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Hörmal | 20.06.2021 | 07:45 Uhr

7 Heringe und ein Pimock

Was ein Pimock wirklich ist, das habe ich erst erfahren, als ich jetzt das Buch „Sieben Heringe“ gelesen habe, von Jürgen Wiebicke, dem WDR-Moderator. Den Pimock hab ich zwar schon oft besungen in der kölschen Immi-Hymne „unser Stammbaum“, von den Bläck Fööss, wo es ja um all die Leute geht, die irgendwann mal nach Köln gezogen sind. Aber: Ich hatte da immer an Engländer gedacht. Falsch: Pimock wurden die Deutschen genannt, die der zweite Weltkrieg aus dem heutigen Polen an den Rhein gespült hatte. Durch eine der größten Flüchtlingswellen der Geschichte; 12 bis 14 Millionen hatten damals ihre Heimat verloren: In Polen aber auch in Tschechien, in Ungarn, im Baltikum usw. Die Urkölner nannten sie abschätzig: Pimock.

Und ja, der Vater von Jürgen Wiebicke war ein solcher Pimock. Und „Sieben Heringe“, das Buch, handelt davon, dass Wiebicke seine Mutter zu ihren Erfahrungen im Krieg befragt, als es bei ihr ans Sterben geht, der Vater war kurz davor gestorben. Wiebicke macht sich daran, den Mantel des Schweigens zu lüften, in den sich seine Eltern all die Jahre gehüllt hatten.

Ganz unvermittelt kommt da eine Familiengeschichte ans Licht, wie sie womöglich überall vom Krieg zu erzählen wäre … wenn nicht die letzten Zeugen dieser Zeit gerade sterben würden…Flucht und Vertreibung sind in Wiebickes Familiengeschichte eingebrannt. Seinen Vater hatte der Weltkrieg aus Grünberg in Schlesien an den Rhein gespült. Und da hat er irgendwann Schafe  gehütet – aus lauter Not. Und vielleicht auch, weil Schafe keine Fragen stellen. Denn: Auf seiner Flucht hatte er Dinge erlebt, die ihn bis in seinen Tod verfolgten, das wird in dem Buch klar. Und irgendwann traf er beim Schafehüten auf seine Frau, ein echtes „Kölsches Mädscher“. Und es wird in dem Buch auch klar, wie deren Familie gar nichts davon hielt, dass sie sich in einen verarmten „Pimock“ verliebt hatte, in einen Kriegsflüchtling. Was diese Generation an Anfeindungen und Ängsten ausstehen musste, was sie für Hunger erlitten haben, wie sehr es um die nackte Haut ging und was für Bilder sie im Kopf ein Leben lang mit sich rumtragen mussten, das habe ich durch „Sieben Heringe“ erfahren. Ich hab das Buch gelesen am Ende der dritten Corona-Welle und ganz ehrlich: Das hat mich ganz schön kleinlaut gemacht mit Blick auf meine aktuellen Sörgchen.

Heute ist Weltflüchtlingstag. Dieser wurde 1914 von Papst Benedikt XV. unter dem Eindruck des Ersten Weltkriegs ausgerufen. Seit 2000 ist der 20. Juni weltweit  offizieller Gedenktag der UNO. Und sicher wäre es heute naheliegender, über Moria zu sprechen, über Lesbos, kurz: über die Flüchtlinge dieser Tage. Aber „7 Heringe“ hat mir in diesem Frühjahr noch mal die Flüchtlingsthematik vor Augen geführt, die mit dem 2. Weltkrieg verbunden ist. Die in unseren vermeintlich „deutschen“ Familiengeschichten steckt. Um es mal so zu sagen: Flüchtlinge – das sind nicht nur die anderen, Flüchtlinge, das waren auch „wir“. „So simmer all, hier hin jekomme“ – singen die Bläck Fööss in der Hymne „Unser Stammbaum“ und zeigen das Positive auf, das darin liegt, wenn Menschen aus unterschiedlichen Teilen der Welt zusammen kommen. Aber: Mit jeder Flucht geht auch ein Stück Heimat verloren. Zerbricht auch was. Und das braucht zum Teil Jahre, bis das ins Wort gebracht wird, wie in „Sieben Heringe“.

Morgen wird in Berlin ein Museum eröffnet, 76 Jahren nach Kriegsende. Nach Jahrzehnten des Ringens gibt es dann in der Nähe des Potsdamer Platzes einen Ort für das Gedenken an Flucht und Vertreibung. Ich hoffe, dieses neue Museum hilft auf seine Art, den Mantel des Schweigens der Nachkriegswirren zu lüften. Dass sagbar und dass darstellbar wird, was damals geschehen ist. Wir Deutschen haben – weiß Gott – unsere Schuld an jenem Weltkrieg. Aber es gibt eben nicht nur deutsche Tätergeschichten, es gibt auch die deutschen Opfergeschichten. Und beide müssen erzählt werden. Allein deshalb, weil dadurch das Mitgefühl für diejenigen wächst, die heutzutage von Flucht und Vertreibung betroffen sind.

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