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Kirche in WDR 2 | 06.01.2014 | 05:55 Uhr

Abendmahl

Wir wussten nicht, wo er herkam. Er war eines Tages einfach da. Hatte seine Platte unter dem Vordach unserer Kirche gemacht. Schlafsack, Decke, Isomatte, ein paar Aldi tüten.

Sein ganzer Besitz.

Morgens hat er lange geschlafen. Und tagsüber war er dann unterwegs. Mit Schnorren, Betteln – eben irgendwie das Geld verdienen, das er zum Überleben brauchte. Seine Sachen lagen dann neben der Kirchentür wie ein Haufen Altkleider, Müll. Abends hat er dann seine Matte ausgerollt, hat sich in seinen Schlafsack gemümmelt, meistens mit einer Flasche Wein, hat geraucht und den Autos auf der Straße zugesehen. Reden wollte er nicht. Wir wussten eigentlich nichts über ihn.

Natürlich haben wir überlegt, ob das ginge. Ein Wohnungsloser direkt neben der Kirchentür.

Wie sieht das denn aus? Und alle müssen an ihm vorbeigehen? Sonntags morgens, zum Gottesdienst. Meistens hat er dann noch geschlafen, auf seiner Matte neben der Kirchentür. Danach war er aber dann oft wach. Und so wurden die Gottesdienstbesucher mit einer Sonderkollekte konfrontiert – er hielt ihnen nämlich seine Mütze hin. Kleiner Zusatzverdienst…Die einen sagten, das geht nicht. Der kann nicht hier Platte machen. Der muss sich einen anderen Ort suchen. Gäb doch genug wettergeschützte Plätze. Muss doch nicht ausgerechnet ein Kirchenvordach sein. Immerhin wäre das eine Gebetsstätte. Da wollten die Leute Gott nahe sein.

Andere führten die Nächstenliebe ins Feld, dass man sich um die Bedürftigen kümmern müsse, sie nicht einfach wegschicken könne. Entscheidend war am Ende ein ganz pragmatisches Argument. Wo sind wir denn eigentlich gelandet, wenn die Wohnungslosen noch nicht einmal mehr neben einer Kirche eine Zuflucht finden dürfen.

Er durfte bleiben, man hat ihn nicht verscheucht. Im Gegenteil: Alle gewöhnten sich nach und nach an die sonderbare Gestalt, die da neben der Tür „wohnte“. Obwohl er wirklich manchmal kein angenehmer Anblick war. Aber er tat ja nichts. Schlief oder hielt seine Mütze auf.

Ein Sonntag aber war anders. Mitten im Gottesdienst, es wurde gerade das Abendmahl gefeiert, ging die Kirchentür auf. Einige blickten sich um. Es ist ja nicht ungewöhnlich, dass Leute zu spät kommen – aber so spät? Er war es. War scheinbar früher aufgewacht als sonst. Warum er in die Kirche kam? Keine Ahnung. Aber er öffnete die Tür und kam herein. Unausgeschlafen, ungewaschen und nicht ganz nüchtern.

Dann wankte er langsam den Mittelgang entlang, bis vorne zum Altarraum. Keiner sagte etwas, als er sich in den Kreis derer stellte, die das Abendmahl feierten. Die Orgel spielte leise im Hintergrund, rechts und links machten sie ein wenig Platz und schon stand er dazwischen und blinzelte umher.

Nahm ein Stück Brot – Christi Leib für dich gegeben. Trank aus dem großen silbernen Kelch – Christi Blut für dich vergossen. Und reichte den Kelch mit einem Kopfnicken seinem Nachbarn weiter. Und der nahm ihn, trank einen Schluck und gab ihn weiter. Es war eine Abendmahlsfeier wie immer. Nur einer im Kreis war neu und sehr ungewöhnlich. Zum Segenswort nahmen sich alle an die Hand. Auch ihm – ungewaschen, mit Fahne- reichten sie die Hände.

Jesus Christus spricht, sagte der Pastor. Ihr urteilt, wie Menschen urteilen, ich urteile über keinen. (Johannes 8,15) Geht hin in seinem Frieden. Und er ging. Wankte wieder hinaus zu seinem Lager und. Hielt später seine Mütze auf. Ein paar Tage später war er weg. Wohin? Keiner wusste es. War wohl weiter gezogen.

Aber keiner, der dieses Abendmahl erlebt hat, hat es vergessen. Und ich bin immer noch sehr stolz auf diese Gemeinde, die das konnte. So Abendmahl feiern, so mit den Ärmsten auf unseren Straßen umgehen, wie Jesus es auch getan hätte. Ich hoffe, es geht ihm gut. Und dass ich ihn mal wiedersehe.

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