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evangelisch

Kirche in WDR 2 | 21.11.2017 | 05:55 Uhr

Gestern - Heute - Morgen

Sprecherin:

Wind fuhr durch ihr Haar, lieb und schüchtern wie seine Finger. Dann fragte er: „Du? Wirst du’s mir übelnehmen?“ – „Was?“ – „Ich meine: dass ich morgen nicht mit dir auf den Bahnsteig kommen werde.“

Autor:

Dann erklärt er seiner Freundin lang und breit, warum er sich nicht am Zug verabschieden will. Lärm und Leute, Getümmel und Gedränge. Und zum Schluss ein lächerlich romantischer Sprint neben dem davon rollenden Zug. All das will sich der junge Mann ersparen. Max Frisch hat in seiner „Miniaturkomödie“ aufgeschrieben, wie es weitergeht:

Sprecherin:

Ihre schmale Brust ging lautlos hoch, ganz hoch und dann langsam herunter. Er antwortete: „Nie in meinem Leben nehme ich in einem solchen Bahnhofsradau Abschied. Das tue ich nicht.“ Und wie der Rauch schleierten ihre Gedanken über die Wiese, still und langsam und etwas bitter.

Autor:

Aber am nächsten Tag steht er doch im Bahnhof. Mitten im Gedränge. Wieder fragt er seine Freundin:

Sprecherin:

„Du? Wirst du’s mir übelnehmen?“ – „Was?“ – „Ich meine: dass ich dir nicht schreiben werde. Schau, das hat wirklich keinen Sinn.“

Autor:

Wieder kommt eine lange Erklärung. Die beiden hätten eine schöne Zeit gehabt. Aber jetzt fährt sie fort. Und er kann sich nicht vorstellen, dass sie sich noch einmal begegnen werden. Deshalb sei es vernünftiger, die Vergangenheit zu vergessen. Als der Zug davon rollt, läuft er ihm trotzdem nach wie ein Hündchen. Und am nächsten Tag bekommt sie von ihm einen Brief:

Sprecherin:

„Mein Liebstes! Wenn ich dir heute also doch schreibe, obschon ich dir gesagt habe, dass ich dir niemals schreibe, so geschieht es nur deshalb, um mich vor dir zu rechtfertigen, dass ich gestern also doch auf den Bahnsteig kam, obschon ich dir sagte, dass ich niemals auf den Bahnsteig komme. Das ging nämlich so: –“

Autor:

Hier bricht Frischs Geschichte ab. Aber ich ahne, wie es weitergeht. Er will sich abgrenzen. Aber er kommt nicht von ihr los. Ihr stummer Kummer reicht völlig aus. Am nächsten Tag wird er genau das tun, was sie sich von ihm wünscht.

Mit wem soll ich eigentlich Mitleid haben? Mit ihr, dass ihr Freund so kompliziert ist? Oder mit ihm, dass er immer wieder schwach wird? Jesus hat einmal gefragt, wer eigentlich besser handle: einer, der immer „Nein“ sagt. Der dann aber doch tut, was er soll? Oder einer, der schnell zusagt. Der sich dann aber nie an sein Wort hält?

Das verändert meinen Blick auf den jungen Mann. Ein Nein, das dann doch zum Ja wird, ist vielleicht gar nicht so verkehrt. Auf jeden Fall besser, als wenn man ewige Liebe schwört – und dann nie wieder von sich hören lässt.

Quelle: Max Frisch, Miniaturkomödie, in: ders., Journalistische Arbeiten 1931-1939, herausgegeben von Carsten Niemann, Hannover 2001, S. 26-27

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