Gott liebt mich, weil es mich gibt.

Was es bedeutet, ganz im Sein zu leben und nicht im Haben, wird mir jedes Mal bewusst, wenn ich als Priester bei der Taufe auf das Baby schaue, das auf dem Arm der Eltern liegt, ganz geborgen ist, ganz dem Vertrauen hingegeben: Da ist jemand der mich hält und trägt. Das ist für mich ein Bild für ganz Sein, ganz Geliebtsein, ganz Angenommensein.

Der reiche Mann war wohl das Gegenteil von einem solchen Kind. Er verweist auf Leistungen: alle Gebote hat er von Kindheit an gehalten und fragt: Was muss ich jetzt noch tun?

Gar nichts sollst du tun, sondern etwas lassen. Nicht haben, – sondern sein.

Es heißt im Evangelium (vgl. Mk 10,22): Der reiche Mann ging traurig weg. Er wollte sich lieber selbst die Sicherheit verschaffen. Da hätte er gerne noch eine Portion draufgesetzt an Anstrengung, Leistung, Erfüllung von Geboten und Gesetzen. Aber loslassen – das war gegen seine Selbstbestimmung. Sich selbst loslassen, das war ihm zu riskant. So nah wollte er dem ewigen Leben und damit Gott dann doch nicht kommen.

Musik IV: (Piano Poesie, Nightprayer, CD 2, Nr.3)

Ich denke noch einmal an meinen verstorbenen geistlichen Begleiter, der mich ermutigte, nicht unter meinem Niveau zu leben. Und ich verstehe immer mehr, dieses Niveau meint nicht meine Anstrengung, sondern meint: mich anzuvertrauen, mich loszulassen in die Hände dessen, der mich trägt und der zu mir sagt. Es ist gut, dass es dich gibt, so wie du bist. Vertrau dich mir an, habe keine Angst. Ich will dir Sicherheit geben für dein Leben.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen einen gesegneten Sonntag und eine gute Woche.

Ihr Pfarrer Frank Reyans aus Grefrath.

Musik V (Piano poesie, far from yesterday, CD 2, Nr.12)

Vgl. Wolfgang Raible, Predigten für die Sonn- und Feiertage im Lesejahr B, Freiburg 2011, S.232-234.

Vgl. Hans Albert Höntges, „…weil Gott die Liebe ist“. Predigten zu biblischen Gestalten und Heiligen. S. 39.

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