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Kirche in WDR 2 | 18.01.2023 | 05:55 Uhr

Unerzählt

Ich hatte Angst, dass sie wegschalten, wenn der Kitschigkeitsfaktor zu groß wird. Weil ich das nämlich so machen würde, wenn’s mir zu kitschig wird, schon früh morgens im Radio. Und trotzdem erzähle ich sie jetzt, die Geschichte vom Heiligabend 2011, weil ich glaube, solche Geschichten müssen erzählt werden:

An diesem 24.12. bin ich morgens über den Münsteraner Wochenmarkt gelaufen. Ziemlich traurig und planlos zwischen all denen, die eilig ihre letzten Besorgungen machen wollten. Es war das erste Weihnachtsfest ohne meine Mutter, die in dem Jahr unerwartet gestorben ist. Und ich konnte mir an diesem Morgen überhaupt nicht vorstellen, wie sowas wie Festtagsstimmung aufkommen sollte. Für meine Mutter war Weihnachten nämlich das Größte. Und ein wesentlicher Bestandteil des Fests war in unserer Familie, uns darüber zu freuen, ja mitunter kaputtzulachen, wie sehr sie zwischen Baum, Päckchen, Glitzer und Raclette im Kreis grinste. Das war einfach ihr Ding.

An diesem Heiligabend 2011 versuchte ich auf dem Wochenmarkt an einem der Blumenstände etwas fürs Grab zu finden. Mein Versuch, ihr eine Freude zu machen. Oder mir. Die Auswahl an den Ständen war riesig aber nichts passte. Wie das so ist, wenn gerade nichts passt.

Und das scheint er gesehen zu haben. „Frohe Weihnachten, trotzdem!“ höre ich, noch bevor ich den Mann überhaupt sehe.

Er sitzt am Marktrand auf seinen Habseligkeiten. Vor ihm ein paar geschnitzte kleine Holzsachen: Ein Baum, ein Haus. Alles nicht größer als ein Zwei-Euro-Stück, alles sieht aus wie von einem Kind, das gerade erst anfängt, mit dem schnitzen. Mir hält er ein kleines Herz entgegen. Ziemlich flach, ein bisschen ungleichmäßig. Aber das Herz ist zu erkennen. Ich nehme es in die Hand, bedanke mich und krame nach dem Portemonnaie. Der Mann scheint obdachlos zu sein, die selbstgeschnitzten Sachen seine Einkommensquelle. „Nee, lassen Sie mal, das schenke ich Ihnen!“ winkt er ab. Und mir ist klar: dass ist ihm wichtig, mir das zu schenken. Ich hab mich also nochmal bedankt und bin ohne Blumen nach Hause gegangen. Ziemlich gerührt über das unverhoffte Geschenk und darüber, dass dieser Wildfremde mich gesehen und mich damit auch ein bisschen getröstet hat. Das hat er tatsächlich, weil ich mit dem Holzherz in der Jackentasche dachte: Vielleicht wird es heute Abend ähnlich: Unperfekt aber schön.

Ich habe ihnen nicht zu viel versprochen. Das klingt schon kitschig. Und deshalb weiß bisher kaum einer von diesem Mann und seinem Geschenk.
Und immer mal wieder, wenn ich das besagte Holzherz auf meinem Schreibtisch liegen sehe, überkommt mich genau deswegen ein schlechtes Gewissen. Weil ich ahne, genau wie ich, beherbergen viele von uns solche Geschichten, vermutlich alle. Und erzählen sie nicht. Wie schade ist das bitte?

Denn das sind Geschichten, die uns daran erinnern, zu wieviel Empathie wir Menschen fähig sind, wie gut wir uns oft sogar als Wildfremde tun.

Das Jahr ist noch jung, deshalb habe ich jetzt mit meiner Holzherzgeschichte vorgelegt. Und ich hoffe, Sie legen nach und bringen ihre kleinen Wohltat-Geschichten unters Volk. Diese Geschichten müssen unters Volk. Sie erzählen von dem, worauf es ankommt: Mensch bleiben.

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