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Hörmal | 12.06.2022 | 07:45 Uhr

Sichtweisen

„Wissen Sie, Herr Pfarrer, wenn ich mal gehen muss, dann scheide ich im Frieden aus diesem Leben. Ich bin immer gut mit allen klargekommen, in meinem Beruf ist es prima gelaufen und mit meiner Familie hatte ich es auch immer schön!“

Ich sitze auf dem Sofa, einem älteren Mann gegenüber, der nicht mehr gut laufen kann, aber sonst einen sehr rüstigen Eindruck macht. Zunächst hat er mir seine Krankheitsgeschichte erzählt. Und nun kommt noch die halbe Lebensgeschichte. Seine Tochter sitzt daneben und wirkt etwas unbeteiligt. Seine Frau ist vor zwei Jahren gestorben.

Das scheint er aber ganz gut überwunden zu haben. Tatsächlich wirkt er sehr zufrieden mit sich und der Welt, erzählt hier mal ein Döneken und da was von seiner Arbeit und weil er kaum eine Pause macht, frage ich mich irgendwann, wie ich elegant aus diesem Gespräch wieder herauskomme.


Nachdem mir das einigermaßen gelungen ist, begleitet mich die Tochter nach draußen. Doch als ich schon fast aus der Haustür bin, fragt sie mich: „Haben Sie noch einen Moment Zeit?“ Klar, hab‘ ich. „Ich kann Sie noch nicht gehen lassen“, sagt sie etwas atemlos. „Erst muss ich mit dieser Lebenslüge aufräumen.“ Ich schaue die Frau ein bisschen verständnislos an. Und da bricht es förmlich aus ihr heraus: „Ich glaube, mein Vater meint das wirklich, was er gesagt hat. Der sieht sein Leben so! Aber in Wirklichkeit war es ganz anders! Meine Mutter ist nicht halb so glücklich gewesen, wie er behauptet. Die hat unheimlich darunter gelitten, dass mein Vater nur seine Arbeit kannte. Ein paar Affären hat er auch gehabt. Meine Mutter hat das immer überspielt. Aber ich bin sicher, dass sie am liebsten alles hingeschmissen hätte. Mein Bruder hat das im Übrigen gemacht. Der hat den Kontakt zu meinen Eltern längst abgebrochen. Davon hat mein Vater natürlich nichts erzählt! Und wenn ich nicht dieses verdammte Pflichtgefühl hätte …“. Sie beendet den Satz nicht. Bestimmt könnte sie noch viel mehr erzählen, aber ihr stehen so schon die Tränen in den Augen. Deswegen verabschiedet sie sich schnell und schließt die Tür.


Da stehe ich nun und denke: „Mannomann! Zwei völlig unterschiedliche Sichtweisen auf ein und dasselbe Leben!“ Meine Sympathien sind klar verteilt, keine Frage. Aber trotzdem weiß ich nicht, welche Sichtweise die richtige ist. Oder ob die Wahrheit irgendwo dazwischen liegt.

Letztlich muss ich diese Entscheidung Gott überlassen. In dem Vertrauen, dass er die richtige Sichtweise hat. Auf das Leben dieses Mannes und auf meins und auf Ihres. Gott sieht unser Leben weder beschönigend an noch voller Frust. Er sieht es ehrlich an. Er weiß, wie es wirklich ist. Aber bei aller Gerechtigkeit hat er auch immer Gnade und Freundlichkeit im Blick. Darauf können wir uns verlassen.


Redaktion: Sabine Steinwender-Schnitzius

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