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Kirche in WDR 2 | 14.12.2013 | 05:55 Uhr

Rote Äpfel

Samstagmorgen auf dem Wochenmarkt. Endlich bin ich einmal gut in der Zeit: Der Weihnachtsbaum ist schon gekauft. Sogar Kerzen habe ich schon. Fehlen nur noch schöne, tiefrote Äpfel. Denn wo an anderen Bäumen glitzernde Kugeln hängen, gibt es bei uns rote Äpfel.

Sie müssen jedoch nicht nur dunkelrot sein, sondern auch Stiele haben. Denn sonst kann ich sie nicht mit Faden und Schleife am Baum befestigen. Ich prüfe also jeden Apfel, ob er vollständig ist. Die Marktfrau beobachtet mich mit wachsendem Interesse.

„Meinen Sie wirklich, dass die mit Stiel besser schmecken?“ Ich antworte schmunzelnd, dass ich die Äpfel an den Weihnachtsbaum hängen möchte. Da guckt sie mich verblüfft an. Als wollte sie sagen: „Das ist ja noch verrückter!“

Gute Frage, warum gehören die Äpfel eigentlich an den Weihnachtsbaum? Er ist doch eine Tanne und kein Apfelbaum. Beim Lametta ist das klar: Es ersetzt Eiszapfen und Engelshaar. Kerzen und Sterne erinnern an die Heilige Nacht. Aber Äpfel?

Sie erinnern an Adam und Eva, die Menschen aus dem Paradies. Am 24. Dezember ist ihr Gedenktag. Bevor zu Weihnachten mit der Geburt von Jesus eine neue Zeit beginnt, geht die Aufmerksamkeit noch einmal auf den Anfang.

In den Kirchen wurde wurden deshalb früher Bäume mit Äpfeln aufgestellt. Wie der Baum im Paradies, an dem die verbotenen Früchte hingen. Geheimnisvoll. Verlockend. Eva konnte ihnen nicht widerstehen. Sie verführte Adam. Und beide genossen, was Gott ihnen verboten hatte.

Die Äpfel am Weihnachtsbaum müssen deshalb verführerisch leuchten. Rot wie die Sünde. Jedem muss das Wasser im Mund zusammenlaufen. Die Früchte müssen zum Zugreifen verführen. Aber das ist natürlich streng verboten! Vor dem Ende des Weihnachtsfestes darf der Baum nicht geplündert werden! Das ist genauso verboten wie beim Baum im Paradies.

Nach Weihnachten ist dann alles anders. Die Kerzen haben gebrannt. Die Lieder sind gesungen. Die Geschenke ausgepackt und in Gebrauch. Dann endlich darf der Baum geplündert werden. Als erstes müssen die Schokokugeln dran glauben. Gegen deren Cremefüllungen kommt kein Apfel an. Irgendwann hängen neben Kerzen und Sternen nur noch die roten Äpfel im Baum. Seitdem sie nicht mehr verboten sind, hat ihr Reiz nachgelassen. Sie sind bloß noch süß-saure Früchte, die mit anderen Süßigkeiten im Wettbewerb stehen.

Aber warum sind sie nicht mehr verboten? Warum frage ich die Kinder sogar, ob sie nicht einen wollen? Die Äpfel zeigen, was sich durch Jesus in der Welt verändert hat. Für Christen gibt es keine verbotenen Speisen mehr. Ich brauche keine äußerlichen Rituale zu befolgen. Muss mich keinen unverständlichen Regeln unterwerfen. Sondern es kommt auf die innere Haltung an, mit der ich etwas tue. Zum Beispiel, ob ich respektvoll mit meinen Mitmenschen umgehe. Wie die Marktfrau, die meinen Wunsch zwar etwas seltsam fand. Aber die trotzdem verstehen wollte, warum mir die Äpfel mit Stiel so wichtig waren. Wenn das gelingt, wird etwas vom Sinn des Weihnachtsfestes spürbar.

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