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Kirche in WDR 3 | 27.01.2015 | 07:50 Uhr

Schreien

Der Mund ist geöffnet, die großen Hände an die Wangen gelehnt, trichterförmig, ein kahlköpfiger Mensch mit großen, aufgerissenen Augen.

Guten Morgen!

Das Bild des Norwegers Edvard Munch ist weltbekannt: „Der Schrei“. Nicht zuletzt, weil es eine Grundreaktion des Menschen zeigt: die Reaktion auf Leid, Not, Entsetzen. Expressiv unterstreicht es der Künstler noch durch seine starken Farben: Da ist ein feuerroter Himmel und eine blaue Umgebung; der Kopf ist gelblich, die Kleidung dunkel. Der schreiende Mensch steht einsam und verlassen auf einem Steg. Im Hintergrund sind Menschen zu sehen, scheinbar unberührt vom Geschehen.

Die Erfahrungen, die sich im Schrei widerspiegeln, sind Erfahrungen eines Menschen, der angesichts von Leid und Schmerz in der Welt und im eigenen Leben Ohnmacht und Angst spürt. Munch selbst hat diese erleben müssen. Seine Mutter, seine Schwester und sein Bruder – alle drei sterben kurz nacheinander.

Leid und Schmerz und die Erfahrung des Verlustes von lieben Menschen gehören zum menschlichen Leben dazu, aber sie werden nur wider willig von uns angenommen. Leid und Schmerz machen uns Menschen verletzlich, mürbe und treffen uns oft bis ins Mark. Menschen haben aber auch unterschiedliche Arten, mit Leid und Verlust umzugehen, einige schreien laut und vernehmlich auf – wie es das Bild von Edvard Munch zeigt. Anderen widerfährt ein stummer Schrei, und sie werden geradezu sprachlos. Wieder andere fressen den Schmerz in sich hinein.

Egal, wie die Menschen damit umgehen, verletzen und treffen tun Schmerzen, das Leid und der Verlust sie allemal. Heute, am Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocausts, mit den Millionen Opfern von Hass und menschenverachtenden Ideologien möchte ich aufschreien so wie der Mensch auf Munchs Gemälde:

Beim Schreien angesichts des Leidens und Schmerzens in der Welt stehe ich in einer langen Tradition. Bereits die alttestamentlichen Psalmbeter schrieen zu Gott. In Psalm 142 heißt es: „Herr, ich schreie zu dir, ich sage: Meine Zuflucht bist du, mein Anteil im Land der Lebenden. Vernimm doch mein Flehen, denn ich bin arm und elend. Meinen Verfolgern entreiß mich, sie sind viel stärker als ich.“ (V. 6f.)

Der Psalm spiegelt nicht nur den Aufschrei aus der Not wider. Er macht auch deutlich, dass der Mensch Gott wirklich alles sagen kann. So, wie er ihn für die Schönheiten des Lebens lobt, so klagt er auch angesichts der Ungerechtigkeiten, des Leidens in dieser Welt. Mir zeigt das: Ich muss nichts vor Gott zurückhalten.

Und ich glaube als Christin, dass mein Schreien und Klagen nicht ins Leere hineinhallt. Ich muss nicht im Schmerz die Zähne zusammenbeißen, sondern habe eine Adresse, zu der ich schreien darf. Mit all meinem Unverständnis angesichts des Leidens in der Welt darf ich zu Gott schreien. Ermutigt werde ich dazu von Jesus selbst. In den Stunden seiner tiefsten Verzweiflung und seines Leidens am Kreuz beginnt er, der gläubige Jude – ganz in der Tradition seines Volkes zu beten: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Bist fern meinen Schreien, den Worten meiner Klage?“ Der Vers stammt aus Psalm 22 und spiegelt die Lebenserfahrung des leidenden Menschen wider. Jesus selbst klagt Gott an. Und zugleich betont er damit Gottes Existenz. Für Jesus steht bei allem Leid fest: Gott ist der Andere, ist der Größere, er ist da.

Ich darf vor Gott schreien, ich darf es auch stellvertretend tun für die vielen Opfer der Geschichte, die keine Stimme mehr haben. Was bleibt, ist die Hoffnung im Glauben, dass Gott am Ende stärker ist als alles menschliche Leid und dass unser Schreien bei ihm nicht ungehört bleibt. Es ist im Letzten die Hoffnung darauf, dass Gott so groß ist, dass meine Schreie bei ihm nicht verhallen.

Meike Wagener-Esser aus Duisburg.

Copyright Vorschaubild: Dierk Schaefer CCBY 2.0 flickr

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